Die Ukraine verteidigt sich seit dem russischen Großangriff 2022 und benötigt zugleich immer neue Soldaten. Das ZDF-Auslandsjournal begleitet Männer, die eingezogen wurden, sich einer Einheit unerlaubt entzogen haben oder Einberufungsaufforderungen ignorieren. Der Beitrag nennt sie im Titel pauschal „Deserteure“. Juristisch ist das zu ungenau.
Dieser Faktencheck trennt individuelle Schilderungen von verifizierbaren Zahlen und Rechtsregeln. Die persönlichen Erlebnisse der unter Vornamen auftretenden Männer sind für sich genommen nicht unabhängig nachprüfbar; sie werden deshalb nicht als gesicherte allgemeine Tatsachen behandelt.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Größenordnung von mehr als 200.000 Fällen unerlaubter Abwesenheit ist durch öffentliche Aussagen ukrainischer Verantwortlicher und Strafverfahrensdaten plausibel. Je nach Quelle geht es aber um Fälle, Verfahren oder Personen und um unterschiedliche Zeiträume.
- Unerlaubtes Entfernen von der Einheit und Desertion sind im ukrainischen Strafgesetzbuch getrennte Tatbestände. Desertion setzt eine Absicht voraus, sich dem Dienst dauerhaft zu entziehen.
- Gewaltsame und rechtswidrige Übergriffe bei Mobilisierungskontrollen sind dokumentiert. Daraus folgt nicht, dass jede Einberufung so abläuft.
- Die Ukraine hat ein vereinfachtes Rückkehrprogramm geschaffen. Rückkehrer können unter Voraussetzungen über Army Plus eine neue Einheit aus einer Liste wählen.
- Die persönlichen Aussagen von Pavlo, Arkadii und Ivan sowie die behauptete Verdreifachung der Bewerbungen bei einem bestimmten Korps sind ohne zusätzliche Unterlagen nicht unabhängig verifizierbar.
1. Warum die Ukraine weiter mobilisiert
Ausgangspunkt ist kein innerukrainischer Konflikt, sondern der russische Angriffskrieg. Die UN-Generalversammlung bezeichnete Russlands Vorgehen in ihrer Resolution ES-11/1 als Aggression und verlangte den Abzug russischer Truppen. Die Ukraine verlängert seither Kriegsrecht und allgemeine Mobilisierung regelmäßig. Das ukrainische Parlament dokumentierte auch im Juli 2026 eine weitere Verlängerung.
Aus dem Recht eines angegriffenen Staates auf Verteidigung folgt jedoch nicht, dass jede konkrete Mobilisierungsmaßnahme rechtmäßig ist. Einberufung, medizinische Tauglichkeit, Freiheitsentzug und Gewaltanwendung unterliegen weiterhin ukrainischem Recht. Genau hier liegt der Konflikt, den die ZDF-Reportage sichtbar macht.
2. Unerlaubte Abwesenheit ist nicht automatisch Desertion
Der Beitrag spricht von Männern, die sich unerlaubt von ihren Einheiten entfernt haben, verwendet dafür aber im Titel den Begriff „Deserteure“. Das ukrainische Strafgesetzbuch unterscheidet: Artikel 407 behandelt das unerlaubte Verlassen einer Einheit oder das nicht rechtzeitige Zurückkehren. Artikel 408 regelt Desertion, also das Verlassen mit der Absicht, sich dem Militärdienst dauerhaft zu entziehen. Diese subjektive Absicht muss festgestellt werden.
Die Unterscheidung ist mehr als sprachliche Feinheit. Ein Soldat, der nach Tagen oder Wochen zurückkehrt, kann wegen unerlaubter Abwesenheit verfolgt werden, ohne dass ihm eine dauerhafte Entziehungsabsicht nachgewiesen ist. Umgekehrt kann auch eine kurze Abwesenheit bei entsprechender Absicht als Desertion verfolgt werden. Eine Reportage darf beide Phänomene gemeinsam behandeln, sollte die Betroffenen aber nicht pauschal juristisch vorverurteilen.
