Wie viel bringt eine Grippeimpfung – und für wen wird sie empfohlen? Ein neues Quarks-Video nennt Wirksamkeitswerte, Erkrankungszahlen und mögliche Spätfolgen. Die Zahlen haben vielfach eine nachvollziehbare Grundlage. Sie beziehen sich aber auf unterschiedliche Zeiträume und Messgrößen. Vor allem sind Schätzungen aus früheren Saisons keine Vorhersage für den kommenden Winter.
Das Ergebnis: Eine Influenzaimpfung kann das Erkrankungsrisiko senken und schwere Verläufe unwahrscheinlicher machen, bietet aber keinen garantierten Schutz. Die STIKO empfiehlt sie bestimmten Gruppen jährlich. Die vom RKI geschätzten 16.000 Todesfälle der vergangenen Saison beziehen sich zusammen auf Influenza und RSV. Für den einzelnen Menschen lassen sich Nutzen und Risiko nicht aus einer Durchschnittszahl ablesen.
Prüfstand: 2. November 2026. Wir haben das vollständige Originaltranskript mit amtlichen Empfehlungen und Forschungsarbeiten abgeglichen. Es geht um die echte Influenza, nicht um jeden grippalen Infekt. Persönliche Fragen zu einer Impfung gehören ins ärztliche Gespräch.
1. 20 bis 60 Prozent: Eine relative Größe, keine Zusage
Quarks nennt eine Wirksamkeit von 20 bis 60 Prozent und erklärt sie als gegenüber Ungeimpften verringertes Erkrankungsrisiko. Das trifft das Prinzip einer relativen Risikoreduktion. Das RKI nennt diese Spannweite für untersuchte Saisons 2010/11 bis 2019/20 in europäischen und US-amerikanischen Studien zu laborbestätigter Influenza, wegen der ärztliche Hilfe aufgesucht wurde. Sie ist weder ein feststehender Wert für 2026/27 noch eine Aussage über jede Infektion.
Ein Rechenbeispiel: Erkranken ohne Impfung zehn von 100 vergleichbaren Menschen und beträgt die relative Reduktion 40 Prozent, wären es mit Impfung rechnerisch sechs von 100. Die Differenz beträgt vier Prozentpunkte. Das Beispiel dient nur dem Verständnis; es sagt weder die kommende Saison noch den persönlichen Schutz voraus. Alter, Vorerkrankungen, zirkulierende Viren und Übereinstimmung mit dem Impfstoff beeinflussen den beobachteten Effekt.
2. Milderer Verlauf ist möglich, aber nicht garantiert
Im Video klingt es stellenweise so, als verlaufe eine Influenza trotz Impfung stets viel milder. Studien können im Durchschnitt eine geringere Wahrscheinlichkeit schwerer Folgen zeigen; sie garantieren keinem Einzelnen einen leichten Verlauf. Auch geimpfte Menschen können schwer erkranken. Die für eine einzelne Studie genannte Verringerung der Symptomschwere um 31 Prozent lässt sich hier ohne den eindeutig zugeordneten Studienkontext nicht als allgemeiner Wert bestätigen.
Das RKI-Faktenblatt beschreibt Schutz vor schwerer Erkrankung als wichtiges Impfziel. Welche Endpunkte und Personengruppen eine konkrete Untersuchung betrachtet, ist entscheidend. Ein Zusammenhang aus Beobachtungsdaten ist nicht automatisch eine exakt messbare persönliche Wirkung.
3. 16.000 Todesfälle: Influenza und RSV zusammen
Quarks nennt rund 16.000 Todesfälle in der vergangenen Saison und fügt unmittelbar hinzu, dass auch RSV, ein anderes Atemwegsvirus, enthalten ist. Diese Einschränkung gehört zur Zahl. Der RKI-Saisonbericht 2025/26 schätzt die mit Influenza und RSV verbundene Übersterblichkeit gemeinsam. Es handelt sich um eine statistische Schätzung, nicht um 16.000 einzeln laborbestätigte Grippetodesfälle. Ein großer Teil der geschätzten zusätzlichen Sterblichkeit entfiel auf sehr alte Menschen.
Auch die genannte Größe von rund zwölf Millionen grippebedingten akuten Atemwegserkrankungen ist eine modellgestützte Schätzung für 2025/26, keine Zählung von zwölf Millionen Labortests. Gemeldete labordiagnostische Fälle und Schätzungen erfassen Verschiedenes. Aus einer vergangenen Saison folgt nicht, wie schwer die nächste wird.
4. 400.000 verhinderte Erkrankungen: Was die Modellzahl aussagt
Quarks spricht von rund 400.000 vermeidbaren Erkrankungen jährlich bei Menschen über 60. Das RKI verweist für diese Größenordnung auf eine Modellierung: Sie schätzt bei den damals bestehenden Impfquoten bereits verhinderte Erkrankungen. Sie belegt nicht ohne Weiteres, dass künftig jedes Jahr zusätzlich genau 400.000 weitere Fälle vermieden werden können. Impfquote, Saison und Modellannahmen spielen eine Rolle. Auch eine vermiedene eigene Erkrankung beweist nicht automatisch, dass jede Weitergabe verhindert wurde.
