Kurzurteil: Das Interview benennt reale Belastungen: volatile Großhandelspreise, Investitionssorgen und Importabhängigkeiten. Viele Zuspitzungen halten dem Quellenvergleich aber nicht stand. Deutschland hat weder nachweislich den teuersten Strom der Welt noch seit 2018 durchgehend null Wachstum; eine Staatsquote über 33 Prozent ist keine wissenschaftliche Misserfolgsgrenze.
Interview, Interessen und Methode
Andrea Thoma-Böck spricht zugleich als Unternehmerin und Präsidentin der Initiative Zukunft Wirtschaft Deutschland. Eigene Betriebserfahrungen sind relevante Beispiele, aber keine repräsentative Statistik. Geprüft werden deshalb 13 eigenständige Aussagen, für die amtliche Daten, Gesetzestext, Branchenbefragungen oder nachvollziehbare Modellannahmen verfügbar sind. Politische Forderungen nach einem Kurswechsel werden nicht als wahr oder falsch bewertet.
Eine sichere Strommangellage?
Deutschland werde „auf jeden Fall“ in eine Mangelsituation laufen. Urteil: nicht überprüfbar. Das Versorgungssicherheitsmonitoring der Bundesnetzagentur rechnet verschiedene Szenarien bis 2035. Es zeigt Handlungsbedarf, aber keine unabänderliche Zukunft. Kraftwerkszubau, Netze, Speicher, Importe und Nachfrage können das Ergebnis verändern. Krisenvorsorge beweist gerade nicht, dass der Krisenfall sicher eintritt.
40 bis 70 Cent und negative Preise
Abends gebe es teils 40 bis 70 Cent je Kilowattstunde, bei Überangebot negative Preise. Urteil: teilweise richtig. 2025 registrierte die Bundesnetzagentur 573 negative Day-ahead-Stunden und 40 Stunden über 300 Euro je Megawattstunde. Negative Stunden und hohe Spitzen sind damit belegt; die konkret genannte Spanne von 400 bis 700 Euro je Megawattstunde lässt sich aus den zugeordneten Jahresquellen aber nicht reproduzieren. Zudem sind es Großhandelsstundenpreise; Beschaffungsstrategie, Netzentgelt, Steuern und Verträge bestimmen die tatsächliche Jahresrechnung eines Betriebs.
„Teuerster Strom der Welt“
Urteil: falsch. Ein methodisch einheitlicher Weltrang für sämtliche Unternehmenskunden existiert nicht. Eurostat setzte Deutschland bei nicht privaten Kunden im zweiten Halbjahr 2025 nominal auf Rang drei der EU, hinter Irland und Zypern. Die IEA bestätigt hohe europäische Industriepreise gegenüber USA und China, nicht den deutschen Welt-Superlativ.
Millisekunden-Ausfälle und 50.000 bis 100.000 Euro
Kurze Unterbrechungen nähmen dramatisch zu und kosteten Unternehmen jährlich 50.000 bis 100.000 Euro. Urteil: irreführend. Die DIHK-Sonderauswertung befragt betroffene Unternehmen und ordnet Schäden in Klassen. 15 Prozent der Betriebe mit Ausfällen nannten 50.000 bis 100.000 Euro; andere deutlich weniger, einige nichts. Das ist weder ein Durchschnitt pro Unternehmen noch allein ein Beleg für einen dramatischen Zeittrend.
Energieeffizienzgesetz gleich Wachstumsverbot?
Das Gesetz begrenze Verbrauch, daher könne es kein Wachstum mehr geben. Urteil: irreführend. Das Energieeffizienzgesetz setzt gesamtwirtschaftliche Minderungsziele und Pflichten für große Verbraucher. Es deckelt nicht pauschal jede Fabrikproduktion. Wertschöpfung kann durch Effizienz, andere Produkte oder Technik steigen, obwohl Energieverbrauch sinkt. Ob einzelne Pflichten teuer oder sinnvoll sind, bleibt eine politische und ökonomische Bewertungsfrage.
