Sterben Schleswig-Holsteins Gemüsehöfe – und gab es 2025 wirklich keinen einzigen Betrieb mit weniger als einem Hektar Anbaufläche? Der NDR zeigt am Beispiel des Gemüsebauern Michael Hauschildt einen realen Konzentrationsprozess. Seit 1988 werden rund 65 Prozent weniger Freiland-Gemüsebetriebe statistisch erfasst. Eine zentrale Zahl im Beitrag wird jedoch falsch aus der amtlichen Tabelle gelesen: Ein Schrägstrich bedeutet nicht null, sondern Zahlenwert nicht sicher genug.
Was der NDR vor Ort zeigt
Hauschildt berichtet, er habe den elterlichen Betrieb bei Glückstadt 1995 übernommen. Damals habe es vor Ort 20 Gemüsebauern gegeben, heute seien drei übrig. Durch gepachtete Flächen aufgegebener Betriebe sei seine Fläche von etwa 20 auf gut 40 Hektar gewachsen. Diese Schilderung ist ein plausibles und anschauliches Beispiel für Strukturwandel, aber keine amtliche Zählung für ganz Schleswig-Holstein.
Der Beitrag nennt mehrere Gründe: steigende Lohn-, Energie-, Pflanzen- und Maschinenkosten, fehlende Hofnachfolger, Bürokratie und Schwierigkeiten, genügend Erntehelfer zu finden. Christian Ufen, Vorsitzender der Bundesfachgruppe Gemüsebau, erwartet deshalb weitere Konzentration. Das sind fachliche Einschätzungen und betriebliche Erfahrungen. Die Gemüseerhebung misst dagegen vor allem Betriebe, Flächen, Erträge und Erntemengen; sie weist einzelnen Betriebsaufgaben keine Ursache zu.
Was die Gemüseerhebung 2025 erfasst
Der Statistische Bericht von Statistik Nord veröffentlicht das endgültige Ergebnis der repräsentativen Gemüseerhebung 2025. Einbezogen wurden Betriebe, die Gemüse, Erdbeeren oder Jungpflanzen erzeugen und mindestens eine der Erfassungsgrenzen erreichen: 0,5 Hektar Freilandfläche für Gemüse oder Erdbeeren beziehungsweise 0,1 Hektar unter hohen begehbaren Schutzabdeckungen einschließlich Gewächshäusern.
Die Erhebung fand deutschlandweit als Stichprobe bei höchstens 6.000 Betrieben statt. Für Schleswig-Holstein werden die Ergebnisse hochgerechnet. Deshalb enthält die Tabelle nicht nur exakte Zählwerte, sondern auch Qualitätskennzeichen. Die veröffentlichten Größen sind für Markt- und Strukturanalysen wertvoll, dürfen aber nicht wie ein lückenloses Hofregister gelesen werden.
Vier Zeichen mit völlig verschiedener Bedeutung
Die Zeichenerklärung unterscheidet klar: Eine Null bedeutet weniger als die Hälfte einer Einheit in der letzten ausgewiesenen Stelle, aber mehr als nichts. Ein Gedankenstrich bedeutet genau null beziehungsweise nichts vorhanden. Ein Punkt steht für einen unbekannten oder aus Geheimhaltungsgründen nicht veröffentlichten Wert. Der Schrägstrich bedeutet Zahlenwert nicht sicher genug.
Gerade diese Legende entscheidet über die Einordnung der kleinen Betriebe. In der Größenklasse unter einem Hektar steht 2025 beim Freilandgemüse ein Schrägstrich. Statistik Nord veröffentlicht dort also keine belastbare Zahl. Die Tabelle sagt ausdrücklich nicht, dass es keinen solchen Betrieb gab.
Der Fehler: Schrägstrich ist nicht null
Der NDR-Text und die Videobeschreibung formulieren, 2025 habe es nicht einen einzigen Gemüsebetrieb mit weniger als einem Hektar gegeben. Als Beleg wird die Größenklassentabelle angeführt. Diese Lesart ist falsch. Wäre der Wert exakt null, müsste nach der amtlichen Legende ein Gedankenstrich stehen. Tatsächlich steht dort ein Schrägstrich, also ein statistisch nicht ausreichend sicherer Wert.
