Ein günstiger Käse schmeckt den Passanten am besten, gewinnt aber nicht den Gesamttest. Ein anderer wird als vegetarisch vorgestellt. Und bei der Fütterung der Milchkühe vereinfacht der Beitrag zu stark. Was lässt sich aus dem SWR-Hartkäsecheck tatsächlich lernen?
„Marktcheck“ vergleicht fünf Produkte von Lidl, Edeka, Kaufland, Rewe und Aldi. Der 8:41 Minuten lange Beitrag lief nach Senderangabe erstmals am 8. September 2026 im SWR und wurde am 14. September auf YouTube veröffentlicht. Wir prüfen die sachlichen Erklärungen zu Käsearten, Herstellung und Mineralölbefunden. Evidico hat die Käse weder selbst verkostet noch im Labor untersucht. Quellenstand: 22. September 2026.
Parmesan, Grana Padano und Gran Moravia sind nicht dasselbe
Der Film beginnt mit zwei Grana Padano, vergleicht anschließend zwei Parmigiano Reggiano und zuletzt einen Gran Moravia. Das sind unterschiedliche Erzeugnisse. Wer umgangssprachlich jeden geriebenen Hartkäse „Parmesan“ nennt, übersieht einen wichtigen Unterschied: Die Bezeichnung steht in der EU nicht beliebig für Hartkäse nach italienischer Art. Der Europäische Gerichtshof ordnete „Parmesan“ als Anspielung auf die geschützte Bezeichnung Parmigiano Reggiano ein.
Grana Padano ist eine eigene geschützte Ursprungsbezeichnung. Gran Moravia trägt einen anderen Namen und muss deshalb nicht dieselben Merkmale wie Parmigiano Reggiano besitzen. Ein hellerer, milderer oder geschmeidigerer Käse ist nicht allein deshalb fehlerhaft. Er kann zu einer anderen Produkterwartung passen. Der Beitrag macht den Unterschied im Verlauf deutlich; als Vergleich identischer Produkte sollte man ihn trotzdem nicht lesen.
Neun und zwölf Monate stimmen – bei den Provinzen ist Präzision nötig
Etwa 2:43 bis 3:10: Der Beitrag nennt mindestens neun Monate Reifezeit für Grana Padano und zwölf für Parmigiano Reggiano. Das wird durch die Grana-Padano-Spezifikation und die Informationen des Parmigiano-Reggiano-Konsortiums bestätigt.
Bei der Herkunft nennt der Film jedoch 32 Provinzen für Grana Padano. Die aktuelle Vergleichsseite seines Konsortiums nennt 34 Provinzen in fünf Regionen. Die Zahl im Beitrag stimmt damit nicht mit dieser aktuellen Primärquelle überein. Die Formulierung „fünf Provinzen“ für Parmigiano Reggiano braucht ebenfalls einen Zusatz: Parma, Reggio Emilia und Modena gehören dazu; Bologna und Mantua sind nur mit festgelegten Teilgebieten einbezogen. Nicht jeder Käse aus ganz Bologna oder ganz Mantua erfüllt deshalb die Herkunftsvorgabe.
Eine längere Mindestreife erklärt Unterschiede im Produktionsaufwand mit. Sie beweist aber nicht, dass jeder teurere Käse länger gereift ist oder jedem Menschen besser schmeckt. Entscheidend für das einzelne Stück bleibt unter anderem die auf der Packung angegebene Reifezeit.
Nur Gras und Heu für Parmesan-Kühe? Das ist falsch
Etwa 3:10: Die Behauptung, die Kühe für Parmigiano Reggiano würden ausschließlich Gras und Heu bekommen, ist zu eng. Die verbindlichen Fütterungsregeln erlauben im Abschnitt über Futtermittel unter anderem Getreide wie Mais, Gerste und Weizen sowie Soja und bestimmte Hülsenfrüchte. Raufutter ist wichtig, aber nicht das einzige erlaubte Futter.
