Verlieren Männer weltweit ihr Testosteron – und ist der Durchschnitt seit den 1970er-Jahren tatsächlich um 54 Prozent eingebrochen? Quarks spricht in einem aktuellen Studio-Q-Video von einer Testosteron-Krise. Die zugrunde liegende Sorge ist nicht erfunden: Verschiedene Langzeituntersuchungen berichten über niedrigere durchschnittliche Werte in jüngeren Geburtsjahrgängen oder über die Zeit. Die griffige Halbierungszahl ist aber weniger gesichert, als sie im Video klingt.
Woher kommen die 54 Prozent?
Quarks verweist auf eine 2026 vorgestellte systematische Meta-Trendanalyse. Sie umfasst zwölf Studien aus sieben Ländern mit insgesamt 102.334 Teilnehmern und Messjahren von 1972 bis 2019. Das Abstract berichtet einen Rückgang des Gesamt-Testosterons um durchschnittlich 0,26 Nanomol pro Liter und Jahr; nach 2000 sei die Abnahme stärker gewesen. Auch freies Testosteron und das Transportprotein SHBG seien gesunken.
Das ist ein ernst zu nehmendes Signal. Doch die Quelle ist bislang ein Konferenzabstract in einem Supplement von Human Reproduction, kein ausführlicher Studienbericht mit vollständig nachvollziehbaren Tabellen, Modellen und Sensitivitätsanalysen. Die Autoren nennen selbst die geografische Konzentration auf wohlhabende Länder und Unterschiede der Populationen, etwa beim Body-Mass-Index. Eine lineare Hochrechnung über 47 Jahre führt rechnerisch zu dramatischen Prozentwerten, bedeutet aber nicht, dass bei jedem Mann oder in jedem Land eine Halbierung stattgefunden hat.
Was zeigt die große US-Laboranalyse?
Eine weitere 2025 veröffentlichte Auswertung nutzte mehr als eine Million Messungen aus einem großen US-Labordatensatz. Sie fand einen deutlichen zeitlichen Rückgang der gemessenen Werte und versuchte, Alter, Tageszeit sowie weitere Faktoren zu berücksichtigen. Quarks fasst ihn als Entwicklung von ungefähr 22 Nanomol pro Liter 1970 auf 15 im Jahr 2023 zusammen – rund 30 Prozent.
Auch diese Analyse ist keine zufällig gezogene Gesundheitsstudie der Gesamtbevölkerung. Menschen, bei denen Testosteron gemessen wird, unterscheiden sich von Menschen ohne Test. Über Jahrzehnte ändern sich Indikationen, Labormethoden, Referenzbereiche, Medikamente und die Zusammensetzung der Patientenschaft. Sehr große Datensätze verringern Zufallsfehler, beseitigen solche systematischen Verzerrungen aber nicht automatisch.
Warum eine einzelne Zahl wenig beweist
Testosteron schwankt im Tagesverlauf. Bei jüngeren Männern können Morgen- und Abendwerte deutlich auseinanderliegen; Krankheit, Schlafmangel, Kaloriendefizit und bestimmte Medikamente können den Wert vorübergehend verändern. Auch SHBG beeinflusst, wie viel Gesamt- und freies Testosteron gemessen beziehungsweise berechnet wird. Über Jahrzehnte kamen zudem unterschiedliche Laborverfahren zum Einsatz. Genau deshalb verlangen Fachgesellschaften standardisierte Tests.
Die Endocrine Society empfiehlt für eine Diagnose mindestens zwei frühe, nüchterne Morgenmessungen mit verlässlicher Methode. Die europäische EAU-Leitlinie fordert ebenfalls Symptome und wiederholt niedrige Werte; sie nutzt für den spät einsetzenden Hypogonadismus typischerweise eine Schwelle von zwölf Nanomol pro Liter. In den USA ist ein Wert um 300 Nanogramm pro Deziliter verbreitet. Diese Schwellen sind klinische Entscheidungshilfen, keine Grenze zwischen männlich und unmännlich.
