760.700 genehmigte, aber noch nicht fertiggestellte Wohnungen sind keine 760.700 aufgegebenen Bauprojekte. Diese Zahl aus dem ZDF-Wohnpodcast ist amtlich belegt, doch ein großer Teil war Ende 2025 bereits im Bau. Auch die Aussage über Wien braucht eine andere Bezugsgröße: Mehr als 60 Prozent der Menschen wohnen dort in kommunalen oder geförderten Wohnungen – daraus werden nicht automatisch 60 Prozent kommunales Eigentum. Der Podcast stellt wichtige Fragen zur Wohnungskrise und enthält zugleich mehrere Stellen, an denen Statistik, politische Absicht und erwartete Wirkung auseinandergehalten werden müssen.
Evidico hat die vollständige, rund 42 Minuten lange Folge „Wohnen unbezahlbar: Muss der Staat mehr eingreifen?“ von heute journal – der podcast anhand des deutschen Originaltranskripts geprüft. Sie wurde am 25. September 2026 veröffentlicht; die Gesprächsrunde wurde laut Moderation am 24. September aufgezeichnet. Moderatorin Helene Reiner spricht mit Marietta Slomka, der Wohnsoziologin Christine Hannemann und dem Architekten Maxim Winkler. Prüfstand ist der 26. September 2026. Wir überprüfen nachfolgend konkrete Zahlen und verallgemeinerbare Behauptungen aus dem gesamten Gespräch, nicht die persönlichen Wohnwünsche der Gäste. Die automatischen Untertitel können einzelne Wörter falsch erkennen; deshalb sind die Aussagen sinngemäß wiedergegeben.
Vergesellschaftung ist verfassungsrechtlich vorgesehen – ihr Erfolg bleibt offen
Urteil: Rechtliche Grundlage richtig, Wirkungsprognose offen. Im ersten Teil der Runde wird die Berliner Idee diskutiert, große Wohnungsunternehmen ab einer Schwelle von 3.000 Wohnungen zu vergesellschaften (etwa 02:00–06:30). Artikel 15 des Grundgesetzes sieht die Überführung von Grund und Boden, Naturschätzen und Produktionsmitteln in Gemeineigentum oder andere Formen der Gemeinwirtschaft durch ein Gesetz vor. Das Gesetz muss Art und Ausmaß einer Entschädigung regeln. Der Text schreibt keinen pauschalen Kaufpreis für die besprochenen Wohnungen fest. Er macht aus einem Wahlvorschlag auch noch keine vollzogene Übernahme.
Bei einer Übernahme bestehender Wohnungen steigt die Zahl der Wohnungen zunächst nicht. Ihre Eigentums- und möglicherweise Mietregeln könnten sich ändern. Ob Mieten sinken und ob sich Kredite über Mieteinnahmen in der diskutierten Frist tragen, hängt aber von einem konkreten Gesetz, der verfassungsgemäßen Entschädigung, Zinssätzen, Instandhaltung und künftiger Verwaltung ab. Der Podcast benennt diese offene Rechnung mehrfach. Die entgegengesetzten Prognosen, Investoren würden anschließend nicht mehr bauen oder die gesamte Marktmiete werde spürbar gedrückt, lassen sich aus dem Gesetzestext allein ebenfalls nicht ableiten. Das ist ein Unterschied zwischen einer realen Option und einer gesicherten Wirkung.
Mehrheit der Menschen wohnt zur Miete – mit erheblichen Belastungen
Urteil: Richtig, wenn die Bezugsgröße stimmt. In der Runde heißt es, ungefähr die Hälfte der Menschen in Deutschland wohne zur Miete; im ZDF-Datenteil „mehr als jeder zweite“ (07:48 und 15:14). Nach Eurostat-Zahlen, die Destatis aufbereitet, lebten 2025 52,8 Prozent der Bevölkerung zur Miete. Das ist ein Personenanteil. Ein Haushaltsanteil kann anders ausfallen, weil Haushalte unterschiedlich groß sind.
