Die Monopolkommission beschreibt ein reales Standortproblem. Doch ein sinkender Inlandsanteil ist nicht dasselbe wie ein entsprechend großer Produktionsverlust, und ein Modell für Stromsubventionen ist keine vollständige Bilanz ihrer Wirkung.
Bei der DIW-Veranstaltung vom 10. September 2026 stellt Tomaso Duso das Hauptgutachten seiner Kommission vor. Dieser Faktencheck untersucht zentrale Zahlen und Schlussfolgerungen der Einführung und des Hauptvortrags von 00:53 bis 23:12. Die anschließende Podiums- und Publikumsdiskussion der insgesamt 105-minütigen Aufzeichnung ist nicht Gegenstand einer vollständigen Einzelprüfung. Maßgeblich sind die veröffentlichten Gutachtenkapitel, nicht nur die zugespitzte mündliche Darstellung.
Rund 14 Prozent: Was die großen Unternehmen repräsentieren
Duso sagt, der Anteil der 100 größten Unternehmen liege weiterhin bei ungefähr 14 Prozent. Das passt zur veröffentlichten Zusammenfassung: Für 2024 nennt sie 13,9 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung. Die Rangliste richtet sich nach der im Inland erbrachten Wertschöpfung, nicht einfach nach weltweitem Umsatz oder Börsenwert.
Der Unterschied ist wichtig. Umsatz enthält auch eingekaufte Vorleistungen; Wertschöpfung beschreibt den eigenen wirtschaftlichen Beitrag. Wer beide Größen verwechselt, überschätzt unter Umständen das Gewicht eines großen Händlers gegenüber einem Betrieb, der viele Leistungen selbst erbringt. Die Top-100-Rechnung ist außerdem kein Marktanteil in einem einzelnen Produktmarkt. Ein rückläufiger Gesamtanteil widerlegt deshalb nicht, dass einzelne Plattformen oder Branchen stark konzentriert sein können.
56 auf 46 Prozent bedeutet keine zehnprozentige Schrumpfung
Kapitel 1, Abschnitt 1.4.3, bestätigt den Rückgang des durchschnittlichen Inlandsanteils der untersuchten deutschen Großunternehmen von knapp 56 Prozent 2008 auf 46 Prozent 2024. Banken, Versicherungen und ausländische Mutterkonzerne sind in dieser Teilanalyse ausgeschlossen. Im verarbeitenden Gewerbe ist die Entkopplung besonders ausgeprägt.
Das sind zehn Prozentpunkte weniger Anteil, nicht zehn Prozent weniger deutsche Produktion. Ein Rechenbeispiel macht es anschaulich: Bleibt eine inländische Leistung bei 50 Einheiten, während das weltweite Geschäft von 100 auf 125 steigt, sinkt ihr Anteil von 50 auf 40 Prozent. Keine der 50 inländischen Einheiten ist dadurch verschwunden. Genau deshalb ist Dusos Hinweis sinnvoll, dass das Wachstum vielfach anderswo stattfindet. Ob ein einzelner Betrieb tatsächlich verlagert, geschlossen oder erweitert wurde, lässt sich aus einem Anteil allein nicht ablesen.
Standortschwäche ist eine Diagnose, keine Entlastung jedes Unternehmens
Die Kommission begründet ihre Diagnose mit Kosten-, Produktivitäts- und Wertschöpfungsbefunden. Das ist mehr als eine Stimmungsmeldung. Ihre Erklärung ist aber keine experimentell isolierte Antwort darauf, wie viel jeder einzelne Standortfaktor verursacht. Energiekosten, Regulierung, Nachfrage, Unternehmensstrategie und internationale Produktionsnetze können gleichzeitig wirken.
Auch die Formulierung, der Standort sei schwach und die Unternehmen seien es nicht, bleibt eine verdichtete Gesamtinterpretation. Sie bedeutet weder, dass jeder Konzern gesund ist, noch dass das Management nichts verändern müsste. Im KI-Teil verlangt Duso ausdrücklich auch von Unternehmen Investitionen, Kompetenzen und organisatorischen Wandel. Ein Faktencheck sollte diese Selbstverantwortung ebenso sichtbar machen wie die Kritik am staatlichen Rahmen.
14 Cent sind ein Vergleichswert aus 2024
Der Vortrag nennt durchschnittlich rund 14 Cent je Kilowattstunde in Deutschland und etwa zwölf Cent im EU-Vergleich. Kapitel 3 des Gutachtens ordnet diese Größen ausdrücklich dem Jahr 2024 zu. Sie sind kein aktuelles Tarifangebot für September 2026 und keine Aussage, jeder Industriebetrieb zahle diesen Preis. Haushaltsstrom lässt sich damit ebenfalls nicht unmittelbar vergleichen.
