Ein außergewöhnlich warmer Pazifik ist ein ernstes Klimasignal. Er ist aber noch kein Winterfahrplan für Deutschland. Im Spektrum-Podcast vom 23. Oktober erklärt Redakteur Lars Fischer im Gespräch mit Marc Zimmer, wie El Niño bis nach Europa wirken kann. Viele dieser Mechanismen sind gut belegt. Bei Rekordzahlen und der Vorstellung eines zwangsläufig zusammenbrechenden Polarwirbels braucht es genauere Grenzen.
Ergebnis: Ein starker und weiter zunehmender El Niño ist amtlich bestätigt. Ob eine bestimmte Rekordmarke schon erreicht wurde, hängt von Messregion, Datensatz und Mittelungszeit ab. Europas Winter bleibt trotz des Klimasignals offen. Prüfstand: 25. Oktober 2026. Geprüft ist das vollständige Gespräch einschließlich seiner historischen Beispiele, der physikalischen Erklärung und der wirtschaftlichen Schlussfolgerungen.
Was El Niño tatsächlich bezeichnet
El Niño ist die warme, La Niña die kalte Phase eines Systems aus Ozean und Atmosphäre im tropischen Pazifik. Dazwischen gibt es einen neutralen Zustand. Die Weltorganisation für Meteorologie erklärt die ENSO-Phasen als Zusammenspiel von Meerestemperaturen, Wind und Luftdruck. Der Podcast beschreibt diesen Kern richtig.
Die natürliche Schwankung und die langfristige Erderwärmung sind verschiedene Vorgänge, die gleichzeitig wirken können. Aus einem natürlichen Ursprung folgt daher nicht, dass der heutige Wärmehintergrund oder die Folgen unverändert gegenüber früheren Jahrzehnten wären.
Das Bild vom zurückschwappenden Wasser trifft den Mechanismus
Im Normalzustand treiben Passatwinde warmes Oberflächenwasser westwärts. Vor Südamerika steigt kühleres Wasser auf. Lassen die Winde nach, verlagert sich warmes Wasser ostwärts und der kühlende Auftrieb wird geschwächt. Die NOAA-Erklärung mit Beobachtungsbeispielen stützt diese Darstellung.
Einzelne Zahlen sind weniger allgemeingültig: Der Podcast nennt ungefähr einen Meter Höhenunterschied sowie 28 gegenüber 24 Grad Celsius. NOAA illustriert den Normalzustand mit etwa einem halben Meter und einem größeren Temperaturkontrast. Das sind räumlich und zeitlich veränderliche Größen. Die Filmwerte sollten daher nicht als feste Naturkonstanten gelesen werden; die grundsätzliche Richtung stimmt.
Europa spürt Fernwirkungen, aber kein einziges Wettersystem bestimmt alles
Der Einstieg setzt einen stärkeren Akzent als das spätere Gespräch. El Niño verändert Wetterwahrscheinlichkeiten weit über den Pazifik hinaus. Für einen einzelnen deutschen Winter lässt sich daraus aber kein pauschaler dominanter Anteil ableiten. Die aktuelle Copernicus-Auswertung europäischer Winter zeigt erhebliche Unterschiede zwischen einzelnen El-Niño-Jahren.
Diese Streuung ist kein Widerspruch zum physikalischen Zusammenhang. Ein Klimafaktor kann statistisch wichtig sein, während andere Faktoren seinen Einfluss in einem bestimmten Winter verstärken, überdecken oder räumlich verschieben. Genau diese Einschränkung formuliert Fischer im weiteren Verlauf selbst.
2015/16 war ein extremes Ereignis mit sehr unterschiedlichen Folgen
Die historische Größenordnung ist plausibel. Der WHO-Bericht vom April 2016 dokumentiert schwere Dürre, Ernährungsprobleme, Überschwemmungen und Gesundheitsfolgen in mehreren Weltregionen. Die Formulierung eines der stärksten Ereignisse ist belastbarer als ein einziges, indexunabhängiges Siegeretikett.
Die im Gespräch gebündelten Waldbrände und Dürren in Australien, Asien und Südamerika sind als regional verschiedene Risiken zu verstehen. Ohne Benennung eines konkreten Brandes, seiner Wetterlage und einer Attributionsanalyse bestätigt ein globaler Überblick nicht jede einzelne Ursache. Brandentstehung und Schadenshöhe hängen außerdem nicht ausschließlich von ENSO ab.
