Fazit: Das Video bespricht ein Interview von Tucker Carlson mit Yuliia Mendel, die von 2019 bis 2021 Pressesprecherin von Präsident Wolodymyr Selenskyj war. Mehrere Basisdaten stimmen: Mendel hatte tatsächlich diese Funktion, Selenskyj war vor seiner Wahl Schauspieler und Komiker und spielte in Diener des Volkes einen fiktiven ukrainischen Präsidenten. Auch die hohe Staatsverschuldung der Ukraine, der demografische Druck, die westliche Milliardenhilfe und ein großer Korruptionsskandal im Energiesektor sind belegbar.
Was wurde geprüft?
Geprüft wurden Aussagen zu Mendels Rolle, Selenskyjs Karriere, nicht abgehaltenen Wahlen, den Istanbul-Verhandlungen 2022, einer angeblichen Donbas-Abgabe, Johnsons und Bidens Rolle, NATO-Versprechen, Korruptionsvorwürfen, Drogenvorwürfen, ukrainischer Demografie, westlicher Hilfe, zivilen Opferzahlen und ukrainischer Staatsverschuldung. Reine Wertungen über Selenskyjs Charakter, westliche Medien, Moral, Frieden oder persönliche Motive wurden nicht als wahr oder falsch bewertet.
Mendel ist eine echte frühere Insiderin – aber nicht jede Behauptung ist belegt
Yuliia Mendel war tatsächlich Selenskyjs Pressesprecherin. Gerade deshalb ist ihr Interview faktisch relevant. Trotzdem sind einige der härtesten Aussagen nicht unabhängig verifizierbar. Die Behauptungen, Selenskyj habe intern „Goebbels-Propaganda“ verlangt oder sei Kokainkonsument, stützen sich im geprüften Material im Wesentlichen auf Mendels Erzählung beziehungsweise Hörensagen. Kyiv Post ordnete diese Vorwürfe als unsubstantiierte Aussagen ein, weil sie angeblich hinter verschlossenen Türen stattgefunden hätten und keine konkreten Belege vorgelegt wurden.
Wahlen und Demokratie unter Kriegsrecht
Die Aussage, Selenskyj habe Wahlen abgesagt und sei „nicht gewählt“, ist verkürzt. Richtig ist: Die reguläre Präsidentschaftswahl 2024 fand wegen Kriegsrecht nicht statt. Ukrainisches Recht verbietet nationale Wahlen während des Kriegsrechts, und Verfassungsexperten verweisen darauf, dass der amtierende Präsident seine Befugnisse bis zur Amtsübernahme eines neu gewählten Präsidenten ausübt. Das macht Kritik an der Dauer des Kriegsrechts nicht unmöglich, aber die pauschale Diktator-Formel ist quellenmäßig nicht gedeckt.
Istanbul 2022: echte Verhandlungen, aber kein bewiesener unterschriftsreifer Frieden
Die Istanbul-Verhandlungen im Frühjahr 2022 sind real. Analysen von Samuel Charap und Sergey Radchenko sowie spätere Reuters-Berichte zeigen, dass Russland und die Ukraine damals über Neutralität, Sicherheitsgarantien, territoriale Fragen und militärische Beschränkungen sprachen. Nicht belegt ist aber die starke Behauptung, Selenskyj habe persönlich verbindlich zugestimmt, den Donbas abzugeben, oder Boris Johnson und Joe Biden hätten einen unterschriftsreifen Frieden verhindert. Mehrere seriöse Einordnungen betonen, dass zentrale Fragen offen waren und es keinen fertigen Vertrag gab.
NATO-Versprechen und Verfassung
Mendels Behauptung, Selenskyj habe Putin 2019 privat versprochen, die Ukraine werde niemals der NATO beitreten, ist nicht unabhängig überprüfbar. Ein wichtiger Kontext fehlt im Video: Die Ukraine hatte ihren Kurs auf EU- und NATO-Mitgliedschaft bereits im Februar 2019, also vor Selenskyjs Amtsantritt, in der Verfassung verankert.
Demografie, Schulden und westliche Hilfe
Die demografischen Aussagen haben einen realen Kern, sind aber teilweise zugespitzt. Vor dem Großangriff 2022 hatte die Ukraine rund 40 bis 41 Millionen Einwohner. UN- und Reuters-Angaben zeigen, dass Krieg, Flucht, Besatzung, niedrige Geburtenrate und Todesfälle die Bevölkerung stark reduziert haben. Für die von Kyiv kontrollierten Gebiete wurden bereits 2023 rund 28 Millionen geschätzt. Eine harte Zahl von nur noch 25 Millionen Menschen im Land ist nicht sauber belegt.
Richtig ist dagegen die Größenordnung der ukrainischen Staatsverschuldung: World-Bank- und IMF-nahe Daten sehen die öffentliche Verschuldung inzwischen bei rund oder über 100 Prozent des BIP. Ebenfalls richtig ist, dass westliche Staaten und Institutionen seit 2022 sehr große Hilfen zugesagt haben. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass diese Mittel „verschwunden“ sind.
Korruption: Der Energiesektor-Skandal ist real, aber nicht gleichbedeutend mit „alles gestohlen“
Der im Interview erwähnte Energiesektor-Korruptionsskandal ist real. Ukrainische Anti-Korruptionsbehörden und internationale Medien berichteten über ein großes Verfahren rund um Energoatom, Kickbacks und Geldwäsche; 2026 wurde der frühere Energieminister Herman Halushchenko als Verdächtiger in einem Geldwäscheverfahren genannt. Das belegt schwere Korruptionsrisiken, aber nicht, dass westliche Ukrainehilfe pauschal zwecklos oder vollständig veruntreut sei.
Drogen- und Propaganda-Vorwürfe
Die Drogenvorwürfe gegen Selenskyj sind besonders problematisch. 2019 gab es im Wahlkampf tatsächlich öffentliche Drogentests. Spätere angebliche Belege für Selenskyjs Kokainkonsum wurden mehrfach als manipuliert oder unbelegt eingeordnet. Mendel sagte im Tucker-Interview selbst, sie habe Selenskyj nie beim Drogenkonsum gesehen. Deshalb ist der Vorwurf als unbelegt zu bewerten. Ähnlich ist die Goebbels-Behauptung: Der Satz ist als Mendel-Behauptung dokumentiert, aber nicht unabhängig belegt.
