Fazit: Die Sendung bei Markus Lanz behandelt eine reale Eskalation: Russland griff Kiew und die Umgebung am 24. Mai 2026 mit einem der schwersten Luftangriffe des Krieges an. Reuters und ukrainische Militärangaben bestätigen 90 Raketen und 600 Drohnen; Russland setzte dabei zum dritten Mal eine Oreschnik-Rakete ein. Die Oreschnik ist nuklearfähig und eine Mittelstreckenrakete. Aussagen, sie sei „unabfangbar“, beruhen vor allem auf russischen beziehungsweise ukrainischen Einschätzungen zur Geschwindigkeit und sollten vorsichtig formuliert werden.
Was wurde geprüft?
Geprüft wurden Aussagen zum Großangriff auf Kiew, zum Oreschnik-Einsatz, zu Russlands Vergeltungsbegründung, zu Warnungen an ausländische Diplomaten, zu taktischen Nuklearwaffen, zu ukrainischen Drohnenangriffen auf Russland, zu EU- und NATO-Sicherheitsgarantien, zur NATO-Washington-Erklärung 2024, zur EU-Aufnahme der Ukraine, zu Merkels EU-Putin-Initiative 2021, zu Putins Schröder-Vorschlag, zum EU-Mercosur-Abkommen, zu russischen Gebietsgewinnen und zu russischen Verlusten. Reine Einschätzungen über Putins Motive, die richtige Verhandlungsstrategie oder die Resilienz der ukrainischen Bevölkerung wurden nicht als wahr oder falsch bewertet.
Russlands Großangriff und Oreschnik
Die Zahl aus der Sendung stimmt: Russland startete nach ukrainischen Angaben 90 Raketen und 600 Drohnen. Reuters berichtete ebenfalls diese Größenordnung und bezeichnete den Angriff auf Kiew und Umgebung als einen der schwersten seit Kriegsbeginn. Vier Menschen wurden nach ukrainischen Angaben getötet, fast 100 verletzt. Die Oreschnik traf nicht die Stadt Kiew selbst, sondern laut Reuters und ukrainischen Angaben den Raum Bila Zerkwa südlich beziehungsweise südwestlich von Kiew.
Die Oreschnik ist eine nuklearfähige Mittelstreckenrakete. Reuters und CSIS nennen Reichweiten von mehreren tausend Kilometern; ukrainische Angaben bezifferten die Geschwindigkeit früherer Einsätze auf etwa 13.000 Kilometer pro Stunde. Die Aussage, die Rakete sei „kaum abzufangen“ oder „unabfangbar“, hat deshalb einen plausiblen Kern, ist aber keine neutral gesicherte technische Gewissheit. Luftverteidigung hängt von System, Flugprofil, Warnzeit und verfügbarer Abwehr ab.
Vergeltungsbehauptung und Warnung an Ausländer
Russland begründete den Angriff als Vergeltung für einen angeblichen ukrainischen Angriff auf eine Unterkunft in der von Russland kontrollierten Region Luhansk. Die Ukraine bestritt, Zivilisten angegriffen zu haben, und sagte, sie habe eine russische Elite-Drohneneinheit getroffen. Diese Gegendarstellungen sind belegt; unabhängig verifizieren lässt sich der Ausgangsvorfall nur eingeschränkt.
Auch die Warnung an Ausländer und Diplomaten in Kiew ist belegt. Reuters berichtete, Russland habe „systematische Schläge“ gegen militärisch genutzte Ziele in Kiew angekündigt und Ausländer zum Verlassen der Stadt aufgefordert. Der ukrainische Außenminister und die EU-Mission in Kiew werteten das als russische Einschüchterung beziehungsweise Erpressung.
NATO, EU und Sicherheitsgarantien
Richtig ist, dass die NATO auf dem Washington-Gipfel 2024 formulierte, die Ukraine befinde sich auf einem „irreversiblen“ Weg zur euroatlantischen Integration einschließlich NATO-Mitgliedschaft. Die gleiche Erklärung enthält aber eine Bedingung: Eine Einladung könne erst ausgesprochen werden, wenn die Alliierten zustimmen und Bedingungen erfüllt sind. Die Aussage, der Ukraine sei 2024 die NATO-Mitgliedschaft schlicht „versprochen“ worden, ist daher verkürzt.
