Die US-Zwischenwahlen entscheiden über Sitze im Kongress, nicht über das Präsidentenamt. Gleichzeitig beherrschen hohe Lebenshaltungskosten und Streit über Steuern die politische Debatte. Was lässt sich anhand der vorliegenden Zahlen und Regeln tatsächlich feststellen?
Das Ergebnis: Das allgemeine Verbraucherpreisniveau lag im September 2026 höher als Ende 2024. Die jährliche Inflationsrate war zugleich niedriger als beim Vergleichswert vom Juni 2022. Eine Steuer-Modellrechnung zeigt durchschnittliche Entlastungen auch für untere Einkommensgruppen, aber deutlich größere Beträge und einen größeren Anteil des Entlastungsvolumens für hohe Einkommen. Der neu gewählte Kongress erhält Kontrollmöglichkeiten; die Präsidentschaft endet durch die Zwischenwahl nicht.
Datenstand: 4. November 2026, 17:48 Uhr deutscher Zeit für die Wahlzuordnung. Dieser dokumentenbasierte Faktencheck prüft amtliche Preis- und Industriedaten, eine ausgewiesene Steuer-Modellrechnung sowie die US-Verfassung. Wahlzuordnungen der Nachrichtenagentur und amtlich bestätigte Ergebnisse sind verschiedene Dinge. Daten und Auszählungsstände können sich ändern.
1. Was ist über die Mehrheiten schon bekannt?
Die Nachrichtenagentur Associated Press ordnet den Demokraten die Mehrheiten im Repräsentantenhaus und im Senat zu. Einzelne Rennen waren bei dem oben genannten Abruf noch offen. AP trifft solche Zuordnungen auf Grundlage verfügbarer Informationen; sie sind keine amtliche Zertifizierung aller Ergebnisse.
Für die rechtlich maßgeblichen Ergebnisse sind die jeweiligen Bundesstaaten zuständig, wie die US-Wahlkommission FEC erläutert. Wie weit der neue Kongress seine Befugnisse politisch nutzt, lässt sich aus einer Mehrheitszuordnung allein noch nicht ablesen. Unser früherer Faktencheck zur Ausgangslage erklärt die Situation vor dem Wahltag.
2. Sind die US-Verbraucherpreise gegenüber Ende 2024 gesunken?
Für das allgemeine Preisniveau der städtischen Verbraucher zeigt die amtliche Reihe einen Anstieg. Der nicht saisonbereinigte Verbraucherpreisindex CPI-U für alle Waren und Dienstleistungen lag laut US-Arbeitsstatistikbehörde im Dezember 2024 bei 315,605 Punkten und im September 2026 bei 336,940 Punkten. Die beiden Werte verwenden dieselbe Indexbasis.
336,940 geteilt durch 315,605 minus eins ergibt rund 6,8 Prozent mehr. Dieser Vergleich beginnt kurz vor dem Amtswechsel im Januar 2025 und endet mit dem beim Prüfstand verfügbaren Septemberwert. Er beschreibt einen statistischen Warenkorb – nicht die konkrete Rechnung jeder Familie. Einzelne Waren, Regionen oder Haushalte können sich anders entwickelt haben; der Index beantwortet auch nicht, wie stark Einkommen mitgestiegen sind oder welche politische Maßnahme welche Preisänderung verursachte.
3. Was bedeutet eine niedrigere Inflationsrate?
Ein hoher Preisstand und die Geschwindigkeit weiterer Preissteigerungen sind nicht dasselbe. Im September 2026 betrug der jährliche Anstieg des Gesamt-CPI nach BLS-Angaben 3,7 Prozent. Im Juni 2022 waren es 9,1 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat. Für diese Vergleichsgröße lag die jährliche Inflationsrate 2026 also deutlich niedriger.
Das bedeutet nicht, dass die Preise wieder auf den Stand von 2022 zurückgefallen sind. Eine positive Jahresrate bedeutet, dass der Index höher liegt als im entsprechenden Vorjahresmonat; einzelne Monate mit sinkenden Preisen sind dennoch möglich. Wer hohe Rechnungen bezahlt, kann deshalb weiterhin stark belastet sein, auch wenn die jährliche Teuerung unter ihrem früheren Höchstwert liegt.
4. Was zeigt die Industrieproduktion?
Als ergänzende Einordnung veröffentlicht die US-Notenbank einen saisonbereinigten Index für die gesamte Industrie. In der Fed-Tabelle vom 16. Oktober 2026 steht er bei 100,3 Punkten im Dezember 2024 und bei 104,0 Punkten im September 2026, jeweils mit 2017 als Basisjahr. Das entspricht einem Anstieg um rund 3,7 Prozent. Die zuletzt veröffentlichten Werte können revidiert werden.
