Ist die Migrationskrise weitgehend gelöst, und hat Deutschland sieben Jahre ohne Wachstum hinter sich? Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hat die Bilanz der Bundesregierung im Gespräch bei „maischberger“ verteidigt. Beides sind weitreichende Aussagen, bei denen die gewählten Maßstäbe entscheidend sind.
Der Dokumentencheck zeigt: Die Zahl der Asylerstanträge ist deutlich gesunken, schon vor dem Amtsantritt der jetzigen Regierung. Die Zahlen allein belegen weder, dass sämtliche migrationspolitischen Aufgaben gelöst sind, noch welche einzelne Maßnahme den Rückgang verursacht hat. Bei der Wirtschaft bestätigen Analysen eine lange Schwächephase. Das schließt einzelne Jahre mit positivem Wachstum nicht aus. Die jüngsten Quartalsdaten zeigen eine Erholung, deren Dauer offen ist.
Stand: 4. November 2026. Wir stützen die sinngemäße Einordnung des Gesprächs vom 3. November auf die deutschen Untertitel der ARD-Gesamtsendung und einen schriftlichen Bericht von HNA/teleschau. Untertitel können die Rede verkürzen oder fehlerhaft wiedergeben; eine eigene Hörprobe lag diesem Check nicht zugrunde. Die Daten stammen aus den jeweils genannten statistischen Quellen und Auswertungen.
1. Was sagt die Zahl der Asylanträge?
Weimer bewertet die Migrationslage in der Sendung als weitgehend gelöst. Der schriftliche Bericht von HNA/teleschau ordnet seine Aussage der Regierungsbilanz zu. Ob die Situation insgesamt gelöst ist, hängt von den Kriterien ab: Dazu können etwa Unterbringung, Integration, Verfahren, rechtmäßige Rückführungen und der Schutz verfolgter Menschen gehören. Eine einzelne Kennzahl kann diese politische Gesamtbewertung nicht abschließend bestätigen.
Die Zahl der Asylerstanträge liefert jedoch einen wichtigen Teilbefund. Für 2023 werden 329.120, für 2024 229.751 und für 2025 113.236 Erstanträge ausgewiesen. Die Zahlen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge stehen auch in einer öffentlichen Darstellung der Stadt Herne. Von 2024 auf 2025 ist das ein Rückgang um rund 51 Prozent; der Rückgang hatte 2024 bereits begonnen, bevor Friedrich Merz 2025 Bundeskanzler wurde.
Erstanträge sind nicht dasselbe wie sämtliche Einwanderung. Sie umfassen auch Anträge für in Deutschland geborene Kinder; viele Geflüchtete aus der Ukraine nutzen den vorübergehenden Schutz, ohne einen Asylantrag zu stellen. Andere Aufenthaltsgründe wie Arbeit oder Familiennachzug fallen ebenfalls nicht automatisch unter diese Kennzahl.
2. Warum der Vergleich für 2026 eine Fußnote braucht
Auch für 2026 zeigen Auswertungen einen Rückgang. Das Bremer Institut für Arbeitsmarktforschung und Jugendberufshilfe zitiert für Januar bis September 2026 51.982 Erstantragstellende gegenüber 87.787 im Vorjahreszeitraum. Das sind rechnerisch rund 41 Prozent weniger. Der Mediendienst Integration berichtet ebenfalls von einem Rückgang der Erstanträge um rund 41 Prozent.
Seit der Reform des europäischen Asylsystems im Juni 2026 sind die Daten aber nur eingeschränkt mit früheren Zeiträumen vergleichbar. Eine zusätzliche, breiter gefasste Kategorie heißt „Neuzugänge“ und umfasst neben Erstanträgen bestimmte grenzüberschreitende Folgefälle und weitere Angaben. Für Januar bis September werden 55.366 Neuzugänge genannt. Diese Zahl ist nicht mit der engeren Zahl der Erstantragstellenden gleichzusetzen.
