In einem 55-minütigen Interview des STANDARD mit Sandra Navidi geht es um Staatsschulden, Zölle, Inflation, Dollar, künstliche Intelligenz und politische Institutionen. Der Titel fragt, ob Donald Trump die USA in den Kollaps treibe. Diese Frage bündelt messbare Größen und weitreichende Prognosen. Ein Faktencheck kann Schulden, Defizit, Zinslast und Preiswirkungen prüfen. Den „Kollaps“ kann er nicht als bereits eingetretenen Fakt behandeln.
Das Wichtigste in Kürze
Die US-Finanzlage ist angespannt. Das Congressional Budget Office projiziert für das Haushaltsjahr 2026 ein Defizit von 1,9 Billionen Dollar. Die von der Öffentlichkeit oft zitierte Bruttoschuld umfasst sowohl öffentlich gehaltene Schulden als auch Verpflichtungen zwischen staatlichen Konten. Für Tragfähigkeit, Zinsmarkt und Konjunktur betrachtet das CBO häufig die „debt held by the public“: Ende 2026 werden 32,1 Billionen Dollar erwartet.
Die Zollpolitik wirkt in mehrere Richtungen. Zölle bringen Einnahmen, können bestimmte heimische Hersteller schützen und Handelsströme verändern. Gleichzeitig erhöhen sie Kosten für Importe und Vorprodukte. Das CBO erwartet dadurch zeitweilig höhere Inflation, geringere Kaufkraft und schwächere Investitionen. „Ausländische Staaten bezahlen die Zölle“ ist daher ökonomisch irreführend: Formal zahlt der US-Importeur; wie viel er auf Verbraucher, Zulieferer oder ausländische Produzenten überwälzt, hängt vom Markt ab.
1. Haben die USA ungefähr 40 Billionen Dollar Schulden?
Urteil: als gerundete Bruttogröße plausibel, aber erklärungsbedürftig. Die tagesaktuelle Debt-to-the-Penny-Datenbank des US-Finanzministeriums ist die maßgebliche Quelle für die gesamte ausstehende Bundesschuld. Ein runder Wert allein sagt jedoch wenig über Zahlungsfähigkeit aus. Entscheidend sind Verhältnis zur Wirtschaftsleistung, Laufzeiten, Zinsen, Währung und Einnahmen.
2. Explodierte das Defizit allein unter Trump?
Urteil: zu monokausal. Das Defizit entsteht aus beschlossenen Steuern und Ausgaben, Konjunktur, Zinsen und früheren Verpflichtungen. Das CBO führt Veränderungen gegenüber älteren Projektionen unter anderem auf ein Versöhnungsgesetz von 2025, Zölle und geringere Einwanderung zurück. Die aktuelle Regierung beeinflusst den Kurs erheblich, erbt aber zugleich bestehende Programme und Schulden.
3. Ist die Schuldenentwicklung nachhaltig?
Urteil: nach CBO-Projektion nein. Der CBO-Direktor erklärte im Februar 2026, die fiskalische Entwicklung sei nicht nachhaltig. Die öffentlich gehaltene Bundesschuld soll von 99 Prozent des Bruttoinlandsprodukts Ende 2025 auf 120 Prozent 2036 und langfristig weiter steigen. Das ist eine Warnung vor wachsender Verwundbarkeit, kein Termin für eine Staatspleite.
4. Verdrängen Zinszahlungen andere Aufgaben?
Urteil: das Risiko ist klar belegt. Das CBO projiziert, dass die Nettozinsausgaben von rund einer Billion Dollar 2026 auf 2,1 Billionen 2036 steigen. Ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung wächst von 3,3 auf 4,6 Prozent. Mehr Zinsausgaben schränken den Haushalt ein, weil sie weder Infrastruktur noch Sozialleistungen finanzieren. Wie der Kongress darauf reagiert, ist offen.
5. Bezahlt das Ausland die US-Zölle?
Urteil: überwiegend falsch. Zölle werden bei der Einfuhr von US-Importeuren entrichtet. Eine Untersuchung der U.S. International Trade Commission zu Section-232- und Section-301-Zöllen fand in direkt betroffenen Bereichen, dass Importpreise ungefähr im Verhältnis eins zu eins mit den Zollerhöhungen stiegen. Die wirtschaftliche Last kann anschließend zwischen Importeuren, Produzenten und Käufern verteilt werden.
