Gesunde Riffe per Lautsprecher hörbar zu machen, kann die Ansiedlung von Meerestieren fördern. Dass damit geschädigte Korallenriffe gerettet werden, ist bisher nicht belegt. Die DW-Reportage „Können Geräusche geschädigte Korallenriffe retten?“ begleitet den Künstler Marco Barotti bei einer Installation auf den Malediven. Sie zeigt eine interessante Verbindung aus Forschung, Kunst und örtlicher Restaurierung. Die beobachteten Fische an den Skulpturen sind aber ein anderer Beleg als ein wissenschaftlich nachgewiesener Schalleffekt oder ein wieder gesundes Riff.
Titelbild: KI-generierte Illustration, keine dokumentarische Aufnahme.
Für diesen Faktencheck wurden die vollständigen Untertitel des 12:27 Minuten langen Films, wissenschaftliche Originalarbeiten und Angaben von NOAA, IPCC und den Projektbeteiligten geprüft. Die Zeitmarken beziehen sich auf das DW-Video. Die automatisch erzeugten Untertitel enthalten einzelne Namens- und Wortfehler; direkte Zitate werden deshalb vermieden. Quellenstand: 28. September 2026.
Mehr Fische im Versuch: ein echter, aber begrenzter Effekt
Ab 08:06 Minuten beschreibt der Film ein sechswöchiges Experiment mit ungefähr doppelt so vielen Fischen auf beschallten Flächen. Der Befund passt zur Originalstudie von Gordon und Kollegen aus 2019. Auf 33 eigens angelegten kleinen Korallenschuttflächen am nördlichen Great Barrier Reef spielten Forschende 40 Tage lang Aufnahmen gesunder Riffe ab. Sie verglichen diese Flächen mit stillen Flächen und mit Attrappen von Lautsprechern. Am Ende zählten sie auf den beschallten Versuchsflächen etwa doppelt so viele junge Fische und rund 50 Prozent mehr Fischarten.
Das ist ein kontrollierter Hinweis, dass die Klangkulisse für die Wahl eines Lebensraums wichtig sein kann. Gemessen wurden jedoch Fische auf kleinen Versuchsflächen über wenige Wochen. Die Studie zeigt weder, dass dort Korallen nachwuchsen, noch, dass die Fische langfristig überlebten oder sich die Gesundheit eines ganzen Riffs verbesserte. Die Forschenden selbst sehen Klang als möglichen Zusatz zu aktiver Wiederherstellung und Schutzmaßnahmen.
Auch Korallenlarven reagieren – je nach Versuchsbedingungen
Die DW verweist danach auf Studien von den Amerikanischen Jungferninseln. Hier lohnt die Trennung: Diese Versuche untersuchten Korallenlarven, nicht denselben Endpunkt wie die Fischstudie. In einer Feldstudie von 2024 siedelten sich Larven von Porites astreoides an beschallten Orten im Mittel 1,7-mal so häufig an wie an Kontrollorten; der Maximalwert betrug das Siebenfache. Der Effekt nahm mit Entfernung vom Lautsprecher ab, blieb im Versuch aber bis mindestens 30 Meter messbar. Die Larven wurden in Versuchsgefäßen angeboten: Das ist ein Test der Ansiedlungsreaktion, keine Zählung dauerhaft überlebender neuer Korallenkolonien im offenen Riff.
Eine 2026 veröffentlichte Folgestudie an einer anderen Korallenart macht die Grenze besonders klar. In Gefäßen mit gefiltertem Meerwasser war die Ansiedlung mit Klang im Mittel 1,79-mal höher. In durchströmten Netzzelten, die den Larven auch örtliche Wasser- und chemische Reize zugänglich machten, zeigte sich dagegen kaum ein Klangeffekt; zwischen den untersuchten Riffen gab es große Unterschiede. Schall kann also ein Signal sein, aber Wasserqualität, geeignete Oberflächen und andere Standortbedingungen entscheiden mit. Ein Erfolg in einer Art und Anordnung lässt sich nicht pauschal auf alle Riffe übertragen.
Was Barottis Skulpturen auf den Malediven belegen
Die Projektbeschreibung des Künstlers bestätigt Keramik- und Kalziumkarbonatstrukturen, aufgezeichnete Riffklänge und eine schwimmende Solarstromversorgung. Barotti berichtet im Film ab 10:02 Minuten, nach drei Tagen seien Fische durch die Skulpturen geschwommen und nach ein bis zwei Wochen Algen gewachsen. Das sind konkrete Beobachtungen. Die Konstruktion schafft zugleich neue Verstecke und Oberfläche. Schon deshalb lässt sich an anwesenden Fischen nicht erkennen, welcher Anteil auf den Klang und welcher auf die Struktur zurückgeht.