DIHK-Barometer: richtiger Trend, absoluter Nachsatz
Das Barometer nenne Energie das größte Standortrisiko; in Deutschland gebe es nur noch Erhaltungsinvestitionen. Urteil: teilweise richtig. Die DIHK-Befragung zeigt ernsthafte Energiekostensorgen: Ein Drittel verschiebt Kerninvestitionen, große Industriebetriebe erwägen besonders häufig Verlagerungen. Sie belegt aber nicht, dass sämtliche Neuinvestitionen verschwunden sind.
17 bis 19 Cent CO2-Kosten
Ohne CO2-Preis würden Kraftstoffe sofort 17 bis 19 Cent günstiger. Urteil: überwiegend richtig. Die Größenordnung des direkten Zertifikatsanteils inklusive Mehrwertsteuer ist bei aktuellen Preisen plausibel. Der genaue Betrag unterscheidet sich zwischen Benzin und Diesel und setzt voraus, dass Anbieter die Entlastung vollständig weitergeben. „CO2-Steuer“ ist umgangssprachlich; formal werden Zertifikate bepreist.
28,5 Milliarden, Weltviertel, unter ein Prozent
Urteil: falsch. Die DEHSt weist für 2025 21,4 Milliarden Euro deutsche Emissionshandelseinnahmen aus, nicht 28,5 Milliarden. Ein Viertel der globalen Einnahmen wird nicht belegt. Deutschlands Anteil an weltweiten Treibhausgasemissionen lag in der genannten Datenreihe über einem Prozent. CO2 allein, alle Treibhausgase, Produktion und Konsum ergeben unterschiedliche Quoten.
China: 800 Kohlekraftwerke und 36 Reaktoren
Urteil: teilweise richtig. Rund 36 Kernreaktoren im Bau sind in der IAEA-Datenbank plausibel. 800 aktuell gebaute Kohlekraftwerke dagegen nicht: Berichte nennen für 2025 etwa 50 große neu in Betrieb genommene Blöcke und Kapazitäten in Gigawatt. Wahrscheinlich wurden Projekte, Blöcke, Genehmigungen und Leistung vermischt. Chinas breiter Energiemix ist real; die Zahl bleibt falsch skaliert.
Kein Wachstum seit 2018?
Deutschland habe seit 2018 kein Wachstum, während Spanien, Italien und alle anderen Länder wüchsen. Urteil: falsch. Deutschlands kumulierte Entwicklung ist schwach und die jüngsten Rezessionsjahre sind unstrittig. Trotzdem gab es seit 2018 auch reale Wachstumsjahre. Im ersten Quartal 2026 meldete Destatis plus 0,3 Prozent zum Vorquartal und Vorjahr. Spanien und Italien wuchsen schneller; „alle Länder“ ist dennoch unhaltbar.
50 Prozent Staatsquote und die erfundene 33-Prozent-Grenze
Die Staatsquote liege bei 50 Prozent; über 30 bis 33 Prozent seien entwickelte Volkswirtschaften nicht erfolgreich. Urteil: teilweise richtig. Der erste Wert stimmt gerundet: 50,3 Prozent im Jahr 2025. Für die behauptete Erfolgsgrenze gibt es keine belastbare Regel. OECD-Länder mit hohen Quoten können produktiv und wohlhabend sein; entscheidend sind Zusammensetzung, Steuerdesign, Institutionen und Konjunktur.
85 Prozent Wechselrichter und „keine Industrie“
85 Prozent kämen aus kritischen Ländern, Europa habe keine Alternativen. Urteil: irreführend. Abhängigkeiten und Fernzugriffsrisiken bei Wechselrichtern beschäftigen die EU tatsächlich. Das Joint Research Centre dokumentiert aber europäische Fertigungskapazitäten. Installierter Bestand, Marktanteil und maximale Jahreskapazität sind verschiedene Größen; aus hoher Importquote folgt nicht „keine Industrie“.
Kernkraft-Neustart in 48 Monaten für 8,5 Milliarden
Urteil: Kontext fehlt. Radiant Energy modelliert einen möglichen Neustart und nennt Zeit- und Kostenannahmen. Das ist weder ein bindendes Betreiberangebot noch eine Genehmigung. Sicherheitsnachweise, Brennstoff, Personal, Eigentum und Anlagenzustand müssten je Reaktor geprüft werden. Eine Bundestagsantwort nennt genau diese offenen Punkte. Die Zahlen beschreiben ein Szenario, keinen zugesagten Projektpreis.
