Im Pazifik hat sich 2026 ein El-Niño-Ereignis entwickelt. Die tagesschau berichtet über Warnungen vor schweren Folgen im Pazifikraum. Die zugrunde liegenden Prognosen sind ungewöhnlich deutlich: Internationale Wetterdienste rechnen mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem sehr starken Ereignis. Trotzdem bleibt wichtig, zwischen einem robusten Klimasignal und der Vorhersage einzelner Katastrophen zu unterscheiden.
Das Wichtigste in Kürze
- El Niño ist etabliert und wird nach WMO und NOAA mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit bis in den Winter 2026/27 anhalten.
- NOAA bewertet ein sehr starkes Ereignis als sehr wahrscheinlich; ein historischer Spitzenwert ist möglich, aber noch nicht eingetreten.
- Dürre in Teilen Australiens und Südostasiens sowie Starkregen an Teilen der südamerikanischen Pazifikküste sind typische Risiken, keine punktgenauen Zusagen.
- Ein erhöhtes Korallenbleichen-Risiko ist gut begründet; das Ausmaß hängt von Dauer, Meerestemperaturen und lokalen Belastungen ab.
- Wie der menschengemachte Klimawandel einzelne El-Niño-Ereignisse verändert, ist nicht in allen Details geklärt.
So haben wir geprüft
Wir haben die Aussagen des tagesschau-Beitrags mit der El-Niño-Aktualisierung der Weltorganisation für Meteorologie, der ENSO-Diagnose von NOAA, dem NOAA-Ausblick zum Relative Oceanic Niño Index, Informationen des australischen Wetterdienstes und dem IPCC abgeglichen. Prognosen werden als Wahrscheinlichkeiten behandelt, nicht als bereits eingetretene Tatsachen.
1. El Niño ist 2026 bereits etabliert
Urteil: Belegt. Die WMO und das Climate Prediction Center der NOAA führen die warmen Bedingungen im tropischen Pazifik als El Niño. Das bedeutet, dass Meeresoberflächentemperaturen und atmosphärische Zirkulation gemeinsam das typische ENSO-Muster zeigen. Es handelt sich nicht nur um eine einzelne warme Messung, sondern um ein gekoppeltes Ozean-Atmosphäre-Phänomen.
2. Das Ereignis dürfte bis zum Winter 2026/27 anhalten
Urteil: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit belegt. Die Prognosen nennen für die Zeiträume September bis November und Dezember bis Februar eine nahezu hundertprozentige Fortdauer. Das ist eine außergewöhnlich hohe Modellübereinstimmung. Dennoch bleibt es formal eine saisonale Prognose: Stärke, zeitlicher Höhepunkt und regionale Wirkungen können sich noch verändern.
3. Ein sehr starkes El Niño ist wahrscheinlicher als ein moderates
Urteil: Prognose gut gestützt. NOAA beziffert die Wahrscheinlichkeit eines sehr starken Ereignisses im Herbst und Winter 2026/27 auf mehr als 90 Prozent. Beim relativen Ozeanindex besteht laut NOAA eine Wahrscheinlichkeit von 69 Prozent, dass im Dreimonatsmittel Oktober bis Dezember ein historischer Schwellenwert von mindestens plus 2,5 Grad Celsius erreicht wird. 69 Prozent sind eine deutliche Wahrscheinlichkeit, aber keine Gewissheit und kein bereits gemessener Rekord.
4. Die Erwärmung liegt nicht überall gleich hoch
Urteil: Richtig, wenn der verwendete Index genannt wird. Für Juli 2026 meldete NOAA unterschiedliche Abweichungen in den Niño-Regionen: ungefähr plus 1,4 Grad in Niño 3.4, plus 1,7 Grad in Niño 3 und plus 2,9 Grad in Niño 1+2. Die Aussage, das Wasser sei etwa zwei Grad wärmer, kann als grobe Zusammenfassung passen. Ohne Region, Referenzzeitraum und Index ist sie aber zu ungenau.
5. Dürre und Starkregen sind typische regionale Risiken
Urteil: Im Grundsatz belegt, regional probabilistisch. El Niño verschiebt tropische Niederschlagsmuster. Für Teile Australiens und Südostasiens steigt häufig das Risiko trockener Bedingungen, während an Teilen der Westküste Südamerikas stärkere Niederschläge wahrscheinlicher werden. Der australische Wetterdienst weist zugleich darauf hin, dass El Niño allein keine lokale Saison determiniert. Regionale Wetterlagen, Meeresgebiete und der Zeitpunkt des Höhepunkts bleiben entscheidend.
6. Eine katastrophale Taifunsaison ist nicht pauschal vorhersehbar
Urteil: Zu pauschal. El Niño kann die Entstehungsorte, Zugbahnen und Intensität tropischer Wirbelstürme verändern. Die Effekte unterscheiden sich aber zwischen Atlantik, Zentralpazifik und Westpazifik. Eine Warnung vor erhöhten Risiken in bestimmten Becken ist fachlich vertretbar. Die sichere Vorhersage einer generell katastrophalen Taifunsaison für den gesamten Pazifik geht über den belastbaren Stand hinaus.
7. Europa spürt El Niño weniger direkt
Urteil: Im Kern richtig. Die stärksten und beständigsten Zusammenhänge liegen im tropischen Pazifik und in angrenzenden Regionen. In Europa sind sogenannte Fernwirkungen schwächer, saisonabhängig und von anderen Zirkulationsmustern überlagert. El Niño kann Europas Wetter beeinflussen, erlaubt aber keine einfache Aussage wie ein bestimmter Winter werde zwangsläufig warm, kalt, nass oder trocken.
