Kurz vor der Berliner Abgeordnetenhauswahl zeichnet ZDFheute einen offenen Fünfkampf um das Rote Rathaus. Das Video nennt Kandidierende, Umfragewerte, Wohnungsbauzahlen und Konfliktlinien von Vergesellschaftung bis Verkehr. Vieles ist korrekt. An zwei Stellen macht die Verdichtung aus erklärungsbedürftigen Zahlen jedoch scheinbar eindeutige Fakten: Aus mehr als einer Million Ja-Stimmen werden sprachlich eine Million Unterschriften, und aus einer Studienrechnung werden 58.000 scheinbar exakt fehlende Wohnungen.
Das Wichtigste in Kürze
- Termin und Wahlalter stimmen: Berlin wählt am 20. September 2026; zur Abgeordnetenhauswahl dürfen erstmals auch 16- und 17-Jährige abstimmen.
- Die CDU liegt in einer Umfrage knapp vorn: Infratest dimap misst 21 Prozent für die CDU, 19 für die Linke, jeweils 18 für Grüne und AfD sowie 11 für die SPD.
- Die AfD ist nicht allein Dritte: Sie liegt in dieser Erhebung gleichauf mit den Grünen.
- Eine Million Unterschriften ist falsch: 2021 gab es 1.034.709 Ja-Stimmen beim Volksentscheid. Im vorausgehenden Volksbegehren wurden 183.711 geprüfte gültige Unterschriften festgestellt.
- 58.000 Wohnungen sind eine Schätzung: Die Zahl stammt aus einer beauftragten Modellstudie und ist keine amtliche Bestandszählung.
- Koalitionsrechnungen bleiben Momentaufnahmen: Prozentwerte aus einer einzelnen Umfrage sind weder Wahlergebnis noch Sitzverteilung.
Was das ZDF-Video zeigt
Das neun Minuten und 53 Sekunden lange Video von ZDFheute begleitet Elif Eralp für die Linke, Werner Graf für die Grünen, Steffen Krach für die SPD, Kristin Brinker für die AfD und Stefan Evers für die CDU. Es verbindet Reportagebilder aus dem Wahlkampf mit Umfragen und kurzen Programmaussagen. Diese Darstellung ist eine journalistische Auswahl, keine vollständige Gegenüberstellung aller Programme und aller zur Wahl zugelassenen Parteien.
Wahltermin, Wahlalter und neue Stimmzettel
Der Landeswahlleiter bestätigt den 20. September 2026 als Wahltag. Neu ist, dass für die Abgeordnetenhauswahl bereits 16-Jährige wahlberechtigt sind. Außerdem stehen Erst- und Zweitstimme nun gemeinsam auf einem Stimmzettel. Das Mindestalter für Kandidierende bleibt 18 Jahre. Diese Regeln sind keine Prognose, sondern geltendes Wahlrecht.
Wie knapp ist das Rennen wirklich?
Die im Video verwendete Momentaufnahme ist der BerlinTrend von Infratest dimap, erhoben vom 27. bis 31. August unter 1.279 Wahlberechtigten telefonisch und online. Danach kommt die CDU auf 21 Prozent, die Linke auf 19, Grüne und AfD jeweils auf 18, die SPD auf 11, das BSW auf 4 und andere Parteien zusammen auf 9 Prozent.
Die Formulierung, CDU und Linke lägen Kopf an Kopf, ist angesichts von zwei Prozentpunkten Abstand als journalistische Kurzform vertretbar. Sie sagt aber nicht, dass die Linke statistisch nachweisbar gleichauf liegt: Ohne veröffentlichte Fehlerspanne für den konkreten Vergleich sollte aus zwei Punkten weder ein sicherer Vorsprung noch ein exakter Gleichstand konstruiert werden. Klar korrigiert werden muss dagegen eine Rangfolge: Die AfD ist mit 18 Prozent nicht allein Dritte, sondern teilt diesen Wert mit den Grünen. Die SPD liegt in dieser Erhebung mit 11 Prozent auf Platz fünf.
Auch der Satz, Berlin bewege sich nach links, ist keine reine Messzahl. Linke und Grüne erreichen zusammen 37 Prozent, während CDU und AfD zusammen 39 Prozent erreichen. Welche Parteien als politisch links oder rechts zusammengezählt werden und welche Koalitionen realistisch sind, ist eine analytische Entscheidung. Eine Umfrage kann Stimmungen abbilden; sie entscheidet weder über den Wahlausgang noch über Bündnisse.
Warum Stefan Evers statt Kai Wegner antritt
Das ZDF berichtet korrekt, dass Stefan Evers die CDU als Spitzenkandidat führt. Kai Wegner zog seine Kandidatur im Juli zurück. In seiner öffentlichen Erklärung verwies Wegner auf die anhaltende Kritik an seiner Kommunikation beim Stromausfall im Januar und darauf, mit seinen Themen nicht mehr durchzudringen. Wenige Tage später bestätigte der CDU-Landesvorstand Evers nach ZDF-Angaben einstimmig. Sinkende Umfragewerte können politischen Druck erklären; ein eindeutiger monokausaler Beweis, dass genau ein Umfragewert den Rückzug auslöste, wäre aber zu stark formuliert.