Niedrig ist nicht automatisch krank
Ein Hypogonadismus liegt nicht allein wegen eines Laborwertes vor. Es braucht passende Beschwerden und eine bestätigte Hormonstörung. Verminderte Libido, seltener werdende spontane Erektionen, Unfruchtbarkeit, geringe Muskelmasse oder Knochendichte können dazugehören. Müdigkeit, schlechte Stimmung und Konzentrationsprobleme sind dagegen unspezifisch und haben viele mögliche Ursachen. Ein asymptomatischer Mann mit einem einmalig niedrigen Wert benötigt deshalb nicht automatisch eine Hormonersatztherapie.
Quarks nennt für Deutschland zwei bis fünf Prozent klinisch Betroffene. Die Größenordnung ist plausibel, hängt jedoch stark von Alter, Definition und untersuchter Gruppe ab. Niedrige Messwerte sind häufiger als ein sauber diagnostizierter symptomatischer Hypogonadismus.
Ist Übergewicht der Hauptgrund?
Die Verbindung zwischen Adipositas, Stoffwechselerkrankungen und niedrigem Testosteron ist gut belegt. Fettgewebe, Insulinresistenz, Entzündung und niedrigere SHBG-Werte können die Hormonachse beeinflussen. Gleichzeitig kann eine Hormonstörung Körperzusammensetzung und Aktivität verändern. Beobachtungsdaten allein zeigen daher nicht in jedem Einzelfall, was Ursache und was Folge ist.
Die EAU bezeichnet Übergewicht und metabolische Erkrankungen als häufige Ursache eines funktionellen Hypogonadismus. Bei übergewichtigen Betroffenen sollen Gewichtsreduktion, Bewegung und die Behandlung von Begleiterkrankungen zuerst stehen. Meta-Analysen zeigen dabei im Mittel nur einen kleinen Anstieg des Testosterons, häufig in der Größenordnung von ein bis zwei Nanomol pro Liter. Die im Video genannten 15 bis 20 Prozent können bei manchen Menschen erreichbar sein, sind aber kein garantierter Effekt eines einzelnen Trainingsplans.
Training, Schlaf und Stress
Krafttraining kann Testosteron kurzfristig erhöhen. Dieser Peak hält typischerweise nicht tagelang an und ist kein Beweis für eine dauerhafte Umstellung der Grundproduktion. Langfristig ist Bewegung trotzdem sinnvoll: Sie verbessert Körperzusammensetzung, Insulinsensitivität, Schlaf und Herz-Kreislauf-Gesundheit. Dadurch können sich bei Übergewicht auch Hormonwerte normalisieren.
Schlafmangel und akute Belastung können Werte senken. Umgekehrt ist ausreichend Schlaf ein vernünftiger Bestandteil der Behandlung, aber kein Ersatz für Diagnostik bei anhaltenden Beschwerden. Behauptungen, kalte Duschen oder Eiswürfel an den Hoden würden Testosteron zuverlässig steigern, werden von den klinischen Leitlinien nicht empfohlen und sind durch belastbare Humanstudien nicht belegt. Extreme Kühlung kann Gewebe schädigen.
Welche Rolle spielen Chemikalien?
Quarks nennt PFAS, Weichmacher und andere hormonaktive Stoffe als mögliche Mitverursacher. Für einzelne Substanzen gibt es biologische Plausibilität und epidemiologische Zusammenhänge mit Reproduktionsparametern. Daraus folgt jedoch kein Beweis, dass Umweltchemikalien allein den beobachteten globalen Trend erklären. Expositionen treten als Mischungen auf, und Körpergewicht, Medikamente, Rauchen, Erkrankungen sowie Studiendesign wirken gleichzeitig. Die Ursachenfrage ist wissenschaftlich offen.
Ist mehr Testosteron immer besser?