Ein entscheidender tatsächlicher Unterschied ist das Silageverbot in dieser Produktionskette. Gras, Heu und streng geregelte weitere Futtermittel sind also etwas anderes als eine reine Gras-und-Heu-Ration. Aus dem höheren Preis allein lässt sich außerdem keine bestimmte Fütterung eines einzelnen Betriebs beweisen.
Die beschriebenen Reifekristalle sind nicht einfach Salz
Bei etwa Minute zwei spricht ein Verkoster zunächst von Salzkristallen. Der Film erklärt unmittelbar danach zutreffend, dass die beschriebenen Kristalle bei längerer Reifung aus Tyrosin entstehen. Die Fachinformation des Parmigiano-Reggiano-Konsortiums beschreibt Tyrosin als Aminosäure, die beim Abbau von Milchproteinen freigesetzt wird und kristallisieren kann.
Diese Erläuterung korrigiert die umgangssprachliche Salzbezeichnung im Beitrag selbst. Die sichtbaren Punkte sind deshalb kein Messgerät für den Salzgehalt. Ebenso wenig lässt sich aus einer Kameraaufnahme jedes Körnchen in jedem Käse chemisch identifizieren. Kristalle können ein Hinweis auf Reifung sein; ob man die dadurch körnigere Textur mag, bleibt eine Geschmacksfrage.
Gran Moravia: In Tschechien hergestellt, in Italien gereift
Etwa 5:17 bis 5:35: Die Herkunftserklärung des Films wird durch Brazzales eigene Produktbeschreibung gestützt: Gran Moravia wird in Mähren hergestellt, mit tschechischer Milch; die weitere Reifung und Verpackung beschreibt der Hersteller für Italien. Eine italienische Unternehmenstradition ist somit nicht gleichbedeutend mit einem ausschließlich italienischen Herstellungsort.
Die Formulierung im Film, der Käse komme „nur zur Reifung“ nach Italien, lässt die dort ebenfalls genannte Verpackung weg. Der wesentliche Herkunftshinweis bleibt richtig. Ob die konkrete Aldi-Packung rechtlich irreführend gestaltet ist, lässt sich aus einem kurzen Filmausschnitt allein nicht abschließend beurteilen. Dafür wäre die vollständige Kennzeichnung einschließlich aller Herkunftshinweise zu prüfen. Diesen weitergehenden Vorwurf erheben wir nicht.
Vegetarischer Hartkäse ist möglich – echter Parmesan nutzt Kälberlab
Etwa 5:37: Gran Moravia wird als einziges vegetarisches Produkt dieses Vergleichs bezeichnet. Der Hersteller bestätigt die vegetarische Eignung. Für Parmigiano Reggiano schreibt die Produktspezifikation ausdrücklich Kälberlab vor; auch das Grana-Padano-Konsortium nennt Lab aus dem Kälbermagen. Unter dem üblichen Verständnis einer Ernährung ohne Bestandteile geschlachteter Tiere sind diese beiden geschützten Käsearten deshalb nicht vegetarisch.
Das heißt nicht, dass jeder Hartkäse tierisches Lab enthalten muss. Es gibt entsprechende Alternativen. Und es heißt ebenso wenig, dass die vegetarische Alternative vegan wäre: Auch Gran Moravia wird aus Milch hergestellt. Für die Kaufentscheidung ist die konkrete Produktangabe verlässlicher als die Annahme, Käse sei schon wegen seines milchbasierten Hauptbestandteils immer vegetarisch.
40 Passanten liefern keine allgemeine Geschmacksrangliste
Die Verkostung wird mit zwei Fachleuten und 40 Passanten durchgeführt, ohne dass sie wissen sollen, welche Marke sie gerade probieren. Eine solche Blindprobe kann Markenerwartungen reduzieren. Die Auswahl von Menschen, die vor Ort teilnehmen und Käse mögen, macht daraus jedoch keine repräsentative Erhebung für Deutschland.