3. Was bedeutet die Zahl 200.000?
Das ZDF sagt, mehr als 200.000 solcher Fälle seien durch Zahlen des ukrainischen Verteidigungsministeriums belegt. Die Größenordnung passt zu öffentlichen Angaben Anfang 2026. Der damalige Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow nannte mehr als 200.000 Soldaten, die sich unerlaubt von Einheiten entfernt hätten. Parallel verweisen Analysen auf deutlich mehr eröffnete Verfahren, weil eine Person mehrfach erfasst werden kann oder Zeiträume und Delikte anders abgegrenzt sind.
Deshalb ist die Zahl als Größenordnung der Personalkrise belastbar, nicht aber als exakte Zahl verurteilter Deserteure. Vier Größen dürfen nicht gleichgesetzt werden:
- gemeldete Abwesenheitsereignisse,
- eröffnete Ermittlungsverfahren,
- verschiedene betroffene Personen,
- rechtskräftige Verurteilungen wegen Desertion.
Die britische Länderinformation und die Analyse des polnischen OSW zeigen, wie stark die Werte je nach Zählweise auseinandergehen. Der ZDF-Satz braucht deshalb die Ergänzung „Fälle unerlaubter Abwesenheit beziehungsweise betroffene Soldaten“, nicht „200.000 rechtskräftig festgestellte Deserteure“.
4. Strafandrohung und Einzelfall
Die Reportage erklärt, unerlaubtes Entfernen während des Kriegsrechts könne mit Gefängnis bestraft werden. Das ist richtig. Artikel 407 sieht für qualifizierte Fälle während des Kriegsrechts mehrjährige Freiheitsstrafen vor; Desertion nach Artikel 408 ist ebenfalls strafbar. Welche Norm und welcher Strafrahmen greifen, hängt von Dauer, Umständen, Vorsatz und möglichen Entschuldigungsgründen ab.
Die Aussage eines Protagonisten, ihm drohe eine bestimmte Haftstrafe oder alternativ der Einsatz in einer besonders gefährlichen Infanterieeinheit, kann anhand des Beitrags nicht unabhängig geprüft werden. Eine Versetzung darf nicht ohne Beleg als informelle Strafe dargestellt werden. Möglich sind dienstliche Zuweisungen aufgrund des Personalbedarfs; ob im Einzelfall unzulässiger Druck ausgeübt wurde, wäre gesondert zu ermitteln.
5. Gewalt bei der Mobilisierung: dokumentierte Fälle, kein Gesamtbild
Im Video sind Aufnahmen zu sehen, in denen Männer offenbar gegen ihren Willen in Fahrzeuge gebracht werden. Solche Bilder sind nicht bloß ein Internetgerücht. Der ukrainische Menschenrechtsbeauftragte berichtet über stark gestiegene Beschwerden gegen einzelne Angehörige der territorialen Rekrutierungszentren. Für 2025 nennt sein Jahresbericht zahlreiche Eingaben zu Gewalt, unrechtmäßigem Festhalten und Verfahrensverstößen. In einzelnen Fällen leitete sein Büro Untersuchungen ein, etwa nach einem Vorfall in Iwano-Frankiwsk.
Damit ist belegt, dass rechtswidrige Übergriffe vorkommen und ein ernstes Aufsichtsproblem darstellen. Nicht belegt wäre die Verallgemeinerung, ukrainische Männer würden typischerweise von der Straße „weggeprügelt“. Die Ombudsstelle selbst unterscheidet zwischen gesetzlicher Mobilisierung und rechtswidrigem Verhalten einzelner Amtsträger. Eine seriöse Einordnung muss beides nebeneinander zeigen.
6. Todesfälle und die Aussage einer Journalistin
Die ukrainische Journalistin Anastasia Stanko spricht im Beitrag über Brutalität und Todesfälle und bezeichnet die Mobilisierung als zentrales Problem des Landes. Der erste Teil kann sich auf dokumentierte Einzelfälle beziehen; eine vollständige, öffentlich überprüfbare Gesamtzahl nennt die Reportage nicht. Der zweite Teil ist eine politische Einschätzung. Sie ist angesichts der Personalkrise nachvollziehbar, aber kein messbarer Fakt mit nur einer richtigen Antwort.
Auch die geschilderte Flucht eines Mannes über ein vermintes Übungsgelände ist eine persönliche Erzählung. Ohne Akten, Ortsangabe und unabhängige Bestätigung kann Evidico weder ihren Wahrheitsgehalt noch die behauptete Schussabgabe abschließend bewerten.
