38 Milliarden Dollar Kriegskosten, hohe Spritpreise und steigende Zinsen: Viele Grundlagen stimmen. Bei Gesamtkosten, Blockaden und Prognosen fehlt Kontext.
Evidico prüft die wirtschaftlichen Aussagen im vollständigen ZDFheute-live-Gespräch mit Militärökonom Markus Keupp vom 17. September 2026, einschließlich der Einordnung durch die Moderation. Die 30:55 Minuten lange Sendung behandelt auch Russland, Sanktionen und politische Zukunftsszenarien. Dieser Artikel konzentriert sich auf Kriegskosten, Energietransport, Inflation, Anleihen, Fed und Dollar; er ist kein Gesamturteil über sämtliche politischen Aussagen. Stand der Belegprüfung: 18. September 2026.
38 Milliarden Dollar: eine militärische Kostenschätzung mit Stichtag
Die Zahl stammt tatsächlich aus einer offiziellen Quelle. Das Congressional Budget Office veröffentlichte am 15. September eine Schätzung von rund 38 Milliarden US-Dollar für das Verteidigungsministerium bis zum 1. August 2026. Erfasst werden unter anderem verbrauchte Munition, verlorene Ausrüstung und zusätzlicher Betrieb. Kosten anderer Behörden und regulär ohnehin veranschlagte militärische Grundausgaben fehlen. Das CBO weist wegen begrenzter Informationen auf erhebliche Unsicherheit hin.
Für die Einordnung sind daher zwei Grenzen entscheidend: Der Veröffentlichungszeitpunkt liegt später als der erfasste Zeitraum, und die betrachtete Kostenart ist enger als „Gesamtkosten“ im allgemeinen Sprachgebrauch. Aus einer Schätzung bis Anfang August wird durch ihre Erwähnung Mitte September keine tagesaktuelle Gesamtrechnung.
Auch eine Aufaddition verschiedener Schäden wäre methodisch heikel. Ausgegebene Haushaltsmittel, verbrauchte militärische Bestände, entgangene Handelserlöse und höhere Verbraucherpreise messen unterschiedliche Dinge. Wer eine Gesamtbelastung nennen möchte, muss Überschneidungen und Zeiträume klären. Der Betrag aus der Moderation ist also nicht erfunden; die umfassende Formulierung ist jedoch zu weit.
Gestörte Transportwege sind real – „alles zu“ wäre zu pauschal
Keupp erklärt einen nachvollziehbaren Engpass: Eine alternative Route verliert an Wert, wenn auch ihr weiterer Seeweg gefährdet ist. Der Septemberbericht der US-Energiebehörde EIA bestätigt Einschränkungen sowohl an der Straße von Hormus als auch am Bab al-Mandab. Angriffe auf saudische Öltransporte beeinträchtigten Ausfuhren vom Hafen Yanbu am Roten Meer, der die Hormus-Passage umgehen kann.
Die EIA beschreibt zugleich eine Reaktion: Saudi-Arabien verstärkte Lieferungen durch den Suezkanal, für asiatische Abnehmer eine längere und teurere Route. Das ist der entscheidende Unterschied zwischen eingeschränkten Transportströmen und einer lückenlosen Sperre. Ein Transport kann wirtschaftlich unattraktiver, verzögert oder riskanter werden, ohne physisch unmöglich zu sein.
Der Bericht wurde am 9. September veröffentlicht; seine Prognose war am 3. September abgeschlossen. Er ist damit eine belastbare Grundlage für den bereits bestehenden Engpass, aber kein Echtzeitprotokoll sämtlicher militärischer Ereignisse bis zum Interview am 17. September. Die pauschalen Formulierungen im Gespräch sollten deshalb als Zuspitzung gelesen werden. Keupps Kerngedanke einer zusätzlich geschwächten Ausweichroute bleibt durch die Daten gestützt.
