Deutschland wirkt in vielen Debatten wie ein Land aus zwei unversöhnlichen Lagern. Der NDR-Beitrag Wie zerstritten ist unsere Gesellschaft wirklich? stellt diesem Eindruck Forschungsergebnisse über politische und emotionale Polarisierung gegenüber. Der zentrale Befund ist differenzierter als die Schlagworte: Ein sehr großer Teil der Bevölkerung empfindet die Gesellschaft als gespalten. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass sich zwei gleich große, intern geschlossene Blöcke unversöhnlich gegenüberstehen.
Das Wichtigste in Kürze
- Mehr als vier Fünftel der Befragten nehmen eine starke gesellschaftliche Spaltung wahr; das misst zunächst eine Wahrnehmung.
- Ideologische Polarisierung und persönliche Abneigung gegenüber Andersdenkenden sind verschiedene Größen.
- Migration, Klimapolitik und die Unterstützung der Ukraine gehören zu den besonders konfliktträchtigen Themen.
- Eine breite politische Mitte ist weiterhin erkennbar, aber weder homogen noch konfliktfrei.
- Digitale Plattformen können Empörung verstärken; wie stark sie die Gesellschaft insgesamt polarisieren, ist wissenschaftlich nicht einheitlich geklärt.
So haben wir geprüft
Wir haben die sinngemäßen Aussagen des NDR-Beitrags mit dem MIDEM-Polarisierungsbarometer 2025, einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung, Forschung der Freien Universität Berlin sowie Studien zur Wirkung von Plattformalgorithmen abgeglichen. Entscheidend ist die Trennung zwischen gemessener Einstellung, subjektivem Eindruck, emotionaler Distanz und kausaler Wirkung.
1. Mehr als 80 Prozent erleben die Gesellschaft als gespalten
Urteil: Belegt, aber häufig überinterpretiert. Das MIDEM-Polarisierungsbarometer berichtet, dass mehr als 81 Prozent der Befragten die Gesellschaft ihres Landes als gespalten wahrnehmen. Die Untersuchung umfasst knapp 34.000 Befragte in acht europäischen Staaten; für Deutschland wurden rund 4.400 Menschen im Frühjahr 2025 befragt. Das ist ein belastbarer Befund über die wahrgenommene Spaltung. Er beweist jedoch nicht, dass die Bevölkerung objektiv in zwei gleich große und dauerhaft feindliche Lager zerfallen ist.
2. Wahrgenommene und gemessene Polarisierung sind nicht dasselbe
Urteil: Richtig. In der Forschung wird zwischen ideologischer Polarisierung und affektiver Polarisierung unterschieden. Ideologische Polarisierung beschreibt die Distanz politischer Positionen. Affektive Polarisierung erfasst, wie stark Menschen andere politische Gruppen mögen oder ablehnen. Eine Gesellschaft kann bei einzelnen Sachfragen weit auseinanderliegen, ohne dass die Beteiligten einander grundsätzlich verachten. Umgekehrt kann starke Abneigung entstehen, obwohl die Positionen in manchen Sachfragen näher beieinanderliegen.
3. Deutschland besteht nicht nur aus zwei unversöhnlichen Blöcken
Urteil: Im Kern belegt. Mehrere Untersuchungen finden weiterhin eine zahlenmäßig bedeutsame Mitte. Die KAS-Studie zur politischen Polarisierung warnt zugleich davor, diese Mitte mit völliger Einigkeit gleichzusetzen. Menschen können moderate Gesamtpositionen vertreten und bei Migration, Krieg, Klima oder Verteilung dennoch scharf streiten. Die pauschale Formel vom zweigeteilten Land verdeckt diese Mehrdimensionalität.
4. Migration, Klimapolitik und Ukraine-Unterstützung polarisieren besonders
Urteil: Belegt, mit Unterschieden nach Messart. Im MIDEM-Bericht zeigen sich besonders große ideologische Abstände unter anderem bei Klimaschutzmaßnahmen, der Unterstützung der Ukraine und Anforderungen an Integration. Bei der affektiven Polarisierung – also der emotionalen Ablehnung Andersdenkender – treten Migration, Ukraine-Unterstützung und Klimamaßnahmen besonders hervor. Die Rangfolge hängt daher davon ab, ob politische Distanz oder persönliche Abneigung gemessen wird.
5. Die gesellschaftliche Stimmung hat sich verschärft
Urteil: Plausibel und durch mehrere Zeitreihen gestützt. Forschung der Freien Universität Berlin beschreibt eine Verschlechterung gesellschaftlicher Stimmung und wachsendes Misstrauen. Ein Hamburger Forschungsprojekt dokumentiert zudem eine deutliche Zunahme von Polarisierungsbegriffen im öffentlichen Diskurs. Die im Beitrag genannte konkrete Vervielfachung gegenüber den 1980er-Jahren lässt sich ohne offengelegte Korpus- und Zählmethode allerdings nicht als allgemein gültige Kennzahl behandeln.
6. Algorithmen belohnen Empörung
Urteil: Teilweise belegt. Ein Ranking-Experiment zu wütenden Reaktionen zeigt, dass auf Engagement optimierte Systeme Inhalte mit starken Emotionen bevorzugen können. Das ist ein plausibler Verstärkungsmechanismus. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jeder Feed seine Nutzer politisch radikalisiert. Ein groß angelegtes YouTube-Experiment fand bei veränderten Empfehlungen keine einheitlichen großen Effekte auf politische Einstellungen. Plattform, Zeitraum und Zielgruppe spielen eine entscheidende Rolle.