5. Grippe und ME/CFS: Ein ernstes Risiko, dessen Größe begrenzt belegt ist
ME/CFS kann Betroffene erheblich einschränken. Quarks verweist auf ein nach Influenza erhöhtes Risiko und nennt eine norwegische Untersuchung. Eine eigenständig geprüfte norwegische Registerstudie von 2015 beobachtete die Bevölkerung von 2009 bis 2012: Nach diagnostizierter pandemischer Influenza lag die adjustierte Erkrankungsrate für ME/CFS bei ungefähr dem Doppelten der Vergleichsgruppe. Nach der damals untersuchten Pandemieimpfung fand die Studie keinen Hinweis auf eine erhöhte Rate.
Das ist ein beobachteter Zusammenhang in einer konkreten Pandemie, kein Nachweis für dieselbe individuelle Risikozahl nach jeder saisonalen Grippe. Wir können die im Video erwähnte Studie von 2023 nicht eindeutig dieser Arbeit zuordnen; die 2015er Untersuchung dient hier als gesonderter Beleg. Auch ein relatives Verhältnis beschreibt nicht, wie häufig ME/CFS absolut auftritt. Betreuung und Linderung einzelner Beschwerden sind möglich, selbst wenn die Erkrankung bisher nicht allgemein heilbar ist.
6. Impfquote: Etwa ein Drittel der älteren Menschen
Für die Saison 2024/25 beschreibt das RKI anhand vertragsärztlicher Abrechnungsdaten eine Impfquote von rund 35 Prozent bei Personen ab 60 Jahren. Bei unter 18-Jährigen mit einer in den Daten erfassten chronischen Risikokrankheit lag sie bei etwa zehn Prozent. Das stützt die gerundete Aussage „jeder Dritte“ beziehungsweise „jedes zehnte gefährdete Kind“ für diese Auswertung.
Das sind Daten einer vergangenen Saison und der untersuchten versicherten Bevölkerung, keine Echtzeitmessung der Impfungen im November 2026. Unterschiedliche Datensätze und Definitionen können leicht andere Werte ergeben. Ein „historisches Tief“ sollte auf die jeweilige Datenreihe bezogen werden, nicht als universeller Rekord für jede Erhebung verstanden werden.
7. Für wen empfiehlt die STIKO die Impfung?
Die STIKO-Empfehlung nennt unter anderem alle Menschen ab 60 Jahren, Schwangere, Menschen mit bestimmten chronischen Erkrankungen, Bewohnende von Pflegeeinrichtungen und medizinisches Personal. Hinzu kommen weitere Gruppen mit erhöhtem beruflichem Risiko oder engem Kontakt zu gefährdeten Personen. Auch regelmäßiger unmittelbarer Kontakt zu Schweinen, Geflügel, Wildvögeln oder Robben ist genannt.
Für gesunde jüngere Erwachsene ohne solche besonderen Risiken gibt es keine allgemeine Standardempfehlung. Das ist nicht gleichbedeutend mit einem generellen Abraten. Ob eine Impfung im persönlichen Fall sinnvoll ist und wer Kosten übernimmt, lässt sich mit ärztlicher Praxis beziehungsweise Krankenkasse klären.
8. Jährliche Anpassung und zehn bis 14 Tage
Influenzaviren verändern sich. Die WHO-Empfehlung für die Nordhalbkugel 2026/27 benennt die ausgewählten Viruskomponenten der Saison; aus ihr lässt sich nicht ableiten, dass jedes Produkt jedes Jahr identisch zusammengesetzt ist. Der Schutz lässt im Zeitverlauf nach. Deshalb ist die jährliche Empfehlung für die genannten Gruppen nicht allein mit einer einzelnen Virusmutation zu erklären.
Nach Angaben des RKI dauert es etwa zehn bis 14 Tage, bis der Impfschutz aufgebaut ist. Das RKI empfiehlt den üblichen Zeitraum im Herbst; auch später kann eine Impfung noch sinnvoll sein. Es gibt keinen Tag, der für jede Person und jede Grippesaison garantiert optimal ist.
9. Wie stark wird der Winter 2026/27?
Quarks sagt selbst, dass der Verlauf nicht verlässlich vorhergesagt werden kann. Der RKI-Wochenbericht für den 19. bis 25. Oktober 2026 zeigt zuletzt eine noch niedrige Influenzaaktivität bei ersten Anstiegen einzelner Indikatoren. Das ist eine Momentaufnahme, keine Entwarnung und kein Beweis für eine außergewöhnlich starke Welle. Einzelne Meldungen aus dem Ausland ersetzen keine Prognose für Deutschland.
Fazit: Nutzen und Grenzen gemeinsam erklären
Die Kernaussage des Videos, dass die Influenzaimpfung relevante Erkrankungen und schwere Folgen verhindern kann, ist gut begründet. Wer die Zahlen richtig einordnet, trennt jedoch persönliche Entscheidung von Durchschnittswirkung, kombinierte RSV- und Influenza-Schätzung von bestätigten Grippetodesfällen und alte Modellwerte von einer Prognose. Die Empfehlung der STIKO ist gruppenspezifisch; Unsicherheit über den kommenden Winter gehört zur ehrlichen Einordnung.