Auch die übrigen Tabellenwerte passen nicht zur Null-Interpretation. Für Freilandgemüse nennt Statistik Nord insgesamt 321 Betriebe. In den veröffentlichten Klassen ab einem Hektar stehen 132 Betriebe mit einem bis unter zehn Hektar, 84 mit zehn bis unter 30, 35 mit 30 bis unter 50 und 32 mit mindestens 50 Hektar. Diese vier Klassen ergeben zusammen 283. Wegen Hochrechnung und unabhängiger Rundungen darf die Differenz zum Gesamtwert nicht als exakte Zahl der Kleinstbetriebe veröffentlicht werden. Sie zeigt aber zusätzlich, warum aus dem Schrägstrich keine Null gemacht werden darf.
Die korrekte Formulierung lautet: Für Betriebe mit weniger als einem Hektar weist die repräsentative Erhebung 2025 keinen hinreichend sicheren Einzelwert aus. Ob die Zahl gegenüber 2008 stark gefallen ist, kann plausibel sein; aus dieser Tabelle lässt sich jedoch weder exakt bestimmen, wie viele es 2025 waren, noch behaupten, es seien gar keine gewesen.
Wie belastbar sind 65 Prozent weniger Betriebe?
Der NDR nennt für 1988 bis 2025 einen Rückgang von rund 65 Prozent. Die Größenordnung lässt sich aus Angaben von Statistik Nord nachvollziehen. Für 2024 meldete das Amt 296 Freiland-Gemüsebetriebe und schrieb, seit 1988 hätten 617 Betriebe den Freilandgemüseanbau eingestellt. Daraus folgt ein damaliger Ausgangswert von ungefähr 913 Betrieben. Verglichen mit den 321 ausgewiesenen Freilandbetrieben 2025 ergibt sich rechnerisch ein Rückgang von knapp 65 Prozent.
Als Beschreibung der langen amtlichen Reihe ist die Prozentzahl damit im Kern richtig. Sie braucht aber zwei Vorbehalte. Erstens haben sich die Erfassungsgrenzen verändert. Zweitens ist ein Betrieb, der in einer späteren Gemüseerhebung nicht mehr erscheint, nicht automatisch als gesamter Bauernhof geschlossen worden. Er kann den Gemüseanbau beendet, Fläche verpachtet, sich mit einem anderen Betrieb zusammengeschlossen, den Betriebssitz verlagert oder die aktuelle Mindestgröße unterschritten haben.
Geänderte Erfassungsgrenzen verzerren den Langzeitvergleich
Die amtliche Übersicht zu Agrarstatistiken zeigt: Von 1979 bis 2009 genügte für Gemüseanbau im Freiland eine Fläche von 30 Ar, also 0,3 Hektar. Seit 2010 liegt die besondere Erfassungsgrenze bei 50 Ar beziehungsweise 0,5 Hektar. Für Kulturen unter Glas oder hohen Schutzabdeckungen änderte sich die Grenze von jeglichem Verkaufsanbau über 3 Ar auf heute 10 Ar.
Auch die allgemeine Mindestgröße landwirtschaftlich genutzter Fläche stieg in mehreren Schritten von einem auf zwei und ab 2010 auf fünf Hektar. Kleinere Spezialbetriebe können weiterhin erfasst werden, wenn sie eine besondere Gemüse- oder Gewächshausgrenze erreichen. Trotzdem ist die Grundgesamtheit von 1988 nicht identisch mit jener von 2025. Mindestens Betriebe mit 0,3 bis unter 0,5 Hektar Freilandgemüse, die früher die Gemüsegrenze erfüllten, tun dies heute allein damit nicht mehr.
Wie groß dieser statistische Effekt über die gesamte Reihe ist, lässt sich mit den vorliegenden Tabellen nicht exakt berechnen. Deshalb wäre es ebenso falsch, den realen Strukturwandel wegzuerklären. Die Zahl sank sehr stark, und das Beispiel aus Glückstadt zeigt tatsächliche Aufgaben und Flächenübernahmen. Präzise ist: Es werden rund 65 Prozent weniger Betriebe erfasst; der Rückgang besteht aus realen Veränderungen und einem nicht genau bezifferten Effekt geänderter Abgrenzungen.
Betriebszahl ist nicht gleich Zahl geschlossener Höfe
Statistik Nord formulierte 2025 zur Reihe, seit 1988 hätten 617 Betriebe den Anbau von Freilandgemüse eingestellt. Das ist enger als die Schlagzeile Höfesterben. Ein landwirtschaftlicher Betrieb kann weiterexistieren und auf Getreide, Tierhaltung, Dienstleistungen oder andere Kulturen wechseln. Umgekehrt kann ein Gemüsebetrieb rechtlich bestehen, aber Flächen an andere Betriebe verpachten. Die Gemüseerhebung verfolgt keine individuelle Lebensgeschichte jedes Hofes über 37 Jahre.
