Stand: 6. September 2026. 504.000 Euro oder 812.000 Euro: So stark unterscheidet sich in einem neuen Finanztip-Video das benötigte Altersvorsorgevermögen, wenn eine schlechte Börsenphase den Ruhestand gleich am Anfang trifft. Die wichtigste Botschaft stimmt: Wer gleichzeitig Geld entnimmt, kann sich auf eine durchschnittliche Rendite allein nicht verlassen.
Unsere Einordnung: Das Renditereihenfolgerisiko wird richtig erklärt. Die konkreten Vermögensziele und die 15-Prozent-Sparregel bleiben jedoch Szenarien mit erheblichen Bedingungen. Bei der Rentenlücke passen außerdem zwei im Video verwendete Rechenwege nicht vollständig zusammen. Grundlage ist das vollständige Original vom 6. September.
Warum die Reihenfolge tatsächlich zählt
Das lässt sich ohne Prognose und ohne speziellen Rechner zeigen. Wir beginnen mit 100 Geldeinheiten und entnehmen jeweils am Jahresende zehn. Zuerst minus 20 Prozent, dann plus 25 Prozent: Nach dem ersten Jahr bleiben 70, nach dem zweiten 77,50. In umgekehrter Reihenfolge bleiben erst 115 und schließlich 82. Ohne Entnahmen würden beide Reihenfolgen wieder genau 100 ergeben.
Die Differenz entsteht, weil nach dem frühen Verlust Geld aus einem bereits geschrumpften Vermögen abfließt. An der späteren Erholung nimmt entsprechend weniger Kapital teil. Ein später Kursrückgang ist deshalb keineswegs harmlos, kann aber unter ansonsten gleichen Bedingungen weniger Schaden für den Entnahmeplan anrichten. Die Aussage hängt auch von Entnahmehöhe, Reserve und weiterer Laufzeit ab.
Was hinter den großen Eurobeträgen steckt
Das Beispiel startet mit einem 30-jährigen Menschen, der bis 67 spart und anschließend bis 100 plant. Es unterstellt sechs Prozent jährliche Aktienrendite, zwei Prozent für den sicheren Anteil und eine Aufteilung von 80 zu 20 im Ruhestand. Daraus ergibt sich rechnerisch eine gewichtete Annahme von 5,2 Prozent vor persönlichen Steuerwirkungen – nicht sechs Prozent für das gesamte gemischte Vermögen.
Die Angaben 504.000 Euro ohne frühe Krise, 812.000 Euro bei einer Krise zu Beginn, 576.000 Euro in der Mitte und 362.000 Euro bei spätem Einbruch sind Ausgaben des vorgeführten Modells. Wir haben nicht den gesamten Rechnercode einschließlich Steuer- und Verkaufslogik unabhängig nachgebaut. Die Methodenerläuterungen des Anbieters weisen selbst auf veränderbare Annahmen und die starke Empfindlichkeit gegenüber Renditeänderungen hin.
Eine reale Lücke zwischen zwei Rechenwegen
Zu Beginn werden rund 4.500 Euro monatliche Ausgaben und 2.800 Euro gesetzliche Rente mit 67 angesetzt. Die Lücke beträgt 1.700 Euro. Danach sollen die Ausgaben jährlich um zwei Prozent, die Rente um 1,7 Prozent steigen. Mit diesen gerundeten Ausgangswerten beträgt die Differenz zehn Jahre später rund 2.171 Euro und nach zwanzig Jahren rund 2.764 Euro.
Wer dagegen nur die anfänglichen 1.700 Euro jährlich um zwei Prozent erhöht, erhält rund 2.072 beziehungsweise 2.526 Euro. Genau zu diesem niedrigeren Verlauf passen die später im Video gezeigten Entnahmen von ungefähr 2.000 und 2.500 Euro. Im zweiten Rechenweg fehlt die zusätzliche Lücke durch die langsamer steigende gesetzliche Rente. Nach zwanzig Jahren macht das in unserer Kontrollrechnung rund 238 Euro monatlich aus.
Rundungen können kleine Abweichungen erklären, aber nicht das unterschiedliche Prinzip. Soll der ursprüngliche Lebensstandard tatsächlich finanziert werden, muss die Entnahme den Abstand zwischen beiden Zahlungsströmen decken. Aus einer Rechnung mit bloßer Inflationsanpassung folgt dieses Ergebnis nicht automatisch.
Auch zwei Prozent Inflation sind eine Annahme
Die Aufzinsung des heutigen Bedarfs ist grundsätzlich korrekt: 2.150 Euro wachsen bei zwei Prozent über 37 Jahre auf etwa 4.473 Euro. Das erklärt die gerundeten 4.500 Euro. Das Zwei-Prozent-Ziel der EZB bezieht sich allerdings auf die mittelfristige Preisentwicklung im gesamten Euroraum. Es garantiert weder gleichmäßige jährliche Teuerung noch die persönliche Kostenentwicklung eines Rentnerhaushalts. Auch 1,7 Prozent jährliches Rentenwachstum über Jahrzehnte sind keine zugesicherte Leistung.