Ostafrika ist kein einheitliches Regengebiet
Der zeitgenössische WHO-Lagebericht vom Januar 2016 beschreibt sowohl schwere Regenfälle und Flutrisiken in Teilen Ostafrikas als auch Dürre am Horn von Afrika und im Süden des Kontinents. Die Aussage zu ganz Ostafrika ist deshalb zu grob.
Eine hydrologische Untersuchung des Ereignisses 2015/16 fand beispielsweise für Nairobi Niederschlag etwa im normalen Bereich, während untersuchte Orte im südlichen Afrika deutlich trockener waren. Niederschlagsmuster müssen nach Teilregion und Regenzeit betrachtet werden. Das ist besonders wichtig, wenn aus einer historischen Beschreibung eine heutige Warnung werden soll.
Die Katastrophenerklärung in Simbabwe ist dokumentiert
Die amtliche Bekanntmachung im Veritas-Archiv bestätigt eine dürrebedingte Katastrophenerklärung für schwer betroffene Kommunal- und Umsiedlungsgebiete Simbabwes. Sie trat mit Wirkung vom 3. Februar 2016 in Kraft. Damit ist das Beispiel belegt; präziser als der allgemeine deutsche Begriff Notstand ist hier die konkrete Katastrophenerklärung.
New Yorks Rekord stimmt – seine Ursache ist damit noch nicht geklärt
Der US-Wetterdienst verzeichnet für den Januarsturm 2016 27,5 Zoll Schnee im Central Park, rund 70 Zentimeter. Das war dort die größte Sturmschneemenge seit Beginn der Messreihe 1869. NOAA korrigierte die zunächst niedrigere Messung im April 2016 nach oben.
Das stützt das Beispiel, wenn stärkster auf diese Schnee-Messgröße bezogen wird. Wind, betroffene Fläche oder Schäden sind andere Maße. Und ein Rekord während eines El Niño belegt für sich allein nicht, welchen Anteil El Niño an genau diesem Sturm hatte.
Die britischen Winterfluten hatten mehrere meteorologische Mitspieler
Der hydrologische Originalbericht zu den britischen Winterfluten bestätigt die außergewöhnliche, lang anhaltende nasse und milde Witterung. Er nennt neben einem starken El Niño auch ungewöhnliche Atlantiktemperaturen, eine stark positive Nordatlantische Oszillation und weitere Fernwirkungen.
Der britische Wetterdienst Met Office grenzt die Wirkung auch für 2026 ein: El Niño kann einen milden, nassen und stürmischen frühen Winter im Vereinigten Königreich wahrscheinlicher machen. Das ist ein statistischer Hinweis für eine bestimmte Region und Saison, keine Zusicherung für ganz West- und Nordwesteuropa.
Warum eine halbe Gradschwelle allein nicht die ganze Diagnose ist
Eine Temperaturanomalie ist die Abweichung von einem festgelegten Vergleichsmittel. Die aktuelle NOAA-Dokumentation zu ENSO verwendet den relativen Ozeanischen Niño-Index, kurz RONI. Er berücksichtigt zusätzlich, wie stark die übrigen Tropenmeere erwärmt sind. Für die Diagnose zählen außerdem passende atmosphärische Merkmale und die Dauer des Signals.
Die vereinfachte halbe Gradschwelle im Podcast ist als Einstieg brauchbar. Für Rekordvergleiche reicht sie nicht: Ein Tageswert, ein Wochenmittel, ein traditionelles Dreimonatsmittel und der relative Index sind verschiedene Angaben. Sie können nicht beliebig gegeneinander ausgetauscht werden.
Über drei Grad: Ohne Messfenster ist das zu ungenau
Diese konkrete Rekordaussage ist in der Sendung nicht ausreichend belegt. Im am 25. Oktober verfügbaren NOAA-Wochenbericht vom 19. Oktober liegt Niño 3.4 bei +2,4 Grad Celsius. Die Monatsdiagnose vom 8. Oktober nennt für ihren betrachteten Monat +2,1 Grad.