6. Machen Zölle das Leben für Verbraucher teurer?
Urteil: im Durchschnitt ja, Umfang je Produkt unterschiedlich. Das CBO schreibt, die höheren Zölle verteuerten Importwaren, erhöhten zeitweilig die Inflation und reduzierten die Kaufkraft der Haushalte. Besonders relevant sind Konsumgüter und importierte Vorleistungen. Bei Produkten mit inländischen Alternativen oder sinkenden ausländischen Preisen kann die Weitergabe kleiner sein. Eine pauschale Prozentzahl für jeden Haushalt wäre unseriös.
7. Senken Zölle das Haushaltsdefizit?
Urteil: grundsätzlich können sie Einnahmen erhöhen, die aktuelle Bilanz ist wechselhaft. Die CBO-Basisprojektion vom Februar schrieb höheren Zöllen über zehn Jahre erhebliche Defizitminderung zu. Nach einem Urteil des Supreme Court entfielen jedoch IEEPA-Zölle und Rückzahlungen wurden fällig. In einer Aktualisierung vom 20. August 2026 erhöhte das CBO deshalb die projizierten Defizite 2027 bis 2036 um 0,9 Billionen Dollar gegenüber der Februar-Basis. Neue Section-301-Zölle bringen weniger Einnahmen als die entfallenen Regeln.
8. Haben Zölle den US-Verbraucherpreisanstieg allein verursacht?
Urteil: nein. Energie, Mieten, Löhne, Nachfrage, Lieferketten und Geldpolitik beeinflussen ebenfalls die Inflation. Die monatlichen CPI-Daten des Bureau of Labor Statistics zeigen Preisbewegungen, identifizieren aber nicht automatisch jede Ursache. Das CBO bewertet Zölle als einen vorübergehenden Aufwärtsfaktor, nicht als einzige Erklärung.
9. Droht dem Dollar unmittelbar die Entthronung?
Urteil: Prognose. Eine Leitwährung hängt von Marktgröße, Rechtsstaatlichkeit, Liquidität, Kapitalverkehr und Vertrauen ab. Hohe Schulden können Vertrauen belasten, führen aber nicht mechanisch zu einem Wechsel. Solange keine definierte Messgröße und kein Zeitraum genannt werden, ist „Entthronung“ ein Szenario, keine überprüfbare Tatsachenbehauptung.
10. Ist der KI-Boom eine Wiederholung der Finanzkrise 2008?
Urteil: nicht belegt. Hohe Bewertungen und konzentrierte Indizes können Risiken schaffen. Die Finanzkrise 2008 beruhte jedoch auf Immobilienkrediten, Verbriefungen, Bankhebeln und Liquiditätsproblemen. Parallelen bei Euphorie ersetzen keine Bilanzanalyse. Ob eine Blase besteht, zeigt sich nicht zuverlässig allein an Kursanstiegen.
11. Stehen die USA vor dem Kollaps?
Urteil: nicht als gegenwärtiger Fakt belegt. Das CBO warnt vor einem nicht nachhaltigen langfristigen Fiskalpfad. Zugleich projiziert es für 2026 reales Wachstum von 2,2 Prozent und keine unmittelbar bevorstehende Zahlungsunfähigkeit. Institutionelle Konflikte, Ungleichheit und Infrastrukturprobleme können Risiken erhöhen. „Kollaps“ braucht aber Kriterien: Staatspleite, Währungskrise, tiefe Rezession oder institutioneller Bruch sind nicht dasselbe.
Welche Aussage bleibt belastbar?
Belastbar ist: Schulden, Defizite und Zinskosten erhöhen den Anpassungsdruck. Zölle verteuern im Regelfall betroffene Importe und können Kaufkraft kosten. Ebenfalls belastbar ist, dass Zolleinnahmen den Haushalt entlasten können. Nicht belastbar ist eine einfache Geschichte, nach der entweder nur das Ausland zahlt oder die USA wegen einer einzelnen Politik zwangsläufig zusammenbrechen.
Fazit
Das Interview benennt reale Warnsignale. Die US-Schulden sind hoch, das Defizit bleibt groß, und die Zinslast wächst. Die Behauptung, Zölle würden vor allem andere Länder treffen, hält dem amtlichen Befund nicht stand; US-Unternehmen und Verbraucher tragen einen wesentlichen Teil. Zugleich ist ein „Kollaps“ keine aus den Daten folgende Gewissheit. Die angemessene Einordnung lautet: ernstes langfristiges Fiskalrisiko und messbare Zollkosten, aber kein belegter unmittelbar bevorstehender Zusammenbruch.