Etwa jeder sechste Mieterhaushalt zahlt besonders viel
Der Podcast nennt außerdem etwa jeden sechsten Mieterhaushalt mit einer Belastung von mindestens 40 Prozent des Einkommens (ab 15:25). Das Factsheet des Deutschen Mieterbundes zur IWU-Studie beziffert 3,2 Millionen von 19,8 Millionen Mieterhaushalten mit mehr als 40 Prozent für Kaltmiete und Heizkosten: rechnerisch etwa 16 Prozent. Die Kurzform „jeder sechste“ passt. Die Untersuchung erschien 2026, baut aber wesentlich auf dem Mikrozensus 2022 mit Fortschreibungen auf; sie ist keine laufende Vollzählung aller Mieter im September 2026.
Eine zweite amtliche Kennzahl darf nicht mit ihr vermischt werden: Destatis nennt 11,2 Prozent der gesamten Bevölkerung in 2025 als durch Wohnkosten überbelastet. Dort zählen auch Eigentümer und weitere Kostenbestandteile. Die unterschiedlichen Nenner und Kostenbegriffe erklären, warum die Zahlen nebeneinanderstehen können. Eine im Gespräch beiläufig erwähnte Belastung „bis zu 70 Prozent“ beschreibt jedenfalls keinen nachgewiesenen Durchschnitt aller Mieterhaushalte; eine konkrete Studie oder abgegrenzte Gruppe wird dafür im Podcast nicht genannt.
Baupreise stiegen stark – Grundstücke sind eine andere Kostenposition
Urteil: Größenordnung richtig, Begriff zu ungenau. Der Datenteil spricht von fast 90 Prozent höheren „Preisen für Wohnhäuser“ seit 2010 (16:38). Der Baupreisindex von Destatis zeigt für das Bauwerk Wohngebäude von 2010 bis 2025 einen Anstieg um 89 Prozent. Er misst Bauleistungen; Grundstückspreise, Erwerbsnebenkosten und ein fertiger Marktpreis für ein Haus sind damit nicht automatisch eingeschlossen. Im gleichen Zeitraum stiegen die allgemeinen Verbraucherpreise laut dieser Destatis-Einordnung um 38 Prozent. Der Unterschied ist relevant, weil die Gesprächspartner kurz darauf gerade den Einfluss knapper und teurer Grundstücke in Städten diskutieren.
Als Ursachen nennt Architekt Winkler Baustandards, Material, Zinsen und Personalprobleme. Das sind plausible Faktoren, aber der Podcast zerlegt die 89 Prozent nicht in überprüfbare Anteile dieser Ursachen. Insbesondere folgt aus der Zeitreihe nicht, dass „Bürokratie“ allein die Verteuerung erklärt. Der Hinweis auf Zinsen betrifft zudem die Finanzierung beziehungsweise Immobiliennachfrage und ist nicht identisch mit dem amtlichen Baupreisindex.
400.000 waren das Ziel, 206.600 das Ergebnis 2025
Urteil: Richtig. Die frühere Bundesregierung hatte 400.000 neue Wohnungen jährlich als Ziel benannt. Im Gespräch wird richtig gesagt, dass diese Marke nicht erreicht wurde (21:14). Nach Destatis wurden 2025 genau 206.600 Wohnungen fertiggestellt. Das sind rund 193.400 weniger als die Zielmarke. Ein Zielwert ist keine amtliche Schätzung, wie viele Wohnungen zu jedem Zeitpunkt an jedem Ort benötigt werden; ein Bundeswert sagt allein noch nichts über die Verfügbarkeit im gesuchten Stadtteil oder über Bezahlbarkeit.
Auch die Gegenüberstellung Neubau gegen Bestand ist zu grob. Neubau kann zusätzliche Wohnungen schaffen, während Umbau, Umnutzung oder ein besserer Zugang zum vorhandenen Bestand anders ansetzen. Ob eine zusätzliche Wohnung den preiswerteren Markt entlastet, ist eine eigene empirische Frage. Dafür reicht weder der Satz „Nur Neubau hilft“ noch der Satz „Neubau für hohe Einkommen hilft nie“.