Der Projektförderer Relaxound berichtete von geplanten regelmäßigen Fischzählungen; auf der geprüften Seite stehen jedoch keine Vergleichsdaten mit gleichartigen stillen Skulpturen und keine längerfristigen Messwerte zu Korallenüberleben oder Riffdeckung. Das örtliche Feridhoo-Restaurierungsprojekt meldete 2026 zudem die Verpflanzung von 819 in Baumschulen kultivierten Korallenkolonien. Diese zusätzliche Arbeit ist wichtig, darf aber nicht als Wirkung der Lautsprecher gezählt werden. Für Barottis Standort bleibt die ökologische Wirksamkeit öffentlich noch nicht belastbar quantifizierbar.
Dass gesunde Riffe für die Malediven wirtschaftlich wichtig sind, stimmt ebenfalls. Die im Film genannte Größenordnung von gut 40 Prozent Staatseinnahmen aus Tourismus braucht aber einen Zeitraum: Das Finanzministerium beziffert den direkten Anteil tourismusbezogener regelmäßiger Zahlungen an den Staatseinnahmen für 2015 bis 2024 im Mittel auf 38,3 Prozent. Das ist ein historischer Durchschnitt, keine gemessene Quote für 2026 und kein Beleg für die Wirkung einer bestimmten Restaurierungsmethode.
90 Prozent, 84 Prozent und 97 Prozent: drei verschiedene Größen
Gleich zu Beginn heißt es, bis 2050 könnten 90 Prozent der Korallen zerstört sein. Der Weltklimarat projiziert einen weiteren Rückgang von 70 bis 90 Prozent der Korallenriffe bei 1,5 Grad globaler Erwärmung gegenüber dem damaligen Zustand; bei 2 Grad sind es mehr als 99 Prozent. Das sind bedingte Projektionen nach Erwärmungsniveau, keine sichere Zählung für ein festes Kalenderjahr. Die Gefahr ist erheblich, doch die Formulierung im Film lässt die entscheidende Bedingung offen.
Die im Film genannten 84 Prozent für 2023 bis 2025 haben wieder eine andere Bedeutung: Nach NOAA waren rund 84,4 Prozent der globalen Rifffläche im Zeitraum Januar 2023 bis September 2025 Hitzestress auf dem Niveau eines Bleicherisikos ausgesetzt. Das heißt weder, dass 84,4 Prozent der Korallen gebleicht sind, noch, dass sie starben. Gebleichte Korallen können sich erholen, wenn der Stress rechtzeitig nachlässt; bei anhaltender Belastung steigt das Sterberisiko.
Die dritte Zahl betrifft Küstenschutz: Eine internationale Metaanalyse beim USGS fand, dass untersuchte Korallenriffe im Mittel 97 Prozent ankommender Wellenenergie abbauten. Das beschreibt natürliche Riffkörper und ihre Lage zur Küste, nicht die Schutzleistung einzelner kleiner Klangskulpturen. Die Aussage, Riffe beherbergten ein Viertel „des gesamten Meereslebens“, meint genauer ungefähr ein Viertel der Meeresarten, nicht ein Viertel aller Meerestiere.
Woran sich eine echte Wiederherstellung erkennen ließe
Für die Malediven wäre ein Vergleich gleich gebauter Skulpturen mit und ohne Klang entscheidend, möglichst ergänzt um unbehandelte Flächen. Vor der Installation und über längere Zeit danach müssten nicht nur anwesende Fische, sondern auch Jungfische, Korallenansiedlung, Überleben, lebende Korallenfläche und örtliche Bedingungen wie Temperatur und Wasserqualität erfasst werden. So ließe sich unterscheiden, ob Klang einen zusätzlichen Nutzen bringt, ob die neue Oberfläche wirkt und ob ein anfänglicher Besuch zu einer stabilen Gemeinschaft wird.
Auch „laut“ ist nicht automatisch „gesund“. Eine Studie von Lamont und Kollegen an restaurierten Riffen in Indonesien fand Unterschiede in den Arten biologischer Geräusche, während der reine Schalldruck gesunde und geschädigte Flächen nicht zuverlässig trennte. Für die Beurteilung zählt, welche Tiere und Funktionen zurückkehren, nicht bloß der Pegel.
Fazit
Urteil: Der biologische Ansatz ist belegt; die behauptbare Rettungswirkung bleibt offen. Tonaufnahmen gesunder Riffe können in geeigneten Versuchen mehr Jungfische und Korallenlarven zur Ansiedlung bringen. Barottis Installation ist ein interessanter lokaler Versuch mit beobachteter Nutzung durch Meerestiere, aber noch kein nachgewiesenes Rezept für ein wiederhergestelltes Riff. Die DW nennt am Ende selbst die entscheidenden Grenzen: Klang senkt weder Meerestemperaturen noch beseitigt er Überfischung und Verschmutzung. Er kann allenfalls ein Baustein sein, wenn Lebensraum und Schutzbedingungen stimmen.
