Mehr als 40 Billionen Dollar US-Staatsschulden, steigende Renditen, ein angeblich gefährlicher September und Bitcoin als Ausweg: Im ntv-Zertifikate-Talk vom 5. September verbindet Raimund Brichta diese Themen mit den Marktstrategen Dirk Heß und Daniel Saurenz. Manche Ausgangsdaten sind überprüfbar. Daraus folgt jedoch weder ein feststehender Börsenrückgang noch ein sicherer Einstiegspunkt.
Unser Ergebnis: Die Schuldenschwelle und die angekündigte Ausweitung bestimmter Anleiherückkäufe sind belegt. Die September-Saisonalität hat eine historische Grundlage, ist aber keine Prognose für 2026. Bei Discount-Zertifikaten und Bitcoin fehlen in verkürzten Sicherheitsargumenten wesentliche Risiken. Geprüft werden die zentralen Schulden-, Saison- und Produktthesen des vollständigen, rund 22-minütigen Originalgesprächs; individuelle Kaufempfehlungen und persönliche Portfolios werden nicht bewertet. Recherchestand: 8. September 2026.
40 Billionen Dollar: richtige Größenordnung, begrenzte Aussage
Der amtliche Datensatz Debt to the Penny weist für den 18. August rund 40,047 Billionen Dollar aus; am 17. August waren es rund 39,987 Billionen. Die Grenze wurde damit in dieser Datenreihe bereits im August überschritten. Der jüngste in unserem Abruf gelieferte Tageswert vom 3. September liegt bei rund 40,103 Billionen Dollar. Das ist ausdrücklich kein live aktualisierter Stand des Veröffentlichungstags.
Gemeint ist die gesamte ausstehende Bundesschuld einschließlich innerstaatlicher Forderungen. Sie darf nicht mit der engeren Kategorie der außerhalb der Bundesregierung gehaltenen Schulden verwechselt werden. Auch ein großes nominales Schuldenvolumen beschreibt allein nicht die Zahlungsfähigkeit. Dafür sind unter anderem Steuereinnahmen, Wirtschaftsleistung, Zinsen und Laufzeiten relevant. Die Februarprojektion des Congressional Budget Office zeigt gerade, dass Wachstum und steigende Schulden gleichzeitig auftreten können. Die optimistische Gesprächsthese, die USA würden ihre Schulden über Wachstum lösen, bleibt daher eine Zukunftserwartung. Eine sichere Entwarnung liefert sie nicht.
Was Bessent tatsächlich verdoppeln lässt
Das US-Finanzministerium hat am 19. August mindestens doppelt so große Rückkaufoperationen angekündigt: Statt höchstens zwei sollen mindestens vier Milliarden Dollar je Operation für bestimmte länger laufende nominale Staatsanleihen möglich sein. Betroffen sind die Laufzeitsegmente zehn bis zwanzig und zwanzig bis dreißig Jahre. Die Änderung gilt ab 9. September bis zum Ende des betreffenden Finanzierungsquartals am 4. November.
Das ist keine Verdoppelung aller staatlichen Rückkäufe und erst recht kein Erlass der gesamten Schulden. Es handelt sich um Liquiditätsunterstützung am Anleihemarkt. Die Meldung stammt vom Finanzministerium, nicht von der Notenbank. Im Gespräch wird diese Zuständigkeit nach einer Verwechslung auch korrigiert. Ob das Programm Renditen dauerhaft senkt, steht damit nicht fest. Eine zeitgleiche Bitcoin-Bewegung beweist ebenfalls nicht, dass diese Ankündigung ihre alleinige Ursache war.
Der schwache Börsenmonat ist keine Verkaufsregel
Für den S&P 500 dokumentierte S&P Dow Jones Indices in einer Auswertung von 2022 einen durchschnittlichen Septemberverlust von 1,03 Prozent seit 1928. Damit ist der schlechte Ruf nicht erfunden. Die konkrete Zahl gehört jedoch zu dieser damaligen Auswertung, diesem Index und diesem Zeitraum. Sie ist kein aktueller Durchschnitt aller Aktienmärkte.
Ein negativer Mittelwert sagt außerdem nicht, dass jeder September negativ ausfällt. Selbst eine regelmäßig beobachtete Saisonalität lässt offen, wie stark ein einzelnes Jahr abweicht und ob eine daraus abgeleitete Strategie nach Kosten funktioniert. Die Gesprächspartner räumen selbst ein, dass eine erwartete Korrektur ausbleiben kann. Ihre Kurszonen für den DAX und Erwartungen für September oder den Jahreswechsel sind Szenarien, keine festgestellten Tatsachen. Wir übernehmen deshalb weder die genannten Einzelaktienkurse noch die Rangfolge der Indexschwergewichte als frisch geprüfte Tagesdaten.