Was hinter den 760.700 nicht fertiggestellten Wohnungen steckt
Urteil: Zahl richtig, Deutung braucht Kontext. Im Podcast werden gut 700.000 genehmigte, aber nicht fertiggestellte Wohnungen angesprochen (22:03). Destatis bezifferte diesen Bauüberhang Ende 2025 auf 760.700 Wohnungen. Davon befanden sich 307.200 bereits im Bau, darunter 158.600 mit fertiggestelltem Rohbau. Genehmigt und noch nicht fertig heißt folglich keineswegs insgesamt „Baustopp“. Weitere Vorhaben warten auf Baubeginn; die Statistik allein nennt für jedes einzelne keine Ursache.
Dass Finanzierung und Baukosten Projekte verzögern können, ist plausibel. Die Behauptung, der gesamte Überhang belege fehlenden Bauwillen, wäre trotzdem unbegründet. Umgekehrt ist eine Genehmigung keine Zusage, dass alle Wohnungen je bezogen werden können: Im Jahr 2025 erloschen laut Destatis 35.700 Wohnungsgenehmigungen. Die behördliche Zahl zeigt zugleich eine Pipeline und deren Grenzen.
Schafft teurer Neubau auch unten Platz?
Urteil: Die pauschale Zurückweisung ist zu stark. Um 19:14 streiten Winkler und Hannemann über den sogenannten Sickereffekt. Der Architekt beschreibt eine Umzugskette: Menschen ziehen in neue, teurere Wohnungen und geben bisherige Wohnungen frei. Die Soziologin widerspricht sehr entschieden und sagt sinngemäß, ein Effekt zugunsten bezahlbaren Wohnens sei wissenschaftlich widerlegt. Ein automatisches Versprechen wäre ebenso falsch wie der pauschale Ausschluss.
Eine Studie von Evan Mast zu US-Städten verfolgt Umzugsketten nach marktüblich bepreisten Neubauten bis in Wohnlagen mit niedrigerem Einkommen. Registerdaten aus Helsinki zeigen ebenfalls solche Ketten. Diese Studien widerlegen die Behauptung, ein solcher Zusammenhang sei prinzipiell nicht nachgewiesen oder existiere gar nicht. Sie zeigen aber nicht, dass jede frei werdende Wohnung in Berlin günstig angeboten wird, dass die Mietbelastung armer Haushalte automatisch verschwindet oder dass Neubau allein soziale Wohnungsförderung ersetzt. Wirkungen hängen vom Markt und Umfang des Baus ab. Der Gesprächsstreit besteht gerade über diese Reichweite, nicht über eine einfache Ja-nein-Tatsache.
49,5 Quadratmeter pro Kopf sind keine frei verfügbare Fläche
Urteil: Zahl richtig, Aussagekraft begrenzt. Hannemann nennt ungefähr 50 Quadratmeter Wohnfläche je Person und spricht von einer Verteilungsfrage (23:03). Ende 2025 wies Destatis 49,5 Quadratmeter Wohnfläche pro Einwohnerin und Einwohner aus. Die Größe stammt aus Wohnungsbestand und Bevölkerungszahl. Destatis weist ausdrücklich darauf hin, dass diese Fortschreibung Leerstand und die tatsächliche Nutzung der Wohnungen nicht berücksichtigt. Es ist weder der Median tatsächlich bewohnter Fläche noch ein Nachweis, dass passende kleinere Wohnungen in Städten frei sind.
Der Podcast nennt ein konkretes Hindernis: Wer lange in einer großen Wohnung wohnt, kann beim Wechsel in eine kleinere Wohnung durch Neuvertragsmieten dennoch mehr zahlen (ab 25:00). Das IWU/DMB-Factsheet zeigt für Einzüge ab 2020 im Mittel höhere Quadratmetermieten als für ältere Verträge. Der Gedanke, freiwilligen Umzug oder Wohnungstausch zu erleichtern, ist deshalb nachvollziehbar. Aus dem Pro-Kopf-Wert allein folgt jedoch weder eine bestimmte Politik zur Wohnfläche noch ein bezifferbarer Effekt eines solchen Tauschs.