Die Wirkung auf Warenpreise ist plausibel, der weitere Verlauf bleibt offen
Transportkosten verbinden den Ölmarkt mit Waren, die selbst kein Kraftstoff sind. Das CBO beschreibt in seiner aktuellen Analyse sowohl direkte Energiepreiseffekte als auch eine verzögerte Weitergabe an andere Güter und Dienstleistungen. Für das erste Quartal 2027 erwartet es gegenüber seiner Februarprojektion einen zusätzlichen Aufwärtsdruck von 0,5 Prozentpunkten auf die PCE-Gesamtinflation und 0,3 Punkten auf die Kernrate. Das sind Modellschätzungen relativ zu einer früheren Prognose.
Daraus folgt weder ein sicherer Verlauf jeder einzelnen Verbraucherpreisreihe noch die Unmöglichkeit, Inflation wieder zu senken. Höhere Kosten können Preise treiben; gleichzeitig reagieren Nachfrage, Lieferketten, Unternehmensmargen und Geldpolitik. Welche Wirkung überwiegt, ist eine empirische Frage. Die Aussage „nicht mehr unter Kontrolle“ geht deshalb über den gesicherten Mechanismus hinaus.
Zudem sind Preisniveau und Inflationsrate auseinanderzuhalten. Selbst wenn die Teuerungsrate später sinkt, können Waren gegenüber der Zeit vor dem Schock teuer bleiben. Umgekehrt bedeutet ein anhaltend hohes Preisniveau nicht, dass die Preise fortgesetzt genauso schnell steigen. Diese Unterscheidung verhindert, dass eine ernste Belastung automatisch als dauerhaft beschleunigte Inflation beschrieben wird.
Anleihekurse und Renditen: der Mechanismus stimmt, die Diagnose ist anspruchsvoller
Den grundlegenden Zusammenhang erklärt Keupp richtig. Wenn neu ausgegebene Anleihen attraktiver verzinst werden, sinkt im Regelfall der Marktwert älterer Papiere mit niedrigerem festem Kupon. Die US-Wertpapieraufsicht SEC erläutert dieses Zinsänderungsrisiko ausdrücklich auch für Anleger, die Anleihen vor ihrer Fälligkeit verkaufen. Der Kursverlust ist nicht dasselbe wie ein Ausfall des Schuldners.
Für einen Staat werden höhere Marktrenditen vor allem relevant, wenn er neue Schulden aufnimmt oder fällige Schulden ersetzen muss. Die Zinszahlungen für bereits laufende festverzinsliche Papiere steigen nicht automatisch am nächsten Tag. Laufzeiten und Fälligkeitsprofil bestimmen, wie schnell sich neue Konditionen auf den Haushalt übertragen.
Keupp nennt Inflationserwartungen und Risiken als Erklärungen steigender Renditen. Diese können eine Rolle spielen, doch eine Kurve allein zerlegt die Ursachen nicht. Auch Erwartungen über Wachstum, künftige Leitzinsen und das Angebot an Anleihen sind relevant. Die Warnung vor einer Staatsschuldenkrise ist daher eine Risikoeinschätzung. Ohne zusätzliche Tragfähigkeitsanalyse wäre es irreführend, den beobachteten Renditeanstieg bereits als Beweis einer solchen Krise auszugeben.
Die Zinserhöhung ist beschlossen, weitere Schritte sind Keupps Prognose
Die überprüfbare Entscheidung steht in der FOMC-Erklärung vom 16. September 2026: Die Zielspanne für den Federal Funds Rate wurde um einen Viertelprozentpunkt auf 3,75 bis 4,00 Prozent angehoben. Die Fed begründet den Schritt mit weiterhin erhöhter Inflation und ihrem Ziel der Preisstabilität. Damit stimmt die im Gespräch beschriebene Richtung der Entscheidung.
Keupp kennzeichnet die Erwartung weiterer Schritte selbst als Erwartung. Diese Kennzeichnung muss erhalten bleiben. Die Erklärung der Fed legt keine feste Abfolge zusätzlicher Erhöhungen fest. Ein beschlossener Schritt ist kein Beleg für einen bereits beschlossenen Zinspfad.
