Psychische Belastungen sind häufig, und jüngere Menschen können durch bestimmte Formen der Social-Media-Nutzung gefährdet sein. Doch aus den im Spektrum-Interview genannten Zahlen folgt weder, dass jedes Jahr ein Viertel der Deutschen neu erkrankt, noch ein zwangsläufiger Depressionseffekt jeder weiteren Online-Stunde. Bei mehreren Zahlen fehlen entscheidende Angaben zur untersuchten Gruppe oder zur Messmethode.
Im Gespräch „Macht uns die Gegenwart krank, Thomas Fuchs?“ vom 1. Oktober 2026 verbinden die Moderatoren und der Psychiater Thomas Fuchs klinische Erfahrung, Forschung und gesellschaftliche Deutung. Das vollständige, knapp 94-minütige Gespräch wurde anhand der verfügbaren Originaluntertitel gelesen. Dieser Faktencheck prüft die deutschen Häufigkeitsangaben und die empirischen Aussagen über Arbeitsbelastung, Social Media, Einsamkeit, Empathie und Vergleichsdruck. Er bewertet nicht Fuchs’ gesamte Philosophie oder jede biografische Bemerkung. Quellenstand: 3. Oktober 2026.
Ein Viertel: eine Größenordnung mit einem bestimmten Nenner
Zwischen 10:40 und 11:38 Minuten nennt Fuchs rund 27 Prozent der Bevölkerung mit einer psychischen Störung innerhalb eines Jahres. Die Größenordnung passt zur DEGS1-MH-Studie. In standardisierten Forschungsinterviews wurden Erwachsene von 18 bis 79 Jahren untersucht. Die ursprüngliche Veröffentlichung von 2014 berichtete 27,7 Prozent; ein methodischer Nachtrag von 2015 korrigierte den Anteil geringfügig auf 27,8 Prozent. Diese Gesamtangabe schließt Nikotinabhängigkeit aus. Es handelt sich um ältere Erhebungsdaten, keine neu gemessene Quote für 2026.
Die Zahl ist eine Zwölfmonatsprävalenz: der Anteil, der innerhalb des betrachteten Jahres die Kriterien mindestens einer untersuchten Störung erfüllte. Dazu können Menschen mit schon länger bestehenden oder wiederkehrenden Erkrankungen gehören. Inzidenz bezeichnet dagegen neu auftretende Erkrankungen. Das Interview verwendet diesen Begriff anschließend für die Gesamtzahl. Ebenso ist ein Forschungsinterview keine Zählung ärztlich behandelter Patienten. Die Formulierung, bei jedem Vierten werde jährlich eine Störung diagnostiziert, kann deshalb einen falschen Eindruck von Versorgung und Neuerkrankungen erzeugen.
Ein Anstieg ist belegt; der Verlauf ist weniger pauschal
Fuchs spricht ab 10:23 Minuten von einer seit zehn bis fünfzehn Jahren klaren Zunahme depressiver Störungen in praktisch allen westlichen Industriegesellschaften. Für Deutschland stützt eine RKI-Auswertung von 2025 einen deutlichen Anstieg depressiver Symptome: Der standardisierte Anteil oberhalb der PHQ-8-Screeningschwelle lag 2020 bei 7,5 und 2023 bei 14,8 Prozent. Über den Gesamtzeitraum 2008 bis 2020 fand sich allerdings zunächst kein entsprechender dauerhafter Aufwärtstrend. Auch die Veröffentlichung beschreibt die internationale Evidenz als uneinheitlich. Die pauschale zeitliche und geografische Aussage geht daher zu weit.
Symptomfragebögen erfassen Belastung, stellen aber allein keine individuelle Diagnose. Das RKI-Panel für 2024 fand bei geschätzt 22 Prozent depressive Symptome oberhalb der verwendeten Schwelle. Das RKI warnt ausdrücklich: Ein großer Teil des Unterschieds zu früheren Anteilen dürfte am Wechsel zur schriftlichen beziehungsweise Onlinebefragung liegen. Die Zahl belegt daher keine weitere sprunghafte Verschlechterung gegenüber 2023. Einen beobachteten Anstieg ernst zu nehmen und einen Methodenbruch zu berücksichtigen, gehört zusammen.
Eine dritte Messung liefert der aktuelle WIdO-Gesundheitsatlas: Für 2024 nennt er 12,39 Prozent dokumentierte Depressionen bei Menschen ab zehn Jahren. Grundlage sind hochgerechnete Abrechnungsdaten; die Methodik berücksichtigt unter anderem Alter, Geschlecht und Morbidität. Diese Zahl darf weder gegen die 22 Prozent des Screenings ausgespielt noch mit den 27,8 Prozent aller untersuchten psychischen Störungen gleichgesetzt werden. Die Messungen beantworten unterschiedliche Fragen.