Bauvorschriften: genaue Tausenderzahlen bleiben ungeklärt
Urteil: Konkrete Zählung nicht ausreichend belegt. Ab 26:44 nennt die Runde „fast 4.000 DIN-Normen“ und „bis zu 20.000 gesetzliche Bauvorschriften“. Das Video liefert dafür weder ein vollständiges Verzeichnis noch eine Zählregel: Welche Fassung, welche Landesvorschriften und welche freiwilligen technischen Regeln sind enthalten? Wir können diese exakten Bestandszahlen deshalb nicht bestätigen. Dass die Länder eigene Bauordnungen haben und dass Bauherren technische und öffentlich-rechtliche Anforderungen unterscheiden müssen, ist damit nicht bestritten.
Gebäudetyp E ist noch keine Kostengarantie
Auch beim „Gebäudetyp E“ (ab 28:31) ist die Formulierung wichtig. Nach den Eckpunkten der zuständigen Bundesministerien soll einfacheres Bauen durch rechtssichere Vereinbarungen über nicht gesetzlich zwingende Standards erleichtert werden. Das ist kein fest definierter Haustyp und keine Freistellung von Sicherheitsanforderungen. Der Bund beschrieb einen Gesetzgebungsprozess; eine flächendeckende Einsparung um einen bestimmten Prozentsatz ist aus den Eckpunkten nicht belegt. Die Debatte über notwendige Standards, Hitzeschutz und Kosten bleibt eine Gestaltungsfrage.
Wien: 60 Prozent der Menschen, nicht einfach 60 Prozent kommunaler Bestand
Urteil: Das Vorbild ist real, die Zahl im Gespräch wird ungenau zugeschrieben. Im letzten Drittel wird gesagt, in Wien stünden ungefähr 60 Prozent des Wohnungsbestands in einer Art kommunaler Hand (etwa 34:33). Die Stadt Wien spricht tatsächlich von mehr als 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener, die in einer Gemeindewohnung oder einer von der Stadt geförderten Wohnung leben. Das umfasst also neben Gemeindewohnungen weitere geförderte Wohnformen. Es ist weder derselbe Nenner wie „60 Prozent aller Wohnungen“ noch eine Aussage, die alle diese Wohnungen zu unmittelbarem Stadteigentum macht.
Auch öffentliche Vermieter tragen laufende Kosten
Wien belegt, dass kommunaler und geförderter Wohnraum in großem Umfang möglich ist. Der Bestand ist allerdings über Jahrzehnte gewachsen. Wie teuer einzelne Wohnungen sind, wer Zugang erhält und ob Berlin dieses Modell durch eine Übernahme bestehender privater Bestände nachbilden könnte, wird mit der 60-Prozent-Zahl nicht beantwortet. Im Podcast heißt es am Ende selbst zu Recht: Der Staat kann Vermieter sein, muss deshalb nicht automatisch besser wirtschaften (etwa 36:32). Er trägt weiter Kosten für Erhaltung, Modernisierung und Neubau.
Fazit: Drei Hebel, verschiedene Wirkungen
Der Podcast macht die Wohnungskrise nicht an einem einzigen Hebel fest; die offiziellen Zahlen stützen seine Diagnose einer großen Lücke zum früheren Neubauziel und einer erheblichen Wohnkostenbelastung. Für eine saubere Entscheidung müssen drei Fragen getrennt bleiben: Wie entsteht zusätzlicher geeigneter Wohnraum?Wer kann sich den vorhandenen Bestand leisten?Wer verwaltet ihn zu welchen Kosten und Regeln? 206.600 Fertigstellungen, 760.700 Wohnungen im Bauüberhang und 49,5 Quadratmeter pro Kopf messen jeweils etwas anderes. Weder eine Vergesellschaftung noch teurer Neubau oder ein vereinfachter Baustandard liefert für sich einen garantierten Ausgang. Das Wiener Modell und Studien zu Umzugsketten zeigen mögliche Wege und Grenzen – sie ersetzen keine konkrete Kosten- und Wirkungsrechnung für einen deutschen Wohnungsmarkt.