Nein. Hormone haben physiologische Bereiche; ein höherer Wert ist nicht automatisch gesünder. Die medizinische Testosterontherapie kann Männern mit eindeutig diagnostiziertem Hypogonadismus helfen. Die Endocrine Society betont im Juli 2026 jedoch Nutzen und Risiken. In der großen TRAVERSE-Studienfamilie stiegen Herzinfarkte und Schlaganfälle über ein bis vier Jahre nicht bedeutsam an. Gleichzeitig wurden etwa 50 Prozent mehr Lungenembolien relativ betrachtet und mehr klinische Knochenbrüche beobachtet. Die langfristige Sicherheit, darunter beim Prostatakrebs, ist nicht abschließend geklärt.
Testosteron ohne ärztliche Indikation kann die körpereigene Steuerung unterdrücken. LH und FSH sinken, die Hoden produzieren weniger eigenes Testosteron und die Spermienbildung kann stark abnehmen. Wer aktuell oder künftig Kinder zeugen möchte, darf dieses Risiko nicht unterschätzen. Hinzu kommen mögliche Blutbildveränderungen wie ein erhöhter Hämatokrit sowie Akne und andere Nebenwirkungen. Medizinisch betreute Therapie erfordert deshalb Kontrollen.
Was Männer mit Beschwerden tun sollten
Erster Schritt ist keine Online-Bestellung, sondern eine ärztliche Anamnese: Welche Beschwerden bestehen, seit wann, welche Medikamente werden genommen, wie sind Schlaf, Gewicht und Begleiterkrankungen? Bei begründetem Verdacht folgen zwei frühe nüchterne Messungen. Je nach Ergebnis werden freies Testosteron beziehungsweise SHBG, LH, FSH und Prolaktin bestimmt, um Hoden, Hypophyse und funktionelle Ursachen zu unterscheiden.
Ein normales Ergebnis schließt andere behandelbare Ursachen für Müdigkeit oder Libidoverlust nicht aus. Ein niedriges Ergebnis wiederum ist der Beginn, nicht das Ende der Diagnostik. Besonders wichtig: Wer Fruchtbarkeit erhalten möchte, muss dies vor jeder Hormontherapie ansprechen.
Fazit
Es gibt belastbare Hinweise auf sinkende durchschnittliche Testosteronwerte. Von einer bewiesenen weltweiten Halbierung zu sprechen, geht über die Daten hinaus: Die 54-Prozent-Erzählung beruht auf einem neuen Kongressabstract und einer Trendhochrechnung mit erheblichen methodischen Grenzen. Klinisch zählt nicht der Kulturkampf um Männlichkeit, sondern die Kombination aus Beschwerden, wiederholten standardisierten Messungen und Ursachenklärung. Lebensstil hilft vor allem bei Übergewicht; Selbstmedikation mit Testosteron ist keine harmlose Optimierung.
Bevölkerungstrend und persönliches Risiko sind zwei verschiedene Fragen
Selbst wenn der Mittelwert einer Bevölkerung sinkt, folgt daraus nicht, dass jeder jüngere Mann krank ist. Ein Durchschnitt kann sich verschieben, weil mehr Menschen übergewichtig sind, weil andere Gruppen getestet werden oder weil sich SHBG und Messmethoden verändern. Umgekehrt kann ein statistisch normaler Bevölkerungsmittelwert einzelne Männer mit organischer Erkrankung überdecken. Für die öffentliche Gesundheit ist der Trend deshalb ein Forschungs- und Präventionsthema; für die einzelne Person bleibt er ohne Symptome und standardisierte Messung diagnostisch unbrauchbar.
Auch Referenzbereiche sind keine Naturkonstanten. Sie werden aus definierten Vergleichsgruppen und bestimmten Laborverfahren abgeleitet. Wechselt das Verfahren, kann dieselbe Probe unterschiedlich eingeordnet werden. Genau deshalb betont die Endocrine Society harmonisierte Assays. Wer Onlinewerte vergleicht, sollte außerdem Einheiten beachten: Nanomol pro Liter und Nanogramm pro Deziliter lassen sich nicht direkt nebeneinanderstellen. Eine Therapieentscheidung darf weder an einem Social-Media-Trend noch an einem isolierten Grenzwert hängen.