8. Korallenriffe sind bei anhaltender Meereswärme gefährdet
Urteil: Belegt als Risiko, nicht als unvermeidliches Ergebnis. El Niño kann die ohnehin hohen Meerestemperaturen weiter anheben und so Korallenbleiche auslösen oder verschärfen. Ob Korallen absterben, hängt von Temperaturhöhe, Dauer, Erholungspausen und lokalen Belastungen ab. Die Aussage, Korallen würden zwangsläufig sterben, wäre deshalb zu absolut; ein erheblich erhöhtes Risiko ist dagegen wissenschaftlich gut begründet.
9. El Niño ist natürlich, der Klimawandel verändert den Hintergrund
Urteil: Belegt mit offenen Detailfragen. El Niño gehört zu einer natürlichen Schwankung des Klimasystems. Der menschengemachte Klimawandel verursacht das Phänomen nicht. Er hebt jedoch das Temperaturniveau von Atmosphäre und Ozeanen an und kann dadurch Folgen überlagern oder verstärken. Der IPCC bewertet eine Zunahme extremer ENSO-Ereignisse im 21. Jahrhundert als wahrscheinlich. Das ist eine Projektion und keine Erklärung jedes einzelnen Ereignisses.
10. Konkrete Todesfälle lassen sich nicht aus dem ENSO-Index ableiten
Urteil: Als allgemeine Risikowarnung plausibel, als sichere Vorhersage nicht prüfbar. Dürren, Überschwemmungen, Hitze, Brände und Ernährungsunsicherheit können Menschenleben kosten. Welche Schäden tatsächlich eintreten, hängt aber ebenso von Warnsystemen, Infrastruktur, Armut, Katastrophenschutz und lokalen Wetterextremen ab. Ein starker El Niño erhöht Risiken; er legt keine konkrete Opferzahl fest.
Warum Prognosewerte nicht statisch sind
Saisonmodelle werden regelmäßig mit neuen Beobachtungen aktualisiert. Eine Wahrscheinlichkeit von mehr als 90 Prozent für ein sehr starkes Ereignis beschreibt den Stand der Modelle zum Veröffentlichungszeitpunkt. Sie ist weder ein Versprechen noch eine dauerhaft unveränderte Zahl. Für spätere Aktualisierungen sollten deshalb immer Ausgabedatum, betrachtetes Dreimonatsfenster und verwendeter Index genannt werden. Erst diese Angaben machen unterschiedliche Meldungen vergleichbar.
Auch das Wort historisch braucht einen klaren Maßstab. Der relative Ozeanindex berücksichtigt die allgemeine Erwärmung der Tropen anders als der klassische Oceanic Niño Index. Ein außergewöhnlicher Wert in einem Index muss deshalb nicht identisch mit dem Rekord in jedem anderen Datensatz sein. Seriös ist die Formulierung, dass ein historisch hoher RONI-Wert derzeit wahrscheinlich ist. Die Behauptung, das stärkste El Niño aller Zeiten stehe bereits fest, wäre verfrüht.
Warum gleiche Klimasignale unterschiedliche Schäden erzeugen
Ein physikalisch starkes Ereignis führt nicht überall zu gleich schweren Folgen. Frühwarnsysteme, Wasserreserven, Gesundheitsversorgung, Bauweise und landwirtschaftliche Anpassung verändern die Verwundbarkeit. Zwei Regionen mit ähnlicher Niederschlagsabweichung können deshalb sehr unterschiedliche Schäden erleben. Katastrophenrisiko entsteht aus Naturgefahr, Exposition und Verwundbarkeit. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sie auch zeigt, dass Vorsorge mögliche Folgen mindern kann.
Grenzen dieses Faktenchecks
Der Faktencheck bewertet den Prognosestand Anfang September 2026. Er kann keine lokale Wetterwarnung ersetzen. WMO und NOAA veröffentlichen fortlaufend neue Modellläufe; nationale Wetterdienste konkretisieren regionale Risiken. Für eine spätere Aktualisierung sollten gemessene Ozean- und Atmosphärenwerte klar von Modellprojektionen getrennt und keine alten Wahrscheinlichkeiten als aktueller Stand weitergeführt werden.
Für die laufende Beobachtung sind gemessene Werte und Prognosekarten getrennt zu lesen. Ein tatsächlicher saisonaler Höchststand lässt sich erst im Rückblick bestimmen, wenn das jeweilige Dreimonatsmittel vollständig vorliegt. Nationale Wetterdienste können regionale Warnungen außerdem kurzfristig anpassen. Eine spätere Artikelaktualisierung sollte deshalb nicht nur die Eintrittswahrscheinlichkeit ersetzen, sondern dokumentieren, was inzwischen beobachtet wurde, welches Modellfenster noch Zukunft ist und ob sich die erwarteten Telekonnektionen regional tatsächlich zeigen.
Fazit
Die Kernaussage des Beitrags ist gut gestützt: Das El Niño 2026/27 dürfte sehr stark werden und birgt erhebliche Risiken im Pazifikraum. Vorsicht ist bei absoluten Formulierungen geboten. Ein historischer Spitzenwert, eine katastrophale Taifunsaison oder bestimmte Todesfälle sind keine feststehenden Tatsachen. Seriöse Kommunikation nennt Eintrittswahrscheinlichkeit, Region und Prognosezeitraum.