Ebenso wichtig: Leitzins und Rendite einer zehn- oder dreißigjährigen Staatsanleihe sind unterschiedliche Größen. Der Leitzins betrifft sehr kurzfristige Finanzierungsbedingungen; langfristige Renditen enthalten Erwartungen über viele Jahre. Beide können sich beeinflussen, bewegen sich aber nicht zwangsläufig im gleichen Umfang oder am selben Tag in dieselbe Richtung. Die im Gespräch nebeneinandergestellten Kurven und die Fed-Entscheidung sollten daher nicht zu einem einzigen Zinssatz verschmolzen werden.
Die US-Kraftstoffpreise stimmen – die Literangabe nicht
Die Preisgrößenordnung lässt sich direkt prüfen. Die EIA-Wochenübersicht für den 14. September weist landesweit 6,285 US-Dollar pro Gallone Straßendiesel und 4,319 Dollar für Regular-Benzin einschließlich Steuern aus. Diese Durchschnittswerte stützen Keupps Angaben. Sie schließen deutlich höhere oder niedrigere Preise in einzelnen Bundesstaaten nicht aus.
Die anschließende Umrechnung ist dagegen falsch: Eine US-Flüssiggallone enthält rund 3,785 Liter, wie die Umrechnungstabellen des NIST ausweisen, also etwas weniger als vier Liter. Eine britische Gallone wäre größer; sie ist für die genannten US-Tankstellenpreise aber nicht die maßgebliche Einheit. Mit dem richtigen Faktor entsprechen die EIA-Werte rechnerisch etwa 1,66 Dollar je Liter Diesel und 1,14 Dollar je Liter Regular-Benzin.
Diese Umrechnung ist noch kein vollständiger Vergleich mit Deutschland. Dazu müssten unter anderem der Wechselkurs, Kraftstoffspezifikationen und die unterschiedliche Besteuerung berücksichtigt werden. Die Korrektur ändert nichts daran, dass die US-Preise deutlich gestiegen sind; sie verhindert eine falsche Vorstellung über die tatsächlich gekaufte Menge.
Ein geschwächter Wechselkurs bedeutet nicht das Ende des Dollars als Reservewährung
In diesem Punkt bremst Keupp selbst die Untergangsthese. Der IWF-Bericht über die Währungszusammensetzung der Reserven im ersten Quartal 2026 nennt 57,13 Prozent für den US-Dollar, 20,03 Prozent für den Euro und 1,99 Prozent für den Renminbi. Die im Gespräch genannte Größenordnung von etwa zwei Prozent für die chinesische Währung passt dazu.
Die Daten betreffen offizielle Devisenreserven, nicht sämtliche weltweiten Zahlungen oder jede Handelsrechnung. Sie sind außerdem ein Quartalsstand und keine tagesaktuelle Septembermessung. Veränderungen von Anteilen können auch durch Wechselkurse und Bewertungen entstehen; sie sind nicht immer gleichbedeutend mit aktiven Verkäufen durch Zentralbanken.
Die Zahlen widersprechen einer bereits vollzogenen Ablösung des Dollars in dieser wichtigen Funktion. Sie beweisen weder, dass seine Stellung für immer unangreifbar wäre, noch dass die US-Wirtschaft keine ernsthaften Probleme hätte. Gerade diese Unterscheidung gehört zu einer fairen Wiedergabe: Das Gespräch enthält scharfe politische und wirtschaftliche Warnungen, aber an dieser Stelle ausdrücklich keine Behauptung, der Dollar habe seine zentrale Rolle schon verloren.
Fazit
Die wirtschaftlichen Belastungen sind durch amtliche Quellen belegt. Die 38 Milliarden Dollar brauchen jedoch Stichtag und Kostenabgrenzung; gestörte Handelsrouten sind nicht mit einer vollständigen Sperre gleichzusetzen. Anleihemechanik, Fed-Schritt und US-Kraftstoffpreise tragen die Analyse, während Unkontrollierbarkeit und weitere Zinsschritte Prognosen bleiben. Konkret falsch ist die Umrechnung der US-Gallone in etwas mehr als vier Liter. Keupps Zurückhaltung gegenüber einer baldigen Dollar-Ablösung passt zu den verfügbaren Reservendaten.