7. Ein Wahlkreisergebnis misst keine vollständige gesellschaftliche Harmonie
Urteil: Nur als Näherung brauchbar. Wenn ein Landkreis oder Wahlkreis wegen hoher Stimmenanteile für Parteien der politischen Mitte als wenig polarisiert bezeichnet wird, ist das eine Wahlindikator-Näherung. Sie misst weder persönliche Abneigung noch Konflikte im Alltag, Mediennutzung oder Einstellungen zu einzelnen Themen. Ein solcher Vergleich kann interessant sein, darf aber nicht als umfassender Beweis für den sozialen Zusammenhalt eines Ortes ausgegeben werden.
8. Das Gefühl der Spaltung kann selbst Folgen haben
Urteil: Plausible Hypothese, nicht als einfache Kausalkette bewiesen. Wer erwartet, dass Andersdenkende feindselig reagieren, zieht sich eher zurück oder antwortet selbst schärfer. Forschung spricht hier von einer möglichen sich selbst verstärkenden Dynamik. Ob die Wahrnehmung die tatsächliche Polarisierung verursacht, ob reale Konflikte zuerst die Wahrnehmung erzeugen oder ob beide von Krisen und Medienlogiken angetrieben werden, lässt sich aus einer Querschnittsbefragung nicht eindeutig ableiten.
9. Eine hohe Problemwahrnehmung ist kein einheitlicher politischer Konsens
Urteil: Kontext fehlt. Im Beitrag werden sehr hohe Anteile für die Wahrnehmung von Populismus und wirtschaftlicher Ungleichheit als gesellschaftliche Probleme genannt. Solche Werte können je nach Frageformulierung plausibel sein. In den offen zugänglichen Kerntabellen des MIDEM-Berichts ließ sich die konkrete Kombination aus Begriff, Prozentzahl und Bezugsgruppe jedoch nicht eindeutig nachvollziehen. Deshalb übernehmen wir die Zahl nicht als gesicherten Einzelbefund. Selbst wenn viele Befragte ein Problem benennen, folgt daraus außerdem nicht, dass sie dieselbe Ursache sehen oder dieselbe politische Lösung bevorzugen.
10. Die Aussage vom so gespaltenen Land wie nie ist nicht sauber belegt
Urteil: Nicht überprüfbar in dieser Pauschalität. Um einen historischen Höchststand festzustellen, bräuchte es über Jahrzehnte vergleichbare Fragen, Stichproben und Messmodelle. Neuere Befragungen zeigen hohe Konfliktwahrnehmung, sinkendes Vertrauen und scharfe Auseinandersetzungen. Historische Vergleiche werden aber durch veränderte Medien, Parteisysteme und Frageformulierungen erschwert. Die Daten tragen deshalb eine Aussage über eine angespannte Gegenwart, nicht ohne Weiteres einen Rekordvergleich mit jeder früheren Epoche.
Was die Messung leisten kann – und was nicht
Das MIDEM-Design ist für einen europäischen Vergleich stark: große Stichprobe, mehrere Länder und getrennte Skalen für Sachpositionen und Gefühle. Trotzdem bleibt es eine Befragung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Antworten können von aktuellen Krisen, Wahlkämpfen oder besonders sichtbaren Debatten beeinflusst sein. Auch Mittelwerte verdecken Unterschiede nach Alter, Bildung, Region und politischer Nähe. Um Entwicklungen sicher zu beurteilen, sind wiederholte Messungen mit identischen Instrumenten wertvoller als einzelne Momentaufnahmen.
Auch die Auswahl politischer Themen prägt das Ergebnis. Wer nur Migration und Klimapolitik abfragt, erhält ein anderes Bild als bei kommunaler Infrastruktur, Pflege oder Verbraucherschutz. Deshalb ist Polarisierung keine unveränderliche Eigenschaft eines Landes, sondern ein Bündel von Beziehungen zwischen Themen, Gruppen und Emotionen. Das erklärt, warum gleichzeitig scharfe Konflikte und breite Zustimmung zu demokratischen Grundnormen existieren können.
Wie die Plattformforschung einzuordnen ist
Die Experimente zu sozialen Medien widersprechen sich nicht zwingend. Sie untersuchen verschiedene Plattformen, Rankingänderungen, Zeiträume und Zielgrößen. Ein Algorithmus kann kurzfristig die Sichtbarkeit empörender Beiträge erhöhen, ohne dass sich messbare Grundüberzeugungen sofort ändern. Umgekehrt können dauerhafte Effekte entstehen, die ein einzelnes Experiment nicht erfasst. Belastbar ist daher der Mechanismus der Aufmerksamkeitsverstärkung; wesentlich unsicherer ist die Größe seines langfristigen Beitrags zur gesamtgesellschaftlichen Polarisierung.
Fazit
Der NDR-Beitrag trifft den Kern: Deutschland ist weder konfliktfrei noch sauber in zwei Lager geteilt. Belegt ist vor allem eine sehr verbreitete Wahrnehmung von Spaltung. Gemessene Polarisierung konzentriert sich auf bestimmte Themen und zeigt unterschiedliche ideologische und emotionale Muster. Die präziseste Einordnung lautet daher: Die gesellschaftlichen Konflikte sind real und in Teilen scharf, aber das Bild einer vollständig zerbrochenen Gesellschaft ist durch die Daten nicht gedeckt.
