Fazit: Das Video greift eine reale Entwicklung auf: In der neuen CMIP7-Szenarioarbeit wird das sehr hohe Emissionsniveau von SSP5-8.5 aus der vorherigen Modellgeneration als unplausibel bewertet. Das ist für die Klimadebatte relevant, weil sehr hohe Erwärmungsprojektionen in Politik, Medien und Forschung tatsächlich lange prominent waren. Daraus folgt aber nicht, dass „der IPCC“ den Weltuntergang offiziell abgesagt hätte oder dass Klimarisiken verschwunden wären. Die wissenschaftliche Lage ist nüchterner: Sehr extreme Hoch-Emissionspfade gelten weniger plausibel, aktuelle Politikpfade liegen aber weiterhin deutlich über den Pariser Klimazielen.
Was wurde geprüft?
Geprüft wurden zentrale Aussagen aus dem Interview mit Fritz Vahrenholt zu IPCC-Szenarien, SSP5-8.5 beziehungsweise RCP8.5, globalen Temperaturprojektionen, deutschen CO2-Emissionen, dem Klimabeschluss des Bundesverfassungsgerichts, China und Indien, globaler Begrünung, Weltbevölkerung, Klimafinanzierung und einem Bericht des US-Energieministeriums. Reine Wertungen und politische Schlussfolgerungen wurden von überprüfbaren Tatsachenbehauptungen getrennt.
Das extreme Szenario: unplausibel, aber nicht einfach „zurückgezogen“
Die wichtigste Aussage hat einen belegten Kern. Die ScenarioMIP-CMIP7-Veröffentlichung vom April 2026 schreibt, dass die sehr hohen CMIP6-Emissionsniveaus, wie sie durch SSP5-8.5 quantifiziert wurden, inzwischen als unplausibel gelten. Gründe sind unter anderem die Entwicklung der erneuerbaren Energien, Klimapolitik und neuere Emissionstrends. Diese Aussage stammt aber aus einer Fachveröffentlichung zur nächsten Szenariogeneration, nicht aus einer formellen IPCC-Mitteilung. Sie bedeutet auch nicht, dass Klimamodelle insgesamt falsch wären.
Was 2,6 Grad wirklich bedeuten
Aktuelle Auswertungen wie der Climate Action Tracker kommen für bestehende Politiken auf etwa 2,6 Grad Erwärmung bis 2100. Das liegt deutlich unter den extremsten früheren Hoch-Emissionsszenarien, aber deutlich über dem Ziel, die Erwärmung auf möglichst 1,5 Grad und deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Eine Projektion von 2,6 Grad ist daher keine Entwarnung, sondern ein Hinweis: Das schlimmste alte Szenario ist weniger plausibel, aber die aktuelle Politik reicht weiterhin nicht für die internationalen Klimaziele.
Deutschland, CO2 und das Bundesverfassungsgericht
Deutschland hat nur einen relativ kleinen Anteil an den heutigen globalen CO2-Emissionen, in der Größenordnung von etwa 1,5 Prozent. Die daraus abgeleitete Rechnung, Deutschlands Anteil an einer zusätzlichen Erwärmung von einem Grad betrage 0,015 Grad, ist als grobe Arithmetik nachvollziehbar, aber politisch und naturwissenschaftlich zu verkürzt. Klimapolitik wird nicht nur als direkte Temperaturwirkung eines einzelnen Landes begründet, sondern auch über internationale Verpflichtungen, kumulative Emissionen, Innovations- und Vorbildfunktionen. Auch die Aussage zum Bundesverfassungsgericht braucht Korrektur: Der Klimabeschluss von 2021 stützte sich auf IPCC-Berichte und das Konzept eines CO2-Restbudgets. Er lässt sich nicht sauber darauf reduzieren, das Gericht habe „genau“ das extreme SSP5-8.5-Szenario zugrunde gelegt.
CO2, Pflanzenwachstum und Ernährung
Dass die Erde in den vergangenen Jahrzehnten in vielen Regionen grüner geworden ist, ist belegt. NASA-gestützte Studien führen einen großen Anteil dieser Begrünung auf CO2-Düngung zurück. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass die „Ernährungsgrundlage“ der Welt um 20 Prozent gestiegen sei. Pflanzenwachstum hängt auch von Wasser, Hitze, Nährstoffen, Landnutzung, Extremwetter, Bodenqualität und Artenzusammensetzung ab. Mehr Blattfläche ist nicht gleich mehr Nahrungssicherheit.
China, Indien und globale Emissionen
Richtig ist: China nennt Klimaneutralität vor 2060, Indien Netto-null bis 2070. Richtig ist auch, dass globale fossile CO2-Emissionen derzeit in der Größenordnung von rund 37 bis 38 Milliarden Tonnen pro Jahr liegen. Szenarien mit mehr als 120 Milliarden Tonnen CO2 pro Jahr bis 2100 sind daher extreme Hoch-Emissionspfade und heute deutlich weniger plausibel als früher. Trotzdem steigen oder stagnieren globale Emissionen weiterhin auf hohem Niveau; der Trend ist noch nicht mit dem Pariser Abkommen vereinbar.
Weltbevölkerung und Klimafinanzierung
Bei der Weltbevölkerung liegt Vahrenholt teilweise richtig und teilweise daneben. Die UN schätzte die Weltbevölkerung 2024 auf rund 8,2 Milliarden und erwartet einen Höchststand von etwa 10,3 Milliarden in den 2080er Jahren. Damit ist eine 14-Milliarden-Weltbevölkerung in den aktuellen UN-Projektionen nicht plausibel. Nicht korrekt ist aber die Aussage, der Höhepunkt komme schon um 2050 und liege nur bei 9 bis 10 Milliarden. Beim 100-Milliarden-Dollar-Klimafinanzierungsziel stimmt: Die Industriestaaten verfehlten das Ziel zunächst, erreichten es aber laut OECD im Jahr 2022 mit 115,9 Milliarden Dollar. Über Qualität, Zusätzlichkeit und faire Anrechnung der Mittel wird weiterhin gestritten.
Der DOE-Bericht ist keine globale Klimawissenschafts-Entwarnung
Ein Bericht des US-Energieministeriums von 2025 stellte die ökonomischen Schäden von Treibhausgasemissionen für die USA deutlich weniger dramatisch dar als viele andere Bewertungen. Daraus folgt aber kein wissenschaftlicher Konsens, dass CO2 ungefährlich sei. Der Bericht wurde von zahlreichen Klimawissenschaftlern und Faktenchecks scharf kritisiert, unter anderem wegen selektiver Darstellung und irreführender Schlussfolgerungen. Für einen neutralen Faktencheck muss er daher als umstrittene Quelle eingeordnet werden.
Bewertung
Der Kern des Videos ist nicht frei erfunden: Sehr extreme Hoch-Emissionsszenarien werden in der neuen Szenariogeneration zurückgestuft, und viele politische Debatten haben solche Szenarien früher zu stark in den Vordergrund gestellt. Die Schlussfolgerung „Weltuntergang abgesagt“ ist dennoch eine politische Zuspitzung. Eine seriöse Einordnung lautet: Das schlimmste alte Szenario ist weniger plausibel, die aktuelle Weltpolitik führt aber weiterhin zu erheblicher Erwärmung und relevanten Klimarisiken.