Patienten, Symptome und Alter sind nicht dasselbe
Ab 12:14 Minuten beschreibt Fuchs ältere Menschen als Hauptgruppe der belasteten Patienten; zugleich nähmen jüngere Erkrankte zu. Für dokumentierte Depressionen zeigte die WIdO-Auswertung für 2022 tatsächlich höhere Anteile in älteren Gruppen. Dagegen waren in den aktuellen RKI-Symptomdaten jüngere Erwachsene häufiger betroffen. Schon die ursprüngliche DEGS-Studie fand für psychische Störungen insgesamt höhere Anteile bei Jüngeren als bei Älteren.
Diese Befunde widersprechen sich nicht zwangsläufig: Behandlungsdaten, Symptomwerte und alle Störungsarten zusammen erfassen verschiedene Gruppen. Sie bestätigen aber keine allgemeine Aussage, die Mehrheit aller psychisch Erkrankten sei über 50. Auch ein früheres Alter bei der ersten Erkrankung lässt sich nicht allein aus höheren Symptomanteilen oder der Erfahrung einer Klinik ableiten.
Arbeitsbedingungen können belasten; eine Hauptursache ist damit nicht bestimmt
Von 12:32 bis 14:14 Minuten nennt Fuchs Arbeitsverdichtung, beschleunigte Abläufe und Erreichbarkeit als zentrale Belastungen. Das passt zu den von der WHO beschriebenen Arbeitsrisiken, darunter übermäßige Arbeitslast, wenig Kontrolle und Arbeitsplatzunsicherheit. Die WHO empfiehlt auch Veränderungen der Arbeitsorganisation. Fuchs’ Blick auf das Umfeld hat somit eine fachliche Grundlage.
Die Behauptung, diese Faktoren seien gegenüber Weltnachrichten die Hauptbelastungen aller Betroffenen, benötigt jedoch eine entsprechend angelegte Vergleichserhebung. Die geprüften Quellen liefern diese Rangfolge nicht. Aus der Plausibilität eines Mechanismus folgt auch nicht, welchen Anteil des deutschen Depressionstrends er erklärt. Fehlzeiten sind zudem ein Maß für Arbeitsausfälle, nicht unmittelbar für die Häufigkeit neuer Erkrankungen in der gesamten Bevölkerung.
Beim Burnout ist eine weitere Trennung nötig: Die WHO ordnet Burnout in der ICD-11 als arbeitsbezogenes Phänomen infolge unbewältigten chronischen Arbeitsstresses ein, nicht als eigenständige Krankheit. Im Gespräch wird es teilweise mit Depressionen und psychischen Erkrankungen zusammengeführt. Eine Burnout-Selbstbeschreibung kann Belastung benennen, ersetzt jedoch keine Abklärung einer möglichen Depression oder anderer Erkrankungen.
Psychische Gesundheit bedeutet keine ständige Glückseligkeit
Fuchs’ Erklärung zwischen 16:56 und 18:42 Minuten, dass Gesundheit auch den Umgang mit Belastungen und Schwankungen umfasst, stimmt im Kern mit der WHO-Definition psychischer Gesundheit überein. Sie beinhaltet Wohlbefinden und die Fähigkeit, mit Anforderungen umzugehen. Aus vorübergehender Traurigkeit folgt deshalb nicht automatisch eine Erkrankung. Umgekehrt macht eine diagnostizierte Störung einen Menschen nicht willensschwach. Die WHO beschreibt ein Zusammenspiel individueller, sozialer und struktureller Einflüsse; die Definition ist kein Selbstdiagnosetest.
Die Einsamkeitszahlen brauchen ihre vollständige Frage
Ab 50:09 Minuten verweist Fuchs auf den US-Bericht „Our Epidemic of Loneliness and Isolation“ von 2023. Seine 16-Prozent-Angabe findet sich dort. Sie bedeutet jedoch: 2018 fühlten sich 16 Prozent sehr stark mit ihrer örtlichen Gemeinschaft verbunden. Menschen mit einer weniger starken Bindung sind damit nicht automatisch ohne Zugehörigkeit.
Die zusätzlich genannte pauschale Quote von über 65 Prozent Einsamen lässt sich aus diesem Bericht nicht bestätigen. Er fasst neuere Erhebungen mit ungefähr der Hälfte der US-Erwachsenen zusammen und weist auf besonders hohe Anteile bei jüngeren Erwachsenen hin. Das Ausmaß hängt von Frage, Schwelle, Alter und Erhebungsjahr ab. Außerdem sind Einsamkeit als subjektives Gefühl und soziale Isolation als geringe Kontaktmenge nicht dasselbe. Der Bericht belegt ein relevantes Problem und Veränderungen sozialer Beziehungen, aber keine einheitliche Einsamkeitsquote für alle westlichen Länder oder Deutschland.