7. Das Rückkehrprogramm und die Wahl einer neuen Einheit
Gut belegt ist das staatliche Rückkehrangebot. Das ukrainische Verteidigungsministerium beschreibt ein vereinfachtes Verfahren über die App Army Plus. Nach einer Mitteilung vom 13. Juni 2026 können Berechtigte, die sich vor dem 12. Juni unerlaubt entfernt hatten, bis zum 20. September zurückkehren und eine neue Einheit aus einer vorgegebenen Liste wählen. Die Army-Plus-Beschreibung erläutert den digitalen Antrag.
Das ist mehr als eine pauschale Amnestie. Es gelten Fristen und Voraussetzungen; außerdem bedeutet „Einheit wählen“ nicht freie Wahl jedes beliebigen Postens. Die Rückkehr kann strafrechtliche Folgen mindern oder ein vereinfachtes Verfahren eröffnen, sie löscht aber nicht automatisch jeden denkbaren Tatvorwurf. Das ZDF gibt die Grundidee richtig wieder, verkürzt jedoch die juristischen Details.
8. Das Dritte Armeekorps als Alternative
Im Beitrag heißt es, die Bewerbungen beim Dritten Armeekorps hätten sich seit Mitte Juni verdreifacht. Außerdem werden flachere Hierarchien, erfahrene Kommandeure, bessere Ausbildung und ausreichende Ausstattung als Gründe genannt. Solche Aussagen können reale Rekrutierungsmerkmale beschreiben, stammen hier aber im Wesentlichen aus dem Umfeld der betreffenden Einheit. Eine öffentlich zugängliche, unabhängige Statistik zu einer Verdreifachung ist nicht ausgewiesen.
Diese Passage sollte daher als Selbstauskunft beziehungsweise Protagonistenaussage stehenbleiben. Sie beweist weder, dass alle anderen Einheiten schlechter geführt sind, noch dass Rückkehrer tatsächlich dauerhaft den gewünschten Einsatzort behalten.
9. Angriffe auf Kasernen
Während der Dreharbeiten gibt es Luftalarm. Der Off-Text erklärt, Kasernen würden immer wieder von Russland angegriffen. Wiederholte Angriffe auf ukrainische Ausbildungs- und Militärstandorte sind dokumentiert; die Associated Press bezeichnete einen Angriff vom Juli 2025 als den vierten tödlichen Angriff auf eine ukrainische Militäranlage binnen fünf Monaten. Für den konkreten Alarm im Beitrag lässt sich aus dem Transkript jedoch nicht feststellen, welches Ziel bedroht war. Der Luftalarm belegt die allgemeine Kriegsgefahr, nicht automatisch einen Angriff auf genau diese Kaserne.
10. Was bleibt von der Reportage?
Die Reportage beschreibt eine reale doppelte Krise: Die Ukraine benötigt Personal zur Verteidigung, während Vertrauen in Mobilisierung und militärische Führung durch lange Kriegsdauer, Verluste und dokumentierte Übergriffe geschwächt ist. Die Zahl von mehr als 200.000 zeigt die Dimension. Sie darf aber weder zu einer exakten Verurteiltenstatistik noch zu einer pauschalen Charakterisierung aller Betroffenen als Deserteure umgedeutet werden.
Für eine faire Debatte müssen auch die Grenzen der Prüfung sichtbar bleiben. Aussagen von anonymisierten oder nur mit Vornamen gezeigten Protagonisten können journalistisch relevant sein, aber ohne zusätzliche Dokumente nicht im Einzelnen bestätigt werden. Umgekehrt widerlegen einzelne Missbrauchsfälle nicht die Rechtmäßigkeit der ukrainischen Landesverteidigung.
Fazit
Der ZDF-Beitrag trifft den Kern einer schweren ukrainischen Personal- und Vertrauenskrise. Die Größenordnung unerlaubter Abwesenheiten, strafrechtliche Risiken, dokumentierte Beschwerden gegen Rekrutierungsstellen und das Rückkehrprogramm sind belastbar. Präziser werden muss vor allem die Sprache: Unerlaubte Abwesenheit und Desertion sind nicht dasselbe, Ermittlungsfälle sind nicht automatisch verschiedene Menschen, und persönliche Erlebnisse ersetzen keine allgemeine Statistik.