Der Gesamtindex bündelt verschiedene Bereiche. Er zeigt weder die Entwicklung jeder einzelnen Branche noch unmittelbar die Zahl der Industriearbeitsplätze. Aus dem Vergleich zweier Monate allein lässt sich außerdem nicht ermitteln, welche Rolle Zölle oder andere politische Entscheidungen gespielt haben.
5. Wer profitiert laut Steuer-Modellrechnung?
Das unabhängige Tax Policy Center schätzt die Verteilung der Steueränderungen des 2025 beschlossenen Gesetzes für das Jahr 2026. Danach entfällt auf das einkommensstärkste Fünftel fast 60 Prozent des gesamten modellierten Steuerentlastungsvolumens. Für das unterste Fünftel berechnet das Institut eine durchschnittliche Entlastung von rund 150 Dollar, für das oberste im Durchschnitt mehr als 12.000 Dollar.
Es sind Modellergebnisse und Gruppendurchschnitte, keine Steuerbescheide für jeden Haushalt. Sie beziehen sich auf Steuerregelungen gegenüber dem gewählten Rechtsvergleich. Die Zahlen zeigen Entlastungen auch außerhalb der obersten Einkommensgruppe und zugleich eine starke Konzentration der Dollarbeträge auf hohe Einkommen.
Aus dieser reinen Steuerrechnung folgt jedoch nicht automatisch, wer insgesamt besser oder schlechter dasteht. Änderungen von Preisen und Sozialleistungen wie Kranken- oder Ernährungshilfen sind eine weitere Frage. Für eine Netto-Bilanz wären die jeweiligen Haushalte, Zeiträume und ein breiterer Datenvergleich erforderlich.
6. Wie verändern neue Mehrheiten die Machtverhältnisse?
Der neu gewählte Kongress tritt grundsätzlich am 3. Januar 2027 zusammen. Die Zwischenwahl beendet die Amtszeit des Präsidenten nicht; der 20. Zusatzartikel der US-Verfassung regelt die jeweiligen Amtszeiten.
Nach der Verfassung müssen Bundesgesetze grundsätzlich beide Kammern passieren und anschließend dem Präsidenten vorgelegt werden. Ein Veto lässt sich mit jeweils zwei Dritteln in beiden Kammern überstimmen. Bei vielen Ernennungen ist die Zustimmung des Senats nötig. Das Repräsentantenhaus beschreibt außerdem seine Untersuchungs- und Kontrollfunktion.
Eine einfache Mehrheit kann damit nicht automatisch jedes Gesetz ändern oder jedes Veto aufheben. Umgekehrt bleibt der Kongress nicht machtlos. Präsidiale Anordnungen stehen nicht über der Verfassung und geltenden Gesetzen und können gerichtlich überprüft werden. Welche dieser Möglichkeiten nach dem Zusammentritt des neuen Kongresses tatsächlich genutzt werden, ist eine politische Zukunftsfrage.
7. Was lässt sich bei präsidialen Anordnungen zählen?
Die Zahl hängt davon ab, welcher Zeitraum und welche Art von Anordnung betrachtet wird. Das American Presidency Project der Universität von Kalifornien in Santa Barbara zählt in seiner Übersicht für Trumps erste Amtszeit 220 und für die zweite 292 Executive Orders, zusammen 512. Ballotpedia nennt für die zweite Amtszeit mit Stand 3. November 2026 ebenfalls 292.
Zum Vergleich weist das Universitätsprojekt für Franklin D. Roosevelt insgesamt 3.726 Executive Orders aus; Roosevelt amtierte deutlich länger. Die Zähl- und Veröffentlichungsweise hat sich historisch verändert. Executive Orders sind außerdem nicht identisch mit sämtlichen präsidialen Erklärungen oder Memoranden. Für einen Vergleich pro Amtsjahr müssten Zeitraum und Dokumenttyp ausdrücklich festgelegt werden.
Fazit
Höhere Preise und eine niedrigere jährliche Inflationsrate als 2022 können gleichzeitig zutreffen. Bei Steuern kommt es darauf an, ob nur Steueränderungen oder die finanzielle Gesamtlage einschließlich Sozialleistungen betrachtet werden. Die neuen Kongressmehrheiten eröffnen nach dem Zusammentritt Kontrollmöglichkeiten, beenden aber nicht das Präsidentenamt. Der Wahlstand bleibt bis zur amtlichen Feststellung vorläufig.