Das widerlegt nicht jeden möglichen Tageswert eines anderen Datensatzes über drei Grad. Es zeigt aber, warum die undatierte Angabe aus dem Gespräch keine eindeutige amtliche Rekorddiagnose ersetzt. Benötigt werden Datensatz, Messgebiet, Tag oder Mittelungszeit sowie die Vergleichsreihe. Ein direkter Schluss vom einzelnen Spitzenwert auf den stärksten ganzen El Niño ist nicht zulässig.
Ein Rekord in Niño 3 ist nicht derselbe wie einer in Niño 3.4
Die japanische Wetterbehörde meldete am 9. Oktober tatsächlich einen September-Rekord von +4,0 Grad für Niño 3. Diese Region liegt weiter östlich und ist nicht deckungsgleich mit Niño 3.4. Das ist ein echter Befund, aber kein austauschbarer Beleg für den Wortlaut im Podcast.
Die WMO erwartete am 8. Oktober für Oktober bis Dezember eine saisonale Niño-3.4-Abweichung von ungefähr +3,7 Grad. Das ist eine Vorhersage. NOAA gab für einen historischen RONI-Wert von mindestens +2,5 Grad in diesem Zeitraum eine Wahrscheinlichkeit von 83 Prozent an. Prognose und bereits abgeschlossene Messperiode bleiben getrennt. Unterschiedliche Bezugsmittel erklären ebenfalls einen Teil verschiedener Zahlen.
Super ist ein informelles Etikett; der Höhepunkt bleibt eine Prognose
ENSO-Ereignisse erreichen ihre größte Stärke häufig im Winterhalbjahr der Nordhemisphäre. Ein Höhepunkt um Dezember ist daher plausibel und entspricht der aktuellen WMO-Prognose. Daraus folgt aber weder ein fester Tag noch eine zwingende weitere Zunahme jedes einzelnen Wochenwerts.
Der Ausdruck Super-El-Niño ist keine weltweit einheitliche amtliche Zusatzstufe. Die WMO verwendet ihn ausdrücklich nicht als eigene Kategorie. Lesern hilft deshalb eine konkrete Messgröße mehr als ein spektakuläres Etikett: Wie stark ist welches Signal, über welchen Zeitraum und mit welcher Vorhersageunsicherheit?
Rossby-Wellen erklären einen realen Übertragungsweg
Die Erklärung mit Wellenzügen trifft einen wesentlichen Mechanismus. NOAA beschreibt atmosphärische Rossby-Wellen als großräumige Muster, die beim Wärmetransport sowie bei Lage und Verlauf des Jetstreams und der Tiefdruckbahnen eine Rolle spielen.
Verschobene tropische Gewitter- und Regengebiete können solche Muster verändern. Die Energie erreicht Europa dabei nicht einfach als dieselbe warme Luftmasse aus dem Pazifik. Es handelt sich um eine Veränderung des großräumigen Strömungssystems. Das im Podcast verwendete Netzwerkbild ist dafür eine verständliche Vereinfachung.
Der Weg über den Polarwirbel ist möglich, aber keine Kettenreaktion mit Garantie
Die ESA beschreibt den Weg über die Stratosphäre ausdrücklich als bedingt: Unter geeigneten Umständen können Wellen den Polarwirbel schwächen. Veränderungen können sich anschließend über Wochen nach unten auswirken. Eine Studie mit einem saisonalen Vorhersagemodell und Reanalysedaten untersuchte genau diesen Zusammenhang.
Die Höhenangaben von grob zwölf bis 50 Kilometern sind eine vereinfachte Größenordnung für die Stratosphäre, keine überall identische Untergrenze. Entscheidend für die Bewertung ist ein anderes Wort: können. Die zwischenzeitliche Formulierung des Gastes, El Niño schwäche den Polarwirbel eben zwangsläufig, klingt sicherer als der Forschungsstand. Nicht jeder El Niño führt zu einem Zusammenbruch.
Januar und Februar sind kein fest zugesagter Kälteeinbruch
Für den späteren Winter kann sich das Risiko einer schwächeren Westströmung und kalter Luftlagen erhöhen. Der britische Wetterdienst Met Office erklärt jedoch ausdrücklich, dass selbst eine starke plötzliche Stratosphärenerwärmung nicht immer zu intensiven Kältephasen im Vereinigten Königreich führt.