Im Film bevorzugen die Passanten Gran Moravia, während die beiden Experten Edekas Grana Padano vorne sehen. Diese unterschiedlichen Ergebnisse sind kein Widerspruch, den man auflösen müsste: Milde, Würze, Trockenheit und Eignung zum Reiben können verschieden gewichtet werden. Der Film zeigt einzelne Reaktionen und ein Ergebnis seiner Verkostung. Einen vollständigen Datensatz zur Stimmenverteilung, Auswahl der Teilnehmenden und Auswertung haben wir nicht unabhängig geprüft.
„Schmeckt allen besser“ lässt sich daraus ebenso wenig ableiten wie „Die Passanten liegen falsch“. Für Menschen, die einen milden Käse pur essen möchten, kann ein anderes Produkt passen als für jemanden, der kräftiges Aroma über Pasta sucht.
Mineralölbefunde: SWR-Ergebnis, keine Evidico-Laborbestätigung
Etwa 6:17 bis 6:32: Der Film berichtet bei allen fünf Produkten von unauffälligen MOAH-Befunden. Bei MOSH nennt er geringe Mengen in den untersuchten Rewe- und Edeka-Proben sowie eine Überschreitung des Orientierungswerts bei der Aldi-Probe.
Wir geben das als Ergebnis des SWR-Beitrags wieder. Vollständige Laborberichte mit Probenbezeichnungen, Messwerten, Messunsicherheiten und Nachweis- beziehungsweise Bestimmungsgrenzen liegen uns nicht vor. Deshalb bestätigen wir weder eine bestimmte Konzentration noch die analytische Vergleichbarkeit der Proben unabhängig.
Ein unauffälliger Befund bedeutet zudem nicht automatisch die nachgewiesene absolute Abwesenheit jedes Moleküls. Und ein Befund an einer untersuchten Probe darf nicht ohne Weiteres auf alle Packungen einer Marke, sämtliche Chargen oder zukünftige Ware übertragen werden. Das gilt für gute wie für auffällige Ergebnisse gleichermaßen.
MOSH und MOAH sind gesundheitlich unterschiedlich einzuordnen
Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit unterscheidet gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe, MOSH, von aromatischen Mineralölkohlenwasserstoffen, MOAH. Ihre aktualisierte Bewertung von 2023 kommt für MOSH bei der damals ermittelten Exposition der Bevölkerung zu keinem gesundheitlichen Anlass zur Sorge. Das passt zur zurückhaltenden Einordnung des im Film befragten Fachmanns.
Es ist jedoch keine Aussage, dass jede beliebige Menge jeder Mineralölverbindung harmlos wäre. Bei bestimmten MOAH-Bestandteilen bestehen wegen möglicher Erbgutschädigung und Krebsentstehung andere Bedenken. Außerdem fordert die EFSA weitere Forschung, auch zu möglichen Langzeitwirkungen von MOSH. Die Kürzel dürfen deshalb nicht zu einer pauschalen „Mineralöl ist Krebs“-Behauptung zusammengezogen werden. Aus der erwähnten MOSH-Überschreitung allein ergibt sich keine entsprechende Krebswarnung für den Käse.
Ein Orientierungswert ist kein Giftigkeitsgrenzwert
Die gemeinsamen Erläuterungen von Länderüberwachung und Lebensmittelverband definieren die hier angesprochenen Orientierungswerte statistisch. Sie beschreiben erwartbare Gehalte bei guter Herstellungspraxis. Sie wurden ausdrücklich nicht als toxikologische Grenzwerte abgeleitet und ersetzen keine rechtliche oder gesundheitliche Einzelbewertung.
Eine Überschreitung kann Anlass sein, Eintragsquellen zu untersuchen und zu minimieren. Sie beweist für sich genommen weder eine konkrete Gesundheitsgefahr noch allgemein unhygienische Zustände in einem Betrieb. Wenn der Fachmann im Film weitere mögliche Mängel anspricht, ist das eine daraus abgeleitete Sorge, kein dokumentierter Nachweis solcher zusätzlicher Mängel.