Für eine konkrete Rechnung braucht man Verbrauchsklasse, Bezugszeitraum und enthaltene Preisbestandteile. Langfristige Verträge, Neuabschlüsse und Entlastungen können unterschiedliche Ergebnisse erzeugen. Der Durchschnitt erlaubt eine Standortdebatte, ersetzt aber keine Prüfung der Stromrechnung eines Aluminiumwerks oder kleinen Zulieferers. Dusos wiederholter Hinweis auf Unterschiede zwischen Unternehmen ist daher wesentlicher Bestandteil der Aussage.
Vier Milliarden Euro: kleiner Preiseffekt heißt nicht wirkungslos
Ab 13:45 erläutert Duso ein Input-Output-Modell: Ein gleiches Fördervolumen wird gezielt oder breit verteilt. Die Tabellen 3.4 und 3.5 zeigen gesamtwirtschaftliche Preiseffekte in der Größenordnung eines Zehntelprozents. Eine gezielte Branchenauswahl erzielt darin keinen überlegenen allgemeinen Preiseffekt. Damit ist die konkrete Modellzusammenfassung im Vortrag nachvollziehbar.
Das beantwortet eine begrenzte Frage: Wie könnten verbilligte Vorleistungen entlang bestehender Lieferbeziehungen Preise verändern? Es beantwortet nicht automatisch, wie viele Arbeitsplätze erhalten bleiben, welche Investitionen ausgelöst werden oder welchen Wert Versorgungssicherheit hat. Auch die Weitergabe einer Entlastung ist eine Annahme: Ein Unternehmen kann sie in niedrigere Preise übersetzen oder einen Teil zur Stabilisierung seiner Marge verwenden.
Deshalb wäre die Schlussfolgerung „Subventionen bringen nichts“ zu stark. Die vorgelegte Rechnung stützt eine Kritik an einem bestimmten Preisargument. Wer eine Förderung mit Klimaschutz, Sicherheit oder dem Aufbau einer neuen Technologie begründet, muss diese Ziele zusätzlich nachweisen und gegen Kosten abwägen. Sie werden durch den kleinen durchschnittlichen Preiseffekt weder bestätigt noch widerlegt.
KI-Nutzung und industrieller Produktiveinsatz sind verschiedene Größen
Der KI-Block ab 16:51 beschreibt einen zögerlichen Wandel. Bei den gesprochenen Anteilen ist besondere Vorsicht geboten: Die automatische Transkription trennt die Formulierung zur Nutzung großer Unternehmen und zur Nutzung in der Produktion nicht zuverlässig. Evidico übernimmt diese Passage deshalb nicht als präzise Prozentstatistik.
Eine belastbar zugeordnete Vergleichszahl liefert Bitkom Research vom März 2026: 41 Prozent der befragten Unternehmen ab 20 Beschäftigten nutzten KI, weitere 48 Prozent planten oder diskutierten den Einsatz. Das misst Nutzung in Unternehmen insgesamt. Ein Chatbot für Textentwürfe zählt zu einer anderen betrieblichen Anwendung als die Steuerung einer Fertigungsanlage. Verschiedene Stichproben, Unternehmensgrößen und Einsatzdefinitionen dürfen nicht zu einem scheinbaren Widerspruch zusammengeschoben werden.
Kapitel 4 enthält zudem Praxisberichte, nach denen manche Unternehmen eine Amortisation innerhalb eines Jahres erwarten. Das belegt, dass solche Hürden berichtet werden. Es ist keine repräsentative Feststellung, jedes mittelständische Unternehmen lehne alle längerfristigen Projekte ab. Ebenso ist der beschriebene industrielle Datenschatz ein Potenzial: Ob daraus ein rentables Produkt entsteht, hängt vom konkreten Problem und der Umsetzung ab.
Welche Empfehlung folgt – und was daran offenbleibt
Der Bundestag fasst den politischen Kern als Forderung nach einfacheren Strompreisregeln, weniger regulatorischen Hindernissen und strategischer öffentlicher Nachfrage zusammen. Duso plädiert für breite Verbesserungen und begründete Ausnahmen bei gezielter Förderung. Das ist eine wirtschaftspolitische Empfehlung, kein bereits bewiesener Erfolg eines beschlossenen Programms.
Für Leser bleibt eine praktikable Prüffrage: Welches konkrete Hindernis soll eine Maßnahme beseitigen, wer erhält die Entlastung und woran wird ihre Wirkung später gemessen? Der Vortrag liefert dafür nachvollziehbare Zahlen und ein Modell. Er ersetzt jedoch weder die betriebliche Einzelfallprüfung noch die politische Abwägung zwischen Effizienz, Verteilung und Sicherheit.