Ein schweres Krisenszenario ist keine äußerste Grenze
Ab 6:45 werden schlechte historische Börsenjahre an den Anfang verschoben. Danach setzt das Modell ausdrücklich bessere Renditen ein, sodass über die gesamte Laufzeit wieder der vorgegebene Aktienertrag herauskommt. Das isoliert den Reihenfolgeeffekt anschaulich. Es garantiert aber gerade nicht, dass eine künftige Krise ebenso verläuft oder rechtzeitig vollständig ausgeglichen wird.
Die Bezeichnung als annähernd schlimmster Fall ist deshalb zu stark, wenn man sie als belastbare Untergrenze für jedes denkbare Zukunftsszenario versteht. Länger schwache Märkte, höhere Inflation oder zusätzliche Ausgaben können ungünstiger sein. Dass ein breit gestreuter Fonds nicht dasselbe Einzelunternehmensrisiko wie eine einzelne Aktie trägt, beseitigt diese Risiken nicht.
Was an 249 Euro und 15 Prozent plausibel ist
Die Größenordnung der Sparrate lässt sich nachvollziehen. In unserer separaten Kontrollrechnung ergeben 249 Euro monatlich, jährlich um zwei Prozent erhöht, über 37 Jahre bei effektiv sechs Prozent Jahresrendite und Einzahlung am Monatsende rund 503.000 Euro. Mit 400 Euro sind es rund 808.000 Euro. Kleine Unterschiede zu den gerundeten Videozahlen können durch Zahlungszeitpunkt und Rundung entstehen.
Diese Rechnung enthält keine Garantie und keine individuellen Steuerabflüsse während des Ansparens. Sie setzt außerdem durchgängige Einzahlungen und eine jährliche Erhöhung voraus. Die Ansparphase wird im Video vollständig in Aktien modelliert, die spätere Entnahmephase mit zusätzlichem sicheren Anteil. 400 Euro entsprechen bei 2.700 Euro netto ungefähr 14,8 Prozent. Dass diese Quote in einem Beispiel passt, belegt noch keine statistisch bestimmte Erfolgswahrscheinlichkeit für alle Erwerbsbiografien.
Steuern und langes Leben bleiben eigene Prüfstellen
Für steuerlich als Aktienfonds eingestufte Anlagen im Privatvermögen sieht § 20 Investmentsteuergesetz eine Teilfreistellung von 30 Prozent der Erträge vor. Der grundsätzliche besondere Einkommensteuersatz beträgt 25 Prozent; Zuschläge und persönliche Besonderheiten kommen hinzu. Verkauftes Eigenkapital und steuerpflichtiger Gewinn sind zu unterscheiden. Bereits berücksichtigte Vorabpauschalen müssen bei späteren Veräußerungen berücksichtigt werden.
Eine umfassend korrekte Netto-Rechnung lässt sich deshalb nicht allein am genannten Gewinnanteil von 68 Prozent ablesen. Auch die Verkaufsreihenfolge zählt: Bei sammelverwahrten gleichartigen Wertpapieren gilt steuerlich grundsätzlich zuerst angeschafft, zuerst verkauft. Ein einfaches Wahlrecht, innerhalb desselben Bestands beliebig die jüngsten Anteile zu verkaufen, folgt daraus nicht. Den vollständigen Steueralgorithmus bescheinigen wir dem Rechner daher nicht.
Die im Film erwähnten Fünf-Prozent-Wahrscheinlichkeiten für extrem hohe Lebensalter werden ohne nachvollziehbare Tabelle und Projektionsvariante präsentiert; die exakten Werte können wir nicht bestätigen. Ein Planungsende mit 100 ist ein Sicherheitsziel, keine individuelle Lebenserwartung. Ebenso sind das im Beispiel mit 90 verbleibende Vermögen und der niedrigere Kapitalbedarf bei verkürzter Planung bedingte Modellwerte. Pflegekosten und Hinterlassenschaft müssen als eigene Ziele eingegeben werden.
Fazit
Finanztip erklärt überzeugend, warum frühe Verluste beim Entsparen besonders teuer werden können. Die gezeigten Beträge eignen sich zum Verständnis dieses Mechanismus. Für die Aussage, eine bestimmte Sparquote schließe die persönliche Rentenlücke mit hoher Sicherheit, reichen diese wenigen Szenarien nicht aus. Besonders die auseinanderlaufenden Rentenlücken-Rechnungen sollten vor einer Übernahme der Vermögensziele geklärt werden.