Ein dauerhafter Empathieverlust ist nicht nachgewiesen
Zwischen 52:45 und 54:35 Minuten sagt Fuchs, mit der Einführung sozialer Medien habe die Empathiefähigkeit in westlichen Gesellschaften abgenommen. Eine ältere Auswertung von Konrath und Kollegen fand rückläufige Werte für empathische Anteilnahme und Perspektivübernahme bei US-Studierenden zwischen 1979 und 2009. Sie maß Selbstauskünfte und untersuchte keinen isolierten Social-Media-Effekt.
Eine aktualisierte Untersuchung bis 2018, zuerst Ende 2023 veröffentlicht und 2025 im Zeitschriftenheft erschienen, fand seit 2009 steigende Werte in beiden Facetten. Zusätzliche Datensätze stützten diese Entwicklung. Auch daraus folgt kein genereller Empathiegewinn durch soziale Medien. Der Befund widerspricht aber der Vorstellung eines durchgängigen Rückgangs seit deren Verbreitung. Zeittrends in US-Jugendgruppen erlauben außerdem kein Urteil über die gesamte westliche Bevölkerung.
Mehr Nutzung und mehr Symptome: ein Zusammenhang mit Grenzen
Von 58:35 bis 1:00:30 Minuten beschreibt Fuchs bei jungen Mädchen zunehmende Depressivität mit jeder Online-Stunde; anschließend bezeichnet er die negative Wirkung als eindeutig nachgewiesen. Er betont dabei selbst, dass Erkrankungen nicht monokausal entstehen und individuelle Verletzlichkeit mitwirkt. Diese Einschränkung ist wichtig.
Die britische Millennium-Kohortenstudie untersuchte 10.904 Vierzehnjährige. Stärkere Social-Media-Nutzung hing mit höheren depressiven Symptomwerten zusammen, bei Mädchen stärker als bei Jungen. Erfasst wurden Nutzungsgruppen, keine universelle Wirkung jeder einzelnen zusätzlichen Stunde. Die Querschnittsauswertung kann insbesondere nicht sicher bestimmen, ob Nutzung Belastung verursacht, Belastung die Nutzung verändert oder weitere Faktoren beides beeinflussen.
Eine US-Längsschnittstudie von 2025 mit 11.876 Kindern und Jugendlichen liefert einen weitergehenden Hinweis: Zunahmen der Nutzung gingen in späteren Erhebungswellen höheren depressiven Symptomen im Folgejahr voraus; der umgekehrte Zusammenhang wurde dort nicht gefunden. Die Forschenden nennen mögliche nicht erfasste Störfaktoren und Verzerrungen der Selbstauskunft. Auch diese Beobachtungsstudie ist kein Experiment und belegt keine sichere individuelle Stundenwirkung.
Der Konsensusbericht der US-National Academies von 2023 erläutert diese Schwierigkeiten der Kausalforschung und die unterschiedlichen Risiken und Chancen der Nutzung. Die neuere Studie stärkt den Verdacht eines Beitrags zur Belastung. Sie rechtfertigt weiterhin keine pauschale Aussage, jede digitale Beschäftigung mache alle Mädchen depressiver.
Vergleichsdruck ist plausibel, eine gesamte Gesellschaftsdiagnose bleibt offen
Ab 1:05:04 Minuten verbindet Fuchs Selbstoptimierung, öffentliche Selbstdarstellung und soziale Vergleiche mit Stress und Depressionen. Die britische Studie fand Zusammenhänge mit Körperbild, Selbstwert, Onlinebelästigung und Schlafproblemen. Das stützt die Beschäftigung mit solchen möglichen Wegen; es beweist jedoch keine zwangsläufige Depression durch jeden Vergleich. Die US-Studie fordert weitere Forschung zu den konkreten Vermittlungsmechanismen.
Entscheidend sind deshalb nicht nur Bildschirmstunden, sondern auch Inhalte, Nutzungssituation und die betroffene Person. Ob die Gegenwart insgesamt kränker macht als jede frühere Epoche, lässt sich aus diesen Daten nicht beantworten. Fuchs’ Deutung einer Welt unter Optimierungsdruck sowie seine Positionen zur Leiblichkeit und zum menschlichen Zusammenleben enthalten philosophische und normative Urteile. Sie werden hier nicht zu vermeintlich messbaren Fakten umgedeutet.
Fazit: Hohe Belastung, aber keine einfache Ursache
Kontext fehlt bei mehreren zentralen Zahlen und Kausalaussagen. Die Größenordnung psychischer Störungen und der jüngere Anstieg depressiver Symptome sind begründet. Für ihre Einordnung müssen aber Zeitraum, Altersgruppe, Diagnose, Symptomfragebogen und Neuerkrankung getrennt bleiben. Die Einsamkeits- und Empathieangaben tragen Fuchs’ pauschale Darstellung nur teilweise. Social Media kann Risiken mit sich bringen; die Forschung ergibt weder einen sicheren Schaden pro Stunde noch eine alleinige Erklärung des Depressionstrends. Der Check erlaubt keine Diagnose einer einzelnen Person und keine Aussage über eine für alle sichere Nutzungsdauer.