Warum die Gesamterzählung zu glatt ist
Das Interview setzt reale Einzelprobleme zu einer linearen Abstiegserzählung zusammen: Volatilität führe sicher zu Mangel, Mangel verhindere Wachstum, hohe Staatsquote erkläre den Niedergang. Volkswirtschaften funktionieren jedoch nicht monokausal. Energiepreise, Nachfrage, Exporte, Zinsen, Fachkräfte, Regulierung, Produktmix und Wechselkurse wirken gleichzeitig. Eine starke Kritik wird nicht schwächer, wenn sie diese Konkurrenzursachen nennt; sie wird überprüfbarer.
Auch der Vergleich verschiedener Preisebenen verzerrt. Ein extremer Day-ahead-Stundenpreis ist nicht der Jahresdurchschnitt, der Haushaltsstrompreis nicht der Industrievertrag und eine staatliche Förderung nicht automatisch eine zusätzliche Kilowattstundenabgabe. Wer Kosten diskutiert, muss Kundengruppe, Zeitraum, Steuern und Netze offenlegen.
Versorgungssicherheit ist eine Szenariofrage
Die aktuelle Versorgung kann stabil sein, während ein Modell für 2030 oder 2035 zusätzliche steuerbare Kapazität verlangt. Darin liegt kein Widerspruch. Ein Monitoring variiert Wetterjahre, Nachfrage, Kraftwerkspark, Leitungen und Außenhandel. Es fragt, unter welchen Annahmen Last gedeckt wird. Aus dem Vorhandensein eines Stressszenarios folgt weder Entwarnung noch die Gewissheit geplanter Abschaltungen. Politisch relevant ist, welche Maßnahmen rechtzeitig umgesetzt werden.
Dass Unternehmen sich auf einer Krisenplattform registrieren oder Lasten priorisiert werden, ist ebenfalls zunächst Vorsorge. Für die Bewertung wären Rechtsgrundlage, Schwellenwert, betroffene Verbraucher und Entschädigungsregeln nötig. Das Interview nennt dazu starke Schlussfolgerungen, legt die konkrete behördliche Verfügung aber nicht vollständig vor. Deshalb wurde diese Plattformbeschreibung nicht als eigener harter Zahlenclaim gewertet.
Was eine Unternehmensbefragung leisten kann
DIHK-Umfragen messen Erwartungen und Erfahrungen ihrer teilnehmenden Betriebe. Sie sind besonders wertvoll, um Investitionshemmnisse früh sichtbar zu machen. Sie messen aber nicht automatisch die Zahl aller Verlagerungen oder den durchschnittlichen Schaden der Gesamtwirtschaft. Wer eine Teilgruppe – etwa Betriebe mit Stromausfall – auswertet, darf deren Prozentwerte nicht auf alle Unternehmen übertragen.
Dass Stimmung und amtliche Investitionsdaten auseinanderlaufen können, ist normal: Ein Betrieb kann ein Projekt verschieben, ein anderer zugleich investieren. Der Befund „ein Drittel verschiebt Kerninvestitionen“ ist deshalb alarmierend, aber etwas anderes als „es gibt nur noch Erhaltungsinvestitionen“. Gerade für eine Standortdiagnose lohnt diese sprachliche Disziplin.
Dasselbe gilt für Branchen: Chemie, Metall, Maschinenbau, Rechenzentren und Dienstleistungen haben sehr verschiedene Energieprofile. Ein bundesweiter Durchschnitt kann einen energieintensiven Betrieb unterzeichnen; dessen Einzelfall darf umgekehrt nicht zur Lage jedes Unternehmens erklärt werden.
Fazit
Thoma-Böck trifft einen wichtigen Punkt: Energieversorgung und Kalkulierbarkeit sind zentrale Standortfaktoren. Ihre stärksten Belege sind die amtliche Spotmarktvolatilität und das DIHK-Stimmungsbild. Die größten Fehler entstehen dort, wo aus hohen Belastungen Weltrekorde, aus Befragungen allgemeine Jahreskosten und aus Szenarien Gewissheiten werden. Für die Debatte bleiben genug harte Probleme übrig, ohne 800 Kohlekraftwerke, eine 33-Prozent-Staatsquote-Grenze oder einen garantierten Kernkraft-Neustart als gesichert auszugeben.