Das BAMF-Original-PDF für September war bei unserem direkten Abruf nicht zugänglich. Die 2026er Werte sind daher nach den genannten Auswertungen wiedergegeben; wir haben die Originaldatei nicht selbst überprüft. Nach einer weiteren BAMF-basierten Auswertung waren Ende September beim Bundesamt noch 51.234 Anträge offen. Diese Momentaufnahme umfasst nicht alle Verfahren bei Gerichten oder Aufgaben von Kommunen.
3. Welche Wirkung lässt sich der Regierung zuschreiben?
Regierungen können beispielsweise mit Regeln, Kontrollen und Zusammenarbeit Einfluss nehmen. Aus der Veränderung der Antragszahlen allein lässt sich aber nicht herausrechnen, welcher Anteil auf eine einzelne Maßnahme zurückgeht. Entwicklungen in Herkunftsländern, auf Fluchtrouten und in anderen Staaten können ebenfalls eine Rolle spielen.
Die EU-Asylagentur EUAA meldete für 2024 EU+-weit elf Prozent weniger Asylanträge als 2023. Das Gebiet und die erfassten Anträge sind nicht identisch mit den deutschen Erstanträgen; ein direkter Zahlenvergleich wäre deshalb falsch. Die europäische Entwicklung zeigt aber, dass sinkende Antragszahlen keine erst 2025 ausschließlich in Deutschland einsetzende Erscheinung waren. Über die genaue Wirkung der deutschen Politik entscheidet dieser Befund allein nicht.
4. Was bedeuten „sieben Jahre kein Wachstum“?
Weimer spricht in den ARD-Untertiteln von sieben Jahren ohne Wachstum; HNA/teleschau gibt die Passage ebenfalls wieder. Welchen exakten Anfangs- und Endpunkt er zugrunde legt, geht daraus nicht eindeutig hervor.
Für eine längere Schwächephase gibt es einen Beleg: Eine ifo-Analyse vom Februar 2026 beschreibt die preisbereinigte Wirtschaftsleistung 2025 auf der damaligen Datenbasis als nur wenig höher als 2019. Die Daten können nachträglich revidiert werden. Über einen längeren Zeitraum wenig Fortschritt zu machen bedeutet dabei nicht, dass es in jedem einzelnen Jahr einen Rückgang oder Stillstand gegeben haben muss.
So weist das Statistische Bundesamt für 2025 ein preisbereinigtes Wachstum von 0,2 Prozent zum Vorjahr aus; für 2024 ergab seine spätere Sommerrevision eine Stagnation von 0,0 Prozent. Das widerlegt keine längere Schwächephase, grenzt aber die verschiedenen Bedeutungen von „kein Wachstum“ ein. Aus dem gesamten Bruttoinlandsprodukt folgt zudem nicht unmittelbar, wie sich das Einkommen jedes einzelnen Haushalts entwickelt hat.
5. Wie stark ist die Erholung 2026?
Das Statistische Bundesamt meldete für das dritte Quartal 2026 ein Plus von 0,2 Prozent zum Vorquartal, preis-, saison- und kalenderbereinigt. Im Vergleich zum dritten Quartal 2025 lag die Wirtschaftsleistung preisbereinigt um 1,3 Prozent höher; zusätzlich kalenderbereinigt betrug das Plus 1,2 Prozent. Diese unterschiedlichen Vergleichszeiträume stehen in der vom Bundesamt veröffentlichten Mitteilung. Das sind vorläufige Quartalswerte und noch kein Ergebnis für das ganze Jahr.
Die Bundesregierung rechnet in ihrer Herbstprojektion mit 1,3 Prozent Wachstum für 2026 und 1,1 Prozent für 2027. Das sind Prognosen. Ob der Aufschwung anhält und welche Faktoren ihn wie stark beeinflussen, bleibt offen.
Fazit: Zahlen erklären einen Teil der Bilanz
Weniger Asylerstanträge und eine langfristig schwache Wirtschaftsentwicklung sind anhand der genannten Quellen nachvollziehbar. Was eine „gelöste“ Migrationslage ausmacht, ist eine breitere politische Frage. Beim Wachstum kommt es auf den Zeitraum und die Vergleichsgröße an. Aus beidem allein lässt sich weder ein Gesamturteil über die Regierung noch eine eindeutige Ursache ableiten.