Der Volksentscheid: mehr als eine Million Stimmen, nicht Unterschriften
Im Wohnungsabschnitt sagt das Video sinngemäß, der Volksentscheid zur Vergesellschaftung großer Wohnungsunternehmen sei 2021 von einer Million Berlinerinnen und Berlinern unterschrieben worden. Hier werden zwei Verfahrensstufen vermischt. Nach dem amtlichen Abstimmungsergebnis stimmten 1.034.709 Menschen mit Ja. Das entsprach rund 59 Prozent der gültigen Stimmen.
Die Unterschriftensammlung gehörte zum vorherigen Volksbegehren. Laut Landeszentrale für politische Bildung wurden 359.063 Unterschriften eingereicht, 272.941 geprüft und 183.711 als gültig festgestellt. Eine Million bezeichnet also die späteren Ja-Stimmen, nicht die Zahl gültiger Unterschriften. Die politische Frage, wie der Volksentscheid umzusetzen ist, blieb nach der Abstimmung umstritten. Eine Expertenkommission kam 2023 zu dem Ergebnis, dass eine Vergesellschaftung grundsätzlich verfassungsrechtlich möglich sein könne; daraus folgte nicht automatisch ein fertiges Gesetz.
58.000 fehlende Wohnungen: kein amtlicher Zählstand
Das Video nennt mindestens 58.000 fehlende Wohnungen. Die Zahl stammt aus einer vom Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel beauftragten Pestel-Studie, über die unter anderem der Tagesspiegel berichtet. Sie ist eine Modellschätzung aus Annahmen zu Haushalten, Bedarf und verfügbarem Bestand. Solche Schätzungen sind für die Debatte nützlich, aber nicht mit einer amtlichen Zählung leerer oder fehlender Wohnungen gleichzusetzen.
Der Berliner Senat arbeitet mit einem anderen Planungshorizont. Der Fortschrittsbericht zum Stadtentwicklungsplan Wohnen 2040 nennt von 2026 bis 2040 einen Bedarf von 211.000 zusätzlichen Wohnungen: 138.000 zur Entlastung des bestehenden Marktes und 73.000 aufgrund der erwarteten Bevölkerungsentwicklung. Gleichzeitig sieht der Bericht ein identifiziertes Potenzial von rund 213.000 Wohnungen. Bedarf, kurzfristiges Defizit und langfristiges Flächenpotenzial sind unterschiedliche Größen und dürfen nicht ausgetauscht werden.
15.000 und 11.000 Fertigstellungen: die Größenordnung stimmt
Für den tatsächlichen Neubau liefert das Amt für Statistik Berlin-Brandenburg belastbare Zahlen. 2024 wurden 15.362 Wohnungen fertiggestellt, 2025 waren es 11.027. Die gerundeten Angaben im Video stimmen damit. Der Rückgang ist deutlich. Er belegt jedoch nicht allein, warum Projekte scheitern oder welche Partei mit welchem Instrument schneller bauen würde.
Das häufig genannte politische Ziel von bis zu 20.000 Wohnungen pro Jahr lag über beiden Ergebnissen. Für die kommende Wahl versprechen Parteien neue Programme: Die Linke verbindet Wohnungsbau mit Mietendeckel, Mietenaufsicht und Vergesellschaftung; die SPD wirbt unter anderem mit 100.000 neuen Wohnungen, Büroumnutzung und schnellerer Genehmigung. Solche Aussagen sind überprüfbare Programminhalte, aber noch keine nachgewiesenen Wirkungen. Ob Neubau, Regulierung, Vergesellschaftung oder Umnutzung die Zielzahlen erreichen, hängt von Recht, Finanzierung, Flächen und Umsetzung ab.
Koalitionen aus Prozentwerten: rechnerisch möglich, politisch offen
Aus dem BerlinTrend ergeben sich rechnerisch mehrere Dreierbündnisse oberhalb von 50 Prozent der ausgewiesenen Stimmen: Linke, Grüne und SPD kommen zusammen auf 48 Prozent und wären wegen nicht im Parlament vertretener Stimmen möglicherweise dennoch in Sitznähe einer Mehrheit; CDU, Grüne und SPD erreichen 50 Prozent. Eine sichere Sitzmehrheit lässt sich daraus nicht ablesen. Entscheidend sind das tatsächliche Ergebnis, die Fünfprozenthürde, Direktmandate und die Sitzverteilung nach dem Wahlrecht.
Dass mehrere Parteien eine Koalition mit der AfD ausschließen, ist eine politische Positionsangabe. Sie macht ein Bündnis unter den aktuellen Erklärungen unwahrscheinlich, ersetzt aber keine Wahlprognose. Ebenso sind die im Video genannten Konflikte um die Autobahn 100, Radverkehr, ÖPNV, Mieten und Vergesellschaftung reale Programmunterschiede. Der Faktencheck kann belegen, was Parteien versprechen. Er kann nicht vorab beweisen, welche Maßnahme funktioniert oder welche Koalition zustande kommt.
Fazit
Das ZDF-Video liefert eine grundsätzlich solide, kompakte Wahlkampfübersicht. Wahltermin, Kandidierendenwechsel, aktuelle Umfrage und gerundete Wohnungsfertigstellungen stimmen. Präzisierung braucht die Rangfolge: AfD und Grüne liegen im genannten BerlinTrend gleichauf. Korrigiert werden muss die Million beim Volksentscheid, denn sie bezeichnet Ja-Stimmen und nicht gültige Unterschriften. Die 58.000 fehlenden Wohnungen sind eine Studienrechnung, kein amtlicher Zählstand. Und jede Koalitionsaussage bleibt zwei Wochen vor der Wahl eine Rechnung auf Basis einer Momentaufnahme.