Ein Angstindikator findet keinen sicheren Tiefpunkt
Im Gespräch werden der Fear-and-Greed-Index sowie VIX und VDAX als Orientierung für antizyklische Einstiege diskutiert. Das sind keine austauschbaren Messgeräte: Ein zusammengesetzter Stimmungsindikator und die aus Optionspreisen abgeleitete erwartete Schwankung messen Unterschiedliches. Die Methodenstudie von S&P und Cboe zum VIX beschreibt ausdrücklich unvollkommene Prognosen und Überraschungsrisiken.
Hohe erwartete Schwankung kann eine nervöse Marktphase kennzeichnen. Daraus folgt kein garantierter Kursanstieg am nächsten Tag oder nach einem bestimmten Schwellenwert. Gestaffelte Käufe verteilen Einstiegszeitpunkte; sie beseitigen das Verlustrisiko nicht. Die behauptete gute Erfahrung mit einer eigenen Strategie ist zudem kein unabhängig geprüfter Erfolgsnachweis. Dafür wären eine vollständige Renditereihe, Kosten, Vergleichsmaßstab und Verlustphasen nötig.
Discount-Zertifikate: Puffer gegen einen begrenzten Gewinn
Die Deutsche Börse erklärt das Grundprinzip: Ein Preisabschlag gegenüber dem Basiswert wird mit einer begrenzten maximalen Auszahlung erkauft. Ein solches Produkt kann unter bestimmten Kursverläufen besser abschneiden als ein Direktkauf. Es ist jedoch kein gewöhnlicher Aktienkauf zum Sonderpreis mit unveränderten Rechten und Chancen.
Ein vereinfachtes Rechenbeispiel verdeutlicht die Grenze: Kostet ein Zertifikat 90 Euro und liegt seine maximale Auszahlung bei 100 Euro, beträgt der mögliche Gewinn vor Kosten höchstens zehn Euro. Würde bei Fälligkeit wegen des Basiswerts nur 70 Euro ausgezahlt, wären 20 Euro verloren. Das ist eine Illustration, kein reales Produktangebot. Hinzu kommt das Bonitätsrisiko des Emittenten. Die US-Wertpapieraufsicht erläutert dieses Risiko bei strukturierten Schuldverschreibungen sogar für Produkte mit Schutzversprechen. Das Wort defensiv bedeutet somit weder Einlagensicherung noch Verlustfreiheit.
Bitcoin: institutioneller Zugang ist keine Inflationsgarantie
Die Zulassung von US-Spot-Bitcoin-Produkten ist real: Die SEC genehmigte entsprechende Börsennotierungen am 10. Januar 2024. Das eröffnet einen regulierten Handelsweg, bestätigt aber weder einen fairen Bitcoin-Preis noch dauerhafte Stabilität. In ihren Offenlegungshinweisen von 2025 verlangt die SEC weiterhin die Darstellung erheblicher Preis- und Verwahrrisiken.
Bitcoin ist kein Anspruch auf einen staatlich zugesagten Inflationsausgleich. Auch wenn Anleger ihn als Schutz gegen Geldentwertung erwerben, kann sein Marktpreis fallen. Eine solche Motivation belegt keine verlässliche Schutzwirkung. Ähnlich wenig beweist die Aussage, 60 Prozent hätten ihre Position zwölf Monate nicht verändert: Im Gespräch fehlt eine nachvollziehbare Datengrundlage. Unbewegte Coins oder Adressen wären zudem nicht automatisch dieselbe Größe wie die Zahl unterschiedlicher Anleger. Wir bewerten diese konkrete Quote als unbelegt.
Was am Stichtag offen bleibt
Die genannte 80-Prozent-Erwartung einer Fed-Zinserhöhung wird ohne belastbar zugeordneten Erhebungszeitpunkt und Datenanbieter nicht bestätigt. Gleiches gilt für den als möglich genannten Senatstermin zum CLARITY Act: Die von uns abgerufene amtliche Verfahrensübersicht reicht nicht aus, um einen festen Septembertermin zu belegen. Selbst ein späterer Gesetzesbeschluss würde keine bestimmte Bitcoin-Kursreaktion garantieren.
Fazit: Der Talk verbindet reale finanzielle Entwicklungen mit persönlichen Handelsstrategien. Belastbar sind die amtlich dokumentierte Schuldenschwelle, das genau begrenzte Rückkaufprogramm und grundlegende Produktmechanismen. Ein sicherer Börsentiefpunkt, garantierter Inflationsschutz oder ein schon feststehender Krypto-Kursschub lassen sich daraus nicht ableiten.