Bei Artikel 42 Absatz 7 des EU-Vertrags ist der Kern richtig: EU-Staaten schulden einem angegriffenen Mitgliedstaat Hilfe und Unterstützung mit allen in ihrer Macht stehenden Mitteln. Die Sendung ordnet aber zu Recht ein, dass daraus nicht automatisch ein vollständig einheitlicher militärischer Einsatz aller EU-Mitglieder folgt. Die Klausel enthält Rücksichtnahmen auf die besondere Sicherheits- und Verteidigungspolitik einzelner Staaten sowie auf NATO-Verpflichtungen.
EU-Mitgliedschaft und Sonderstatus für die Ukraine
Die Aussage, eine schnelle Vollmitgliedschaft der Ukraine sei für die EU sehr schwierig, ist plausibel. Die Ukraine hat eine Bevölkerung in der Größenordnung von rund 40 Millionen Menschen, Millionen Geflüchtete leben weiter in der EU, und eine EU-Aufnahme erfordert komplexe Rechtsanpassungen und Zustimmung aller 27 Mitgliedstaaten. Reuters berichtete im Mai 2026 über Friedrich Merz’ Vorschlag einer „assoziierten Mitgliedschaft“ als Zwischenlösung, bei der die Ukraine an EU-Treffen teilnehmen könnte, aber ohne Stimmrecht.
Die Hinweise auf Westbalkan und Türkei sind ebenfalls im Kern richtig. Einige Westbalkanländer warten seit vielen Jahren auf Fortschritte; Nordmazedonien erhielt bereits 2005 Kandidatenstatus. Die Türkei wurde 1999 Kandidatin und begann 2005 Beitrittsverhandlungen, die seit 2018 faktisch stillstehen.
Verhandlungen mit Russland
Die Aussage, Angela Merkel und Emmanuel Macron hätten 2021 ein europäisches Gesprächsformat mit Putin vorgeschlagen und seien damit gescheitert, ist gut belegt. Reuters berichtete im Juni 2021, EU-Staats- und Regierungschefs hätten einen deutsch-französischen Vorschlag für einen Russland-Gipfel abgelehnt, besonders nach Bedenken Polens und baltischer Staaten.
Auch Putins aktueller Vorschlag, Gerhard Schröder als Gesprächspartner vorzuziehen, ist belegt. Reuters berichtete im Mai 2026, EU-Außenminister hätten die Idee zurückgewiesen; Kaja Kallas und deutsche Regierungsvertreter warnten davor, Russland einen europäischen Verhandler bestimmen zu lassen.
Russlands Schwäche, Gebietsgewinne und Verluste
Die Aussage, Russland habe nach mehr als vier Jahren Großkrieg nur rund 20 bis 25 Prozent der Ukraine kontrolliert, ist in der Richtung richtig, aber leicht zu hoch formuliert. Reuters berichtete im April 2026 von pro-ukrainischen Karten, nach denen Russland rund 116.793 Quadratkilometer oder 19,35 Prozent der Ukraine kontrolliere. Russia Matters bezifferte die aktuell kontrollierte Gesamtfläche inklusive vor 2022 eroberter Gebiete auf etwa 20 Prozent.
Russlands Verluste und Rekrutierungsprobleme sind real, die Zahlen bleiben aber unsicher. CSIS und Reuters nannten sehr hohe russische Verluste; NATO-Generalsekretär Mark Rutte sprach im Februar 2026 von etwa 65.000 russischen Verlusten in zwei Monaten. Reuters berichtete zudem, Putin habe neuen Kriegsrekruten und ihren Ehepartnern Schuldenerlasse von bis zu 10 Millionen Rubel, rund 140.000 US-Dollar, gewährt. Die im Gespräch genannte Größenordnung von 120.000 Dollar ist deshalb plausibel, aber mit dem aktuellen Reuters-Wert zu präzisieren.
