Kurzfassung: Kanada ist wirtschaftlich eng mit den Vereinigten Staaten verflochten und trägt in einem Zollkonflikt erhebliche Risiken. Die Zahlen, mit denen US-Präsident Donald Trump den Druck begründet, halten einer Prüfung jedoch nur teilweise stand. 2025 gingen 71,7 Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA – nicht 95 Prozent des gesamten kanadischen Geschäfts. Die Arbeitslosenquote lag im Juli 2026 bei 6,4 Prozent und war drei Monate in Folge gesunken, nicht bei zehn Prozent und steigend. Besonders erklärungsbedürftig ist Trumps Aussage über Zölle von 400 Prozent und mehr für amerikanische Farmer: Kanada erhebt bei einzelnen Milchprodukten tatsächlich sehr hohe Sätze, aber nur für Einfuhren oberhalb festgelegter Zollkontingente. Innerhalb der Kontingente gelten vielfach niedrige oder zollfreie Sätze.
Ausgangspunkt ist das ZDFheute-live-Video „Trumps Zölle: Wie sich Kanada den USA widersetzt“ vom 25. August 2026. Der Beitrag beschreibt Kanadas Konfrontationskurs und nennt eine Exportabhängigkeit von gut 70 Prozent. Für diesen Faktencheck wurden die politischen Aussagen anschließend mit Primärquellen aus Kanada und den USA abgeglichen: Handels- und Arbeitsmarktdaten von Statistics Canada, der kanadische Zolltarif, die Ankündigung der kanadischen Gegenmaßnahmen, US-Präsidentenverlautbarungen und Veröffentlichungen des Weißen Hauses. Prüfstand ist der 26. August 2026.
Drei große Zahlen – drei unterschiedliche Bezugsfehler
Am 24. August schrieb Trump auf Truth Social, Kanada mache 95 Prozent seines Geschäfts mit den USA. Im selben politischen Angriff behauptete er später, die kanadische Arbeitslosenquote liege bei zehn Prozent und steige schnell. Am 25. August folgte die Aussage, Kanada verlange von amerikanischen Farmern Zölle von 400 Prozent und mehr. Alle drei Sätze klingen wie präzise Kennzahlen. Tatsächlich fehlt jeweils die entscheidende Definition: Welche Art von Geschäft ist gemeint? Welche amtliche Arbeitsmarktgröße wird verwendet? Und gilt ein Zoll für jede Lieferung oder nur für Mengen oberhalb eines Kontingents?
Ein sauberer Vergleich muss außerdem Warenhandel, Dienstleistungen, einzelne Branchen und die gesamte Volkswirtschaft auseinanderhalten. Ein hoher Anteil der Warenexporte in ein Land bedeutet nicht, dass derselbe Anteil aller kanadischen Umsätze oder Einkommen dort entsteht. Eine im Tarifplan gedruckte Spitzenrate ist nicht automatisch der Satz, der auf die tatsächlich importierte Menge gezahlt wird. Und ein politisch angekündigter Gegenzoll ist noch kein bereits kassierter Betrag.
Wie abhängig ist Kanada wirklich vom US-Markt?
Die Abhängigkeit ist groß, nur eben nicht 95 Prozent. Statistics Canada weist für 2025 aus, dass 71,7 Prozent der kanadischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten gingen. 2024 waren es 75,9 Prozent. Zugleich stieg der Warenhandel mit anderen Ländern deutlich. Die im ZDF-Video genannte Größenordnung von gut 70 Prozent passt damit zu den jüngsten vollständigen Jahresdaten, solange ausdrücklich von Warenexporten gesprochen wird.
Trumps Wort „business“ ist dagegen so breit, dass die 95 Prozent keinen nachvollziehbaren amtlichen Nenner besitzen. Es umfasst sprachlich weit mehr als Warenexporte: Binnenumsätze, Dienstleistungen, Investitionen und Geschäfte mit kanadischen Kunden wären ebenfalls denkbar. Bemerkenswert ist, dass selbst das Weiße Haus am 25. August nur von ungefähr drei Vierteln der kanadischen Warenexporte sprach. Das bestätigt die starke Verflechtung, widerspricht aber der 95-Prozent-Zahl aus Trumps Post.
Kanadas Arbeitslosenquote: 6,4 statt 10 Prozent
Die jüngste verfügbare amtliche Veröffentlichung ist der Labour Force Survey für Juli 2026. Danach sank die kanadische Arbeitslosenquote um 0,1 Prozentpunkte auf 6,4 Prozent. Das war der niedrigste Wert seit Juli 2024 und der dritte monatliche Rückgang in Folge. Seit April war die Quote insgesamt um 0,5 Prozentpunkte gefallen. Trumps Aussage ist deshalb sowohl beim Niveau als auch bei der Richtung falsch.
Das heißt nicht, dass Kanadas Arbeitsmarkt frei von Problemen wäre. Die Jugendarbeitslosigkeit lag wesentlich höher, regionale Werte unterscheiden sich und Zölle können Beschäftigung künftig belasten. Solche Risiken verwandeln eine nationale Quote von 6,4 Prozent aber nicht nachträglich in zehn Prozent. Prognosen über mögliche Zollfolgen müssen als Prognosen gekennzeichnet werden; sie dürfen nicht als bereits gemessener Ist-Zustand erscheinen.
Was hinter den angeblichen 400-Prozent-Zöllen steckt
Kanadas Milchwirtschaft wird durch sogenannte tariff-rate quotas geschützt. Bis zu einer festgelegten Menge kann ein Produkt zu einem niedrigen oder präferenziellen Satz eingeführt werden. Erst oberhalb dieser Zugangsmenge greift der deutlich höhere Außerkontingentzoll. Der amtliche kanadische Zolltarif 2026 nennt beispielsweise für mehrere Käsekategorien oberhalb des Kontingents 245,5 Prozent. Für bestimmte andere Milchfettprodukte sind 313,5 Prozent ausgewiesen. Innerhalb des Kontingents können für US-Ware dagegen Präferenzsätze bis hin zu zollfrei gelten.