Erst müsste eine entsprechende Störung entstehen, dann eine Wirkung bis in die untere Atmosphäre reichen, und schließlich müsste die Strömung kalte Luft gerade in die betreffende Region führen. Deshalb ist die bildhafte Abfolge Pazifik, Polarwirbel, arktische Kälte keine sichere Vorhersage für Deutschland. Der Podcast korrigiert diesen möglichen Eindruck später mit seiner klaren Absage an eine konkrete Winterprognose.
Westwärts wanderndes Muster und ostwärts transportierte Energie widersprechen sich nicht
Die Erläuterung berührt eine wichtige Unterscheidung. Die Bewegung eines Wellenmusters ist nicht automatisch dieselbe wie der Transport von Energie. Auch die Strömung, in der sich das Muster befindet, verändert seine Bewegung relativ zum Erdboden. Aus dem Wort westwärts lässt sich deshalb nicht ableiten, dass Fernwirkungen Europa grundsätzlich nicht erreichen könnten. Modellversuche von Shaman und Tziperman zeigen bei El-Niño-Anregung sowohl ost- als auch westwärts gerichtete Wellenaktivität.
Die Copernicus-Dokumentation betont zugleich konkurrierende Einflüsse aus Atlantik, Polarregionen und Stratosphäre. Auch der im Gespräch genannte Indische Ozean ist ein möglicher Mitspieler; die WMO berücksichtigt für die aktuelle Saison ausdrücklich den Indischen-Ozean-Dipol. Daraus folgt noch kein bestimmter europäischer Frühlingsverlauf. Das stützt die vorsichtige Schlussfolgerung des Gesprächs: Derselbe tropische Ausgangszustand kann je nach atmosphärischem Umfeld zu unterschiedlichen europäischen Ergebnissen führen.
Wirtschaftliche Risiken sind belegt, eine feste persönliche Rechnung nicht
Ernteausfälle, Überschwemmungen und beschädigte Infrastruktur können Produktion, Handel und Preise beeinflussen. Eine Studie von Callahan und Mankin in Science untersuchte länger anhaltende Wachstumsverluste nach historischen El-Niño-Ereignissen. Der Bericht des beteiligten Dartmouth-Instituts erläutert mögliche Wirkpfade.
Damit ist das wirtschaftliche Risiko gut begründet. Es ist aber kein Beweis, dass jeder europäische Haushalt 2026 eine bestimmte Belastung erfahren wird oder dass eine später beobachtete Preissteigerung ausschließlich El Niño zuzuschreiben wäre. Der Bezug auf Krieg, Ölpreise und Inflation ist die wirtschaftliche Einordnung des Gastes; er ersetzt keine für Oktober 2026 berechnete Kosten- oder Ursachenanalyse.
Die wichtigste Einschränkung sagt der Gast am Ende selbst
Fischer lehnt am Ende eine konkrete Vorhersage für unser Wetter ab. Diese Zurückhaltung entspricht der großen Streuung europäischer El-Niño-Winter. Sie ist kein fehlendes Wissen über die Grundlagen, sondern eine sachgerechte Grenze dessen, was sich aus einem einzelnen Klimasignal ableiten lässt.
Auch im Rückblick ist allerdings nicht jede Zuordnung eindeutig. Eine nachvollziehbare Attribution muss untersuchen, wie wahrscheinlich ein Ereignis mit und ohne den betreffenden Einfluss wäre. Einfach nach dem Winter eine auffällige Wetterlage El Niño zuzuschreiben, wäre ebenso zu kurz gegriffen wie eine sichere Schneegarantie im Voraus.
Was wir daraus für diesen Winter mitnehmen können
El Niño 2026 ist kein bloßes Schlagwort: Amtliche Beobachtungen und Vorhersagen zeigen ein starkes, ungewöhnliches Ereignis. Die sinnvollste Reaktion besteht darin, regionale Saisonprognosen und kurzfristige Warnungen auseinanderzuhalten. Ein globales Risikosignal kann Vorsorge unterstützen; für die Frage nach Schnee vor der eigenen Haustür braucht es die Wettervorhersage näher am Termin. Präzision nimmt dem Thema nicht seine Bedeutung. Sie verhindert, dass aus einem begründeten Risiko eine unbegründete Gewissheit wird.
Bildhinweis: Das Titelbild ist eine KI-generierte Symbolillustration zum tropischen Pazifik und atmosphärischen Fernwirkungen. Es ist keine Wetterkarte, keine Satellitenmessung und keine Darstellung einer feststehenden Winterprognose.