Hinzu kommt das Betriebssitzprinzip. Flächen werden dem Land zugerechnet, in dem der Betrieb seinen Sitz hat, auch wenn einzelne Flächen tatsächlich in einem anderen Bundesland liegen. Statistik Nord erklärte damit einen Teil des Flächenanstiegs seit 2016: Einige Unternehmen verlagerten ihren Sitz nach Schleswig-Holstein. Eine Landeszahl kann sich folglich ändern, ohne dass im selben Umfang neue Felder hinzukommen oder verschwinden.
Die Konzentration ist in den aktuellen Daten sichtbar
Trotz aller methodischen Grenzen stützt die Tabelle die These größerer Einheiten. 2025 bewirtschafteten 321 Freiland-Gemüsebetriebe zusammen rund 8.576 Hektar. Die 32 Betriebe in der Größenklasse ab 50 Hektar kamen auf rund 5.172 Hektar. Damit entfielen auf etwa zehn Prozent der ausgewiesenen Betriebe rund 60 Prozent der gesamten Freiland-Gemüsefläche.
Weitere 35 Betriebe mit 30 bis unter 50 Hektar bewirtschafteten rund 1.366 Hektar und 84 Betriebe mit zehn bis unter 30 Hektar rund 1.427 Hektar. Der aktuelle Bestand ist also stark auf größere Einheiten konzentriert. Das passt zu Ufens Erklärung, dass teure Maschinen, Personal und Verwaltungsaufwand auf größeren Flächen leichter zu finanzieren sind. Es beweist aber nicht, dass Größe in jedem Einzelfall die einzige wirtschaftlich mögliche Strategie ist.
2025 stiegen Zahl und Fläche gegenüber 2024
Der Langzeittrend verlief nicht geradlinig. 2024 wurden 296 Freiland-Gemüsebetriebe mit etwa 7.565 Hektar ausgewiesen, 2025 waren es 321 Betriebe mit rund 8.576 Hektar. Statistik Nord gibt dafür Zuwächse von acht beziehungsweise 13 Prozent an. Dieses einzelne Plus widerlegt den jahrzehntelangen Konzentrationsprozess nicht, zeigt aber, dass Sterben im Präsens für die jüngste Jahresbewegung zu pauschal ist.
Jahreswerte aus einer repräsentativen Stichprobe können schwanken. Eine seriöse Einordnung trennt deshalb drei Ebenen: den langfristigen Rückgang der erfassten Einheiten, die kurzfristige Bewegung zwischen zwei Erhebungen und die individuellen Geschichten tatsächlich aufgegebener Höfe.
Was die Statistik über Ursachen nicht beweist
Steigende Kosten, Nachwuchsmangel und fehlende Arbeitskräfte sind im NDR-Beitrag nachvollziehbar. Hauschildt benötigt in der Hochphase 15 bis 20 Helfer und berichtet von Schwierigkeiten bei der Rekrutierung. Direktvermarktung bringt ihm bessere Preise. Das dokumentiert betriebliche Strategien und Belastungen, nicht deren Häufigkeit in allen 321 Betrieben. Für eine quantitative Ursachenverteilung wären zusätzliche Befragungen oder Längsschnittdaten nötig.
Fazit
Der NDR trifft den Kern eines langfristigen Strukturwandels: Gegenüber 1988 werden 2025 rund 65 Prozent weniger Freiland-Gemüsebetriebe in Schleswig-Holstein ausgewiesen, und ein kleiner Anteil großer Betriebe bewirtschaftet den Großteil der Fläche. Aus der Reihe folgt jedoch nicht, dass jeder verschwundene Zählfall eine vollständige Hofschließung war; Erfassungsgrenzen, Produktionswechsel, Verpachtung und Betriebssitz können die Statistik verändern. Klar falsch ist die Aussage, 2025 habe es laut Tabelle keinen Betrieb unter einem Hektar gegeben. Das Zeichen dort ist kein Nullwert, sondern kennzeichnet einen statistisch nicht sicheren und deshalb nicht veröffentlichten Wert. Die Krise kleiner Betriebe ist plausibel und lokal belegt – die amtliche Tabelle verlangt trotzdem mehr Sorgfalt, als die Zuspitzung erkennen lässt.
