Fazit: In der WELT-Sendung „Meinungsfreiheit“ werden mehrere überprüfbare Zahlen korrekt oder zumindest nachvollziehbar aufgegriffen. Dazu gehören die YouGov-Werte von 28 Prozent für die AfD und 22 Prozent für die Union, die AfD-Umfragewerte von über 40 Prozent in Sachsen-Anhalt sowie Daten zur Zahl ausländischer Bürgergeld-Empfänger. Gleichzeitig werden viele Zahlen politisch zugespitzt oder mit Schlussfolgerungen verbunden, die sich aus den Daten nicht direkt ergeben. Aussagen wie „die Brandmauer muss fallen“, „ins Sozialsystem wird nicht eingewandert“ oder „Schweden ist wegen Snus gesünder“ sind keine einfachen Fakten, sondern Bewertungen, Deutungen oder kausale Thesen.
Was wurde geprüft?
Grundlage waren das eingebettete Originalvideo, eine interne Arbeitsmitschrift und die anschließende Prüfung ausgewählter Aussagen anhand externer Quellen. Ausgewählt wurden Aussagen mit überprüfbarem Tatsachenkern. Reine Meinungen, politische Forderungen und Wertungen wurden nicht als wahr oder falsch bewertet, sondern nur dort eingeordnet, wo ihnen überprüfbare Zahlen zugrunde liegen.
AfD, Union und „Brandmauer“
Die Zahlen zur YouGov-Sonntagsfrage sind im Kern richtig: In der Erhebung vom 8. bis 11. Mai 2026 lag die AfD bei 28 Prozent, die Union bei 22 Prozent. Damit lag die AfD sechs Prozentpunkte vor CDU/CSU. Schwieriger ist die Aussage zur „Brandmauer“: YouGov meldete, dass 46 Prozent den Ausschluss einer Koalition mit der AfD richtig finden und 41 Prozent ihn falsch finden. Im Februar 2025 fanden noch 54 Prozent diesen Ausschluss richtig. Die Formulierung, es seien „nur noch 41 Prozent gegen eine Zusammenarbeit“, ist deshalb missverständlich und kann die Richtung der Werte vertauschen. Die Schlussfolgerung, die Union solle mit der AfD reden, ist eine politische Meinung und nicht als Faktenbehauptung prüfbar.
Bürgergeld, Migration und Sozialstaat
Die Angaben zu Bürgergeld-Empfängern ohne deutschen Pass sind weitgehend belegt: Nach Daten der Bundesagentur für Arbeit lag der Anteil ausländischer Regelleistungsberechtigter Ende 2025 bei knapp 47 Prozent. Berichtet wurden rund 2,4 Millionen ausländische Empfänger sowie 21,7 Milliarden Euro an Leistungen an Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit bei Gesamtausgaben von 46,6 Milliarden Euro. Wichtig ist die Einordnung: Staatsangehörigkeit ist nicht gleich Migrationshintergrund, und diese Zahlen beweisen nicht automatisch „Sozialmissbrauch“ oder gezielte Einwanderung in den Sozialstaat.
Auch die Aussage, ein großer Teil des Beschäftigungszuwachses der vergangenen zehn Jahre gehe auf ausländische Beschäftigte zurück, ist in der Richtung richtig. Die Bundesagentur für Arbeit beziffert den Anteil aber mit 83 Prozent bei Männern und 56 Prozent bei Frauen. Die in der Sendung genannte Größenordnung von 75 beziehungsweise 50 Prozent ist daher nur ungefähr und nicht der aktuelle BA-Wortlaut.
Die Aussage, die Ausgaben für Bürgergeld und verwandte Sozialleistungen lägen seit Jahren bei rund 2,7 Prozent des BIP, ist nur mit genauer Definition richtig. Das IMK nennt 2,7 Prozent des BIP für Bürgergeld, Eingliederungshilfe und Sozialhilfe zusammen. Das ist nicht dasselbe wie reine Bürgergeld-Ausgaben.
Steuern, Abgaben und Industrie
Die Steuer- und Abgabenangaben hängen stark davon ab, ob man die persönliche Durchschnittsbelastung, die Sozialbeiträge der Arbeitnehmer oder den vollständigen Steuerkeil inklusive Arbeitgeberbeiträgen meint. OECD-Daten für Deutschland zeigen für 2024 bei einem alleinstehenden Durchschnittsverdiener eine persönliche Durchschnittsbelastung von 37,5 Prozent und einen Steuerkeil von 47,9 Prozent. Bei einem Alleinverdiener-Ehepaar mit zwei Kindern liegen die Werte je nach Kennzahl bei 19,9 beziehungsweise 33,3 Prozent. Die im Gespräch genannten Werte von 34 und 25 Prozent sind deshalb ohne präzise Kennzahl missverständlich.
Auch die Aussage zur Industrie braucht Kontext. Es ist belegt, dass Deutschland seit 2019 viele Industriearbeitsplätze verloren hat. EY spricht für 2025 von rund 266.200 weniger Industriebeschäftigten seit 2019; Destatis meldete Ende 2024 rund 172.000 weniger Beschäftigte im Verarbeitenden Gewerbe als zum Höchststand Ende 2018. Ein Umsatzplus von 20 Prozent seit 2019 kann nur als nominale Betrachtung plausibel sein und sagt ohne Preisbereinigung wenig über reale Industrieentwicklung oder Profitabilität aus.
Tabaksteuer, E-Zigaretten und Schweden
Die Aussage, dass rund 62 Prozent des Zigarettenpreises an den Staat gehen, ist plausibel und lässt sich aus Tabaksteuer und Mehrwertsteuer ungefähr herleiten. Die geplanten Steuererhöhungen im Jahr 2026 wurden jedoch zum Zeitpunkt der Berichterstattung als Entwurf beziehungsweise Vorhaben beschrieben; konkrete Packungspreise variierten je nach Bericht. Nicht jede Schachtel, die nicht in Deutschland versteuert wurde, ist automatisch illegal, weil auch legale Grenzkäufe und private Mitbringsel darunterfallen können.
Bei E-Zigaretten ist die Richtung richtig: Seriöse Gesundheitsbehörden und Krebsorganisationen bewerten reguläres Dampfen für Raucher als deutlich weniger schädlich als Rauchen, aber nicht als risikofrei. Die pauschale Zahl „90 Prozent weniger schädlich“ ist als exakte Gesundheitszahl zu stark vereinfacht. Noch problematischer ist die Schweden-These: Schweden hat eine sehr niedrige tägliche Raucherquote und Snus ist dort erlaubt. Ob Schweden aber wegen Snus die niedrigste Lungenkrebsrate und die niedrigste Herz-Kreislauf-Erkrankungsrate Europas hat, ist aus neutralen Quellen so nicht belastbar belegt. Außerdem warnen schwedische und europäische Quellen vor steigender Gesamtverbreitung von Tabak- und Nikotinprodukten.
Bewertung
Der Beitrag enthält mehrere zutreffende Datenpunkte, aber viele davon brauchen eine enge Definition und Kontext. Besonders bei Bürgergeld, Migration, Steuerlast und Tabakpolitik werden aus korrekten oder teilweise korrekten Zahlen politische Schlüsse gezogen. Diese Schlüsse sind als Meinung zu kennzeichnen und dürfen nicht mit den überprüfbaren Fakten verwechselt werden.
