Fazit: Das Gespräch mit Daniele Ganser enthält viele persönliche Erfahrungen, Medienkritik und politische Bewertungen. Für einen Faktencheck wurden nur überprüfbare Aussagen ausgewählt. Mehrere Eckdaten stimmen: Die NATO erklärte 2008 in Bukarest, die Ukraine und Georgien würden Mitglieder werden, gewährte aber keinen Membership Action Plan. Russland begann am 24. Februar 2022 die großangelegte Invasion der Ukraine. Artikel 51 der UN-Charta schützt das Recht auf individuelle und kollektive Selbstverteidigung nach einem bewaffneten Angriff. Auch die Istanbul-Verhandlungen im Frühjahr 2022 sind real. Strittig oder unbelegt sind dagegen starke Kausalbehauptungen, etwa dass Boris Johnson und Joe Biden einen unterschriftsreifen Frieden verhinderten.
Was wurde geprüft?
Geprüft wurden Aussagen zu WTC7 und den Anschlägen vom 11. September, Asbest in den Twin Towers, Larry Silversteins WTC-Lease, Nord Stream, dem Ukrainekrieg, der Maidan-Revolution 2014, NATO-Bukarest 2008, NATO-Osterweiterung, Donbas, COVID-19-Impfungen, der Zahl Ungeimpfter im deutschsprachigen Raum, dem Irakkrieg 2003, dem Iran-Krieg 2026 sowie zur Rolle von YouTube und Smartphone-Kommunikation. Reine Wertungen über Diffamierung, Medien, Meinungsräume, persönliche Motive oder innere Haltung wurden nicht als wahr oder falsch bewertet.
WTC7 und 9/11
Gansers stärkste Aussage ist, WTC7 sei sicher gesprengt worden. Dafür liefern die geprüften offiziellen Quellen keinen Beleg. NIST kam nach seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Feuer nach Trümmerschäden durch den Einsturz des Nordturms den Kollaps von WTC7 verursachten. NIST fand keine belastbaren Belege für Sprengstoff, Thermit oder eine kontrollierte Sprengung. Das bedeutet nicht, dass jede Kritik an Modellannahmen verboten wäre; die Behauptung einer sicheren Sprengung ist aber nicht gedeckt.
Die Aussagen zu Asbest und Silverstein haben einen realen Kern: In Teilen des World Trade Centers war Asbest verbaut, besonders im unteren Teil des Nordturms. Außerdem vereinbarte die Port Authority 2001 einen 99-jährigen Lease mit Silverstein Properties und Westfield. Die daraus im Gespräch anklingende Deutung, Asbestsanierung und Lease seien ein plausibles Motiv oder Erklärungselement für die Zerstörung der Türme, ist damit nicht belegt.
Nord Stream
Die Behauptung, die USA hätten Nord Stream gesprengt, stützt sich im Gespräch vor allem auf Seymour Hersh. Hersh veröffentlichte 2023 eine entsprechende Darstellung auf Basis einer anonymen Quelle. Die US-Regierung wies die Vorwürfe zurück. Gleichzeitig verfolgen deutsche Ermittlungen seit 2024 und 2025 Spuren zu ukrainischen Verdächtigen; mehrere Gerichts- und Auslieferungsverfahren betrafen ukrainische Beschuldigte. Damit ist eine US-Urheberschaft nicht bewiesen. Korrekt ist: Die Sprengung war Sabotage, die Ermittlungen sind politisch und juristisch hoch sensibel, und eine endgültige, rechtskräftige Täterfeststellung liegt öffentlich nicht vor.
Ukraine, NATO und Istanbul
Richtig ist: Russland begann am 24. Februar 2022 eine großangelegte Invasion, und die Ukraine darf sich gegen einen bewaffneten Angriff verteidigen. Richtig ist auch, dass es im März und April 2022 in Istanbul ernsthafte Verhandlungen gab. Analysen von Charap und Radchenko zeigen, dass beide Seiten über weitreichende Zugeständnisse sprachen. Allerdings blieben zentrale Fragen offen, darunter Sicherheitsgarantien, ukrainische Streitkräfte, Territorien und Russlands Forderung nach Vetorechten. Die Kurzformel, in Istanbul sei Frieden möglich gewesen und Johnson beziehungsweise Biden hätten ihn verhindert, ist deshalb zu stark.
Die Behauptung, die USA und rechtsextreme Ukrainer hätten 2014 einen Putsch gemacht, ist ebenfalls irreführend. Die Maidan-Revolution war ein komplexer innenpolitischer Aufstand gegen Präsident Janukowytsch nach dessen Abkehr vom EU-Assoziierungsabkommen, massiver Gewalt und seiner Flucht aus Kyjiw. Es gab westliche Unterstützung für Zivilgesellschaft und Opposition und auch rechtsextreme Gruppen auf dem Maidan; das belegt aber keinen durch die USA gesteuerten Putsch.
Bei NATO-Bukarest 2008 stimmt der Kern: Die NATO erklärte, Ukraine und Georgien würden Mitglieder werden. Sie setzte aber keinen Zeitplan und gewährte keinen Membership Action Plan. Ähnlich ist die Aussage zur NATO-Osterweiterung: Es gab 1990 mündliche politische Formulierungen und historische Debatten über Erwartungen der sowjetischen Führung. Ein allgemeines, bindendes vertragliches Verbot späterer NATO-Erweiterungen steht im Zwei-plus-Vier-Vertrag jedoch nicht.
Corona und Impfungen
Die Aussage, im deutschsprachigen Raum gebe es etwa 30 Millionen Ungeimpfte, ist nur näherungsweise und definitionsabhängig haltbar. Deutschland hatte laut Impfdashboard rund 22 Prozent Menschen ohne COVID-19-Impfung; für Österreich und die Schweiz ergeben sich je nach Stichtag und Definition unterschiedliche Werte. Die runde Zahl 30 Millionen ist daher eher eine politische Größenordnung als eine saubere Statistik.
Irreführend ist die Aussage, COVID-19-Impfungen hätten niemals vor Ansteckung oder Weitergabe geschützt. Studien aus der Frühphase zeigten eine deutliche Verringerung von Infektionen und damit auch potenzieller Weitergabe; mit Omikron und nachlassender Immunität nahm dieser Schutz ab. Richtig ist: Impfungen boten keinen hundertprozentigen Schutz, Durchbruchsinfektionen kamen vor, und seltene schwere Nebenwirkungen wurden dokumentiert. Die Absolutformel „niemals geschützt“ ist aber falsch.
Irak, Iran und Informationsrevolution
Die Aussage, die Begründung des Irakkriegs 2003 mit Massenvernichtungswaffen sei falsch gewesen, ist gut belegt: Die Iraq Survey Group fand keine einsatzfähigen WMD-Bestände, und der Chilcot-Bericht kritisierte, die Bedrohung durch Iraks WMD sei mit einer Sicherheit dargestellt worden, die nicht gerechtfertigt war. Die Aussage zum Iran-Krieg 2026 hat ebenfalls einen belegbaren Kern: Reuters berichtete über israelische und amerikanische Angriffe auf Iran Ende Februar 2026. Ob diese politisch oder völkerrechtlich als „Überfall“ zu bewerten sind, ist eine separate Rechts- und Wertungsfrage. Die historischen Angaben zu YouTube 2005 und iPhone 2007 stimmen; die daraus gezogene These einer Informationsrevolution ist eine plausible, aber wertende Medienanalyse.
