Fazit: Der Faktencheck zeigt: Viele Aussagen im Video haben einen belastbaren Kern, weil sie sich direkt auf einen ISW-Sonderbericht vom 25. Mai 2026 und auf aktuelle Berichte über ukrainische Drohnenangriffe stützen. Der Bericht des Institute for the Study of War beschreibt tatsächlich, dass die Ukraine den seit 2023 dominierenden Stellungskrieg aktiv herausfordert, ihre Mittelstreckenangriffe ausweitet, russische Logistik in der operativen Tiefe trifft und wieder häufiger taktische mechanisierte Gegenangriffe durchführt. Das ist aber nicht dasselbe wie eine gesicherte Feststellung, die Ukraine „gewinne jetzt“ den Krieg.
Was wurde geprüft?
Geprüft wurden Aussagen zu russischen Logistikproblemen im besetzten Süden, ukrainischen Angriffen auf Transportwege zur Krim, einer neuen FP-2-Drohnenvariante, prorussischen Militärbloggern, dem ISW-Sonderbericht, mechanisierten Gegenangriffen, der 30-Kilometer-Zone vor der Front, russischen Infiltrationstaktiken, dem Rubikon-Zentrum, der Schlacht um Pokrowsk, russischen Geländegewinnen, Rekrutierungslücken und ukrainischen Gegenoffensivaktionen. Nicht bewertet wurden dramatisierende Formulierungen wie „Putin in Panik“, „Krim ist sturmreif“ oder „absolute Vernichtung“, soweit sie politische beziehungsweise rhetorische Zuspitzungen darstellen.
Russische Logistik und Krim-Landkorridor
Die Kernaussage, dass ukrainische Drohnenangriffe russische Logistik im Süden zunehmend stören, ist gut belegt. T-Online und Blue News berichteten unter Verweis auf Rybar, soziale Medien und ISW, dass Transporter, Tanklaster und Nachschublinien im besetzten Süden stärker unter ukrainischen Mittelstrecken- und Drohnenangriffen stehen. Besonders wichtig ist die M14-Route zwischen Russland, Mariupol, Berdjansk, Melitopol und der Krim. Die Aussage, der Nachschub durch Cherson und Saporischschja sei „vollständig gestört“, sollte aber als Wiedergabe eines russischen Militärbloggers und nicht als unabhängig vollständig bestätigter Gesamtzustand formuliert werden.
FP-2-Drohne und Mittelstreckenangriffe
Die Aussage zur FP-2-Drohne stimmt in der Größenordnung. United24 berichtete am 25. Mai 2026, dass eine modernisierte FP-2-Variante mit verändertem Flügel einen Gefechtskopf von 200 kg über bis zu 370 km tragen kann. Damit können russische Ziele in der besetzten Südukraine und auf der Krim theoretisch in Reichweite liegen. Ob daraus bereits folgt, dass die Krim „sturmreif“ ist, bleibt jedoch militärische Prognose und nicht belegte Tatsache.
ISW: neue Phase, aber kein sicherer Sieg
Der ISW-Sonderbericht trägt tatsächlich die Überschrift, dass ukrainische Mittelstreckenangriffe und neue mechanisierte Angriffe den Beginn einer neuen Kriegsphase anzeigen. ISW schreibt, die Ukraine fordere den Stellungskrieg aktiv heraus, russische Geländegewinne näherten sich netto null, und die Ukraine habe eine zeitlich begrenzte Chance, günstige Gefechtsdynamiken auszunutzen. Gleichzeitig betont ISW, es sei noch zu früh, um zu sagen, ob die Ukraine operative Manöver wiederherstellen könne. Die Aussage, ISW habe „offiziell festgestellt“, dass die Ukraine den Krieg jetzt gewinnt, ist daher überzogen.
Mechanisierte Gegenangriffe, Drohnenüberlegenheit und 30-km-Zone
ISW bestätigt, dass die Ukraine erstmals seit 2023 wieder häufiger taktische mechanisierte Gegenangriffe durchführt. ISW sieht das als Hinweis auf reifere ukrainische Operationsplanung, bessere Vorbereitung des Gefechtsfelds und vorübergehende taktische Drohnenüberlegenheit in bestimmten Abschnitten. Ebenfalls belegt ist die Aussage, dass weder Russland noch die Ukraine ausreichend Infanterie oder schweres Gerät innerhalb von 30 km der Front massieren konnten, um operative Durchbrüche zu erreichen. Das beschreibt den Kern des Stellungskriegs und der durch Drohnen und Aufklärung erzeugten Gefahrenzone.
Russische Infiltration und Rubikon
Die Beschreibung kleiner russischer Infiltrationstrupps von ein bis drei Soldaten entspricht dem ISW-Bericht. ISW sieht diese Taktik seit 2025 als eine zentrale russische Offensivform. Auch die Aussagen zu Rubikon haben einen Quellenkern: ISW beschreibt das russische Rubikon-Zentrum als Pionier eines Ansatzes zur teilweisen Abriegelung des Gefechtsfelds durch Drohnen und Mittelstreckenschläge. Dieser Ansatz verlor laut ISW seit Ende 2025 an Wirkung, unter anderem weil die Ukraine Rubikon-Drohnenoperatoren gezielt bekämpfte und Rubikon unter schneller Expansion und Qualitätsproblemen litt.
Pokrowsk, Geländegewinne und russische Verluste
Die Aussagen zu Pokrowsk brauchen Einordnung. Reuters berichtete im Dezember 2025, Russland habe die Einnahme von Pokrowsk behauptet, während die Ukraine das damals bestritt. ISW kam im Februar 2026 zu der Einschätzung, seit Ende Januar keine ukrainischen Kräfte mehr in Pokrowsk beobachtet zu haben, was auf russische Kontrolle hindeute. Der ISW-Sonderbericht zieht daraus aber gerade nicht den Schluss eines russischen operativen Durchbruchs: Der Fall Pokrowsks habe keine neue russische Manöverphase eröffnet.
Bei den Geländegewinnen und Verlusten ist der ISW-Bericht klar: Die durchschnittlichen russischen Geländegewinne sanken von 13,2 Quadratkilometern pro Tag im Jahr 2025 auf 2,9 Quadratkilometer pro Tag in den ersten vier Monaten 2026 ohne Infiltrationsgebiete; inklusive Infiltrationen nennt ISW 4,6 Quadratkilometer pro Tag zwischen 1. Januar und 21. Mai. Außerdem meldete ISW Anfang Mai, dass Russland im April 2026 erstmals seit der ukrainischen Kursk-Operation netto Territorium verlor. Die zugespitzte These eines sicheren Wendepunkts sollte dennoch vorsichtig formuliert werden, weil Kriegsdaten lückenhaft, umkämpft und zeitabhängig sind.