Damit hat Trumps Vorwurf einen realen Kern: Kanada schützt bestimmte Milchprodukte mit außergewöhnlich hohen Außerkontingentzöllen. Die pauschale Formulierung, amerikanische Farmer würden mit 400 Prozent und mehr belastet, wird dadurch aber nicht belegt. Sie nennt weder Produkt noch Tarifposition, verschweigt das Kontingent und überträgt einen möglichen Spitzensatz auf die Landwirtschaft insgesamt. Auch das Weiße Haus spricht in seiner eigenen Faktensammlung nur von fast 300 Prozent bei Milchprodukten. Der politische Streit über die Verteilung und Nutzbarkeit der Kontingente bleibt davon unberührt; er ist etwas anderes als die Behauptung eines allgemeinen 400-Prozent-Zolls.
Die neuen US-Zölle betreffen bestimmte Waren, nicht alles aus Kanada
Die US-Regierung verhängte zusätzliche Abgaben von 50 Prozent auf definierte kanadische Produktgruppen. Ein Faktenblatt des Weißen Hauses nennt unter anderem Wein, Hockeyschläger und Zement; Ausnahmen gelten etwa für Energie, Kali, bestimmte Rohstoffe und Waren, die anderen Sonderzöllen unterliegen. Die Kurzform „50 Prozent auf kanadische Waren“ ist daher nur dann korrekt, wenn das Wort „bestimmte“ ergänzt wird. Sie beschreibt keinen pauschalen Aufschlag auf jede kanadische Lieferung.
Diese Abgrenzung ist auch für die wirtschaftliche Wirkung wichtig. Welche Unternehmen belastet werden, hängt von Zollnummer, Ursprung, Liefervertrag und Ausnahmeregel ab. Zölle werden zudem zunächst beim Importeur erhoben. Ob die Kosten am Ende beim ausländischen Hersteller, beim US-Unternehmen oder bei Verbrauchern landen, entscheidet sich über Preise, Wechselkurse, Ersatzlieferanten und Verhandlungsmacht.
Was Kanada tatsächlich beschlossen hat
Kanadas Finanzministerium kündigte am 25. August an, ab dem 8. September Gegenmaßnahmen auf US-Importe im Wert von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar zu erheben. Die Sätze betragen je nach Produkt 15, 25 oder 50 Prozent und sollen den entsprechenden US-Satz spiegeln. 50 Prozent sind unter anderem für bestimmte Stahl- und Aluminiumwaren, Möbel und Bekleidung vorgesehen; 25 Prozent unter anderem für Haushaltsgeräte, Käse, Fisch und Meeresfrüchte. Die amtliche Warenliste legt die betroffenen Zollpositionen fest.
Die Regierung bezeichnet das Vorgehen als „dollar for dollar, rate for rate“. Das ist eine politische und administrative Zielbeschreibung: Der erfasste Importwert soll dem Wert der neu betroffenen kanadischen Exporte entsprechen, und die Sätze sollen spiegelbildlich sein. Es bedeutet nicht, dass beide Volkswirtschaften garantiert exakt denselben Schaden tragen. Handelsstrukturen, Gewinnmargen, Ausweichmöglichkeiten und die Größe der jeweiligen Märkte unterscheiden sich erheblich.
Das Hilfspaket ist Teil der Gegenstrategie
Neben den Gegenzöllen kündigte Ottawa ein Paket von 7,5 Milliarden kanadischen Dollar für Unternehmen und Beschäftigte an. Nach Regierungsangaben umfasst es regionale Unternehmenshilfen, Liquiditätsprogramme, einen Diversifizierungsfonds sowie Unterstützungen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Das Geld ist kein Beleg dafür, dass Kanada wirtschaftlich unverwundbar wäre. Im Gegenteil: Ein Hilfspaket dieser Größenordnung zeigt, dass die Regierung mit konkreten Belastungen rechnet.
Ebenso wenig beweist die starke Abhängigkeit vom US-Markt, dass Widerstand zwangsläufig irrational ist. Die Entscheidung enthält politische Wertungen zu Souveränität, Verhandlungsmacht und langfristiger Diversifizierung. Ob der Kurs „mutiger“ oder „riskanter“ als der EU-Kompromiss ist, lässt sich nicht mit einer einzelnen Zahl entscheiden. Überprüfbar sind die Ausgangsdaten, die Rechtsakte und die angekündigten Maßnahmen; der spätere wirtschaftliche Erfolg bleibt offen.
Fazit
Das ZDF-Video trifft die Größenordnung der kanadischen Exportabhängigkeit: Gut 70 Prozent der Warenexporte gehen in die USA. Trumps zugespitzte Zahlen halten dagegen nicht stand. 95 Prozent „Geschäft“ sind durch die amtliche Handelsstatistik nicht gedeckt, zehn Prozent Arbeitslosigkeit widersprechen der gemessenen Quote von 6,4 Prozent, und ein allgemeiner 400-Prozent-Zoll für US-Farmer existiert in dieser Form nicht. Richtig ist, dass Kanada einzelne Milchprodukte oberhalb von Kontingenten mit extrem hohen Sätzen schützt. Ebenfalls belegt sind Kanadas gestaffelte Gegenzölle auf 27,6 Milliarden Dollar US-Importe und das 7,5-Milliarden-Hilfspaket. Der Konflikt ist real; gerade deshalb sollten seine Zahlen nicht größer gemacht werden, als die Primärquellen erlauben.