Wichtig zum Zeitstand: Die Vorbemerkung vom Juli 2026 beschreibt bereits neue europäische Regelungsentwicklungen für MOAH. Daraus darf man deshalb nicht die pauschale Behauptung machen, es gebe für Mineralöl in Lebensmitteln grundsätzlich keinerlei Regeln. Für den hier berichteten MOSH-Befund bleibt entscheidend, was der verwendete Orientierungswert tatsächlich aussagt.
Der Testsieger gilt für diese Auswahl und diese Gewichtung
Am Ende setzt der SWR Edekas Grana Padano auf Platz eins und Rewes Parmigiano auf Platz zwei. Gran Moravia landet trotz des Passantenvotums hinten, weil Expertenurteil und Laborbefund anders gewichtet werden. Das ist eine redaktionelle Gesamtbewertung der fünf ausgewählten Proben. Der Film liefert damit keinen Beweis, dass grundsätzlich der billigste oder teuerste Käse die beste Wahl ist.
Auch die genannten Preise – umgerechnet auf 100 Gramm – beziehen sich auf den Einkauf für diesen Beitrag. Ohne aktuellen Preisvergleich sind sie keine Zusage für den nächsten Supermarktbesuch. Unterschiede bei Reifezeit, Sorte, Packungsgröße und Aktionen können einen Preisvergleich zusätzlich verändern.
Für die eigene Auswahl bleiben drei konkrete Fragen: Welcher Geschmack und Verwendungszweck sind gewünscht? Ist eine vegetarische Kennzeichnung wichtig? Welche Sorte und Reifezeit stehen tatsächlich auf der Packung? So lässt sich der Erkenntnisgewinn des Films nutzen, ohne seinen Testsieger zu einem universellen Qualitätsurteil zu machen.
Fazit
Der Beitrag erklärt wichtige Unterschiede und zeigt ehrlich unterschiedliche Geschmacksvorlieben. Zu korrigieren sind die reine Gras-und-Heu-Fütterung und die genannte Provinzenzahl für Grana Padano. Vegetarische Eignung und Kälberlab lassen sich anhand der Produktspezifikationen klären. Die konkreten Laborbefunde bleiben SWR-Ergebnisse; ein MOSH-Orientierungswert ist keine automatische Gesundheitswarnung.
Prüfweg und Grenzen
Der vollständige Originalbeitrag wurde anhand seiner Untertitel durchgearbeitet; zentrale Passagen zu Fütterung, Herkunft, Lab und Labor wurden mit den Rohsegmenten abgeglichen. Eine eigene Hörprüfung wird nicht behauptet. Herstellerangaben dienen zur Prüfung von Herstellung und Produkteigenschaften, nicht als unabhängiges Geschmacksurteil. Die gesundheitliche Einordnung stützt sich auf die EFSA, die Bedeutung der Orientierungswerte auf das gemeinsame Fachdokument von Überwachung und Wirtschaft. Persönliche Verkostung, eigene Laborprüfung und vollständige Prüfung jeder Produktkennzeichnung fanden nicht statt.
Quellen
- Parmesan, Grana Padano & Co. im Check | Marktcheck SWR – ARD Marktcheck / SWR.
- Parmigiano Reggiano: Herkunft, Reifung und Tyrosinkristalle – Consorzio del Formaggio Parmigiano Reggiano.
- Parmigiano Reggiano: Produktspezifikation und Fütterungsregeln – Consorzio del Formaggio Parmigiano Reggiano.
- Unterschiede zwischen Grana Padano und Parmigiano Reggiano – Consorzio Tutela Grana Padano.
- Grana Padano: Ingredients – Consorzio Tutela Grana Padano.
- Specification of Grana Padano PDO – Consorzio Tutela Grana Padano.
- Gran Moravia: Aged Cheese Range – Brazzale / Gran Moravia.
- Mineral oil hydrocarbons: gesundheitliche Risikobewertung – Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).
- MOH-Orientierungswerte mit aktuellen Vorbemerkungen Juli 2026 – ALB/Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz und Lebensmittelverband Deutschland.
- EuGH, Rechtssache C-132/05, Urteil vom 26.02.2008 – Gerichtshof der Europäischen Union.
