Eine bestellte „Studie“ ist noch kein geprüftes Forschungsergebnis. Quarks berichtet, einen Artikel über einen nicht durchgeführten Mäuseversuch erhalten zu haben. Der Versuch macht einen wichtigen Mechanismus sichtbar: Die äußere Form einer wissenschaftlichen Arbeit kann von ihrer tatsächlichen Datengrundlage getrennt werden. Er beweist aber nicht, dass die bestellte Arbeit eine reguläre Begutachtung bestanden hätte. Und er erlaubt keine pauschale Aussage, wissenschaftliche Ergebnisse seien überwiegend erfunden.
Evidico hat das vollständige 26-minütige Quarks-Original ausgewertet und die zentralen Aussagen mit Forschung zu Publikationsbetrug, Regeln guter wissenschaftlicher Praxis und der zitierten Cochrane-Übersicht abgeglichen. Beim Undercover-Versuch ist Quarks selbst die Originalquelle. Evidico hat weder beim Anbieter bestellt noch den gesamten Schriftwechsel unabhängig rekonstruiert.
Was der Kaufversuch zeigt – und wo er endete
Quarks kontaktierte drei Anbieter. Als das Team nach einem Artikel ohne selbst erhobene Versuchsdaten fragte, brach der Kontakt bei zwei davon ab; einer lieferte später ein Manuskript. Laut Film wurde darin zunächst ein Versuch mit 48 Mäusen beschrieben. Auf Nachfrage änderte der Anbieter die Zahl auf 60. Die Redaktion konnte nicht klären, ob die Daten vollständig erfunden oder aus anderen Arbeiten übernommen und verändert worden waren.
Diese Einschränkung ist zentral: Ein Manuskript mit unzuverlässiger Versuchsbeschreibung ist nicht automatisch der Nachweis einer ganz bestimmten Herstellungsmethode. Ebenso wenig wurde eine erfolgreiche Veröffentlichung beobachtet. Quarks beendete den Versuch vor einer Einreichung. Die Einschätzung befragter Fachleute, eine Veröffentlichung wäre irgendwo möglich gewesen, bleibt daher eine Prognose.
Autorschaft lässt sich nicht durch Bezahlung ersetzen
Im Video werden auch Angebote beschrieben, den eigenen Namen gegen Geld auf eine fremde Arbeit setzen zu lassen. Das widerspricht dem Grundgedanken wissenschaftlicher Autorschaft. Die DFG-Leitlinie 14 verlangt einen echten, nachvollziehbaren Beitrag zum wissenschaftlichen Inhalt und Verantwortung für die Veröffentlichung.
Damit ist nicht jede bezahlte Unterstützung problematisch. Eine offengelegte Sprachkorrektur oder fachgerechte Dienstleistung ist etwas anderes als erfundene Daten oder eine gekaufte Autorenposition ohne wissenschaftlichen Beitrag. Entscheidend ist, was tatsächlich geleistet wurde und ob die Publikation es ehrlich darstellt. Eine hohe Rechnung verleiht keine wissenschaftliche Urheberschaft.
Manipulierte Begutachtung ist dokumentiert
Der gemeinsame Bericht von COPE und STM beschreibt neben dem Verkauf von Manuskripten auch gefälschte Gutachter und Angriffe auf redaktionelle Abläufe. Der Bericht beruht auf Verlagsdaten und Interviews. Er zeigt bekannte Praktiken; seine Fallauswahl ist keine repräsentative Zählung der gesamten Wissenschaft.
Auch die im Quarks-Video gezeigte Kostenposition für den Umgang mit Gutachtern beweist für sich genommen nicht, welcher konkrete Gutachter bestochen wurde. Der dokumentierte Bestechungsversuch gegenüber einem Herausgeber belegt zunächst einen Versuch. Für eine Aussage über die Häufigkeit erfolgreicher Bestechung wären zusätzliche Daten nötig. Dass Manipulationen vorkommen, darf nicht zu dem Vorwurf werden, jede Begutachtung sei käuflich.
Verdopplung alle anderthalb Jahre: ein Trend mit Grenzen
Für die Wachstumsbehauptung gibt es eine konkrete Grundlage. Eine 2025 in PNAS veröffentlichte Untersuchung ermittelte bei erfassten mutmaßlichen Paper-Mill-Produkten eine Verdopplungszeit von 1,5 Jahren, gegenüber rund 15 Jahren für die wissenschaftliche Publikationsmenge insgesamt. Die Formulierung „zehnmal schneller“ bezieht sich auf diese unterschiedlichen exponentiellen Wachstumsraten, nicht auf zehnmal so viele gefälschte wie echte Studien.
Die Autoren benennen eine wichtige Grenze: Ihre Daten erfassen entdeckte und gemeldete Fälle. Wenn intensiver gesucht wird, steigt möglicherweise auch die Zahl der Funde. Bestimmte Fächer sind stärker untersucht als andere. Die Grafik schreibt frühere Trends in die Zukunft fort. Die im Video daraus abgeleitete Größenordnung von 100.000 Arbeiten pro Jahr ist daher eine Modellprojektion, keine im September 2026 abgeschlossene weltweite Zählung.
„Zehn Prozent der Krebsforschung“ heißt hier: vom Modell markiert
Eine weitere BMJ-Studie vom Januar 2026 untersuchte rund 2,65 Millionen Krebsforschungsartikel aus den Jahren 1999 bis 2024. Ein auf zurückgezogenen Paper-Mill-Arbeiten trainiertes Sprachmodell markierte 261.245 Artikel, also 9,87 Prozent, anhand von Ähnlichkeiten in Titeln und Zusammenfassungen.
Diese Zahl passt zu der im Video genannten Größenordnung. Sie bedeutet aber nicht, dass bei jedem zehnten Artikel Betrug individuell nachgewiesen wurde. Ein Screening erzeugt Verdachtsfälle und kann falsch positive wie falsch negative Ergebnisse liefern. Auch eine hohe Modellgenauigkeit beseitigt diese Unsicherheit nicht. Die Studie selbst beschreibt die markierten Arbeiten als ähnlich zu bekannten Paper-Mill-Publikationen. Diese Unterscheidung muss beim Weitererzählen erhalten bleiben.
Ebenso wäre es zu grob, das Problem auf eine Nationalität zu reduzieren. Das Video nennt China als besonders häufiges Herkunftsland. Solche Befunde hängen vom untersuchten Korpus ab. Der COPE/STM-Bericht dokumentiert ausdrücklich auch Anbieter und Aktivitäten außerhalb Chinas. Der Standort eines Anbieters, die institutionelle Adresse eines Autors und der Sitz des Verlags sind zudem verschiedene Angaben.
Wiederverwendete Bilder: starke Indizien, genaue Zählung nötig
Besonders anschaulich ist Elisabeth Biks Originaldokumentation zu wiederkehrenden Abbildungen. Sie beschrieb 2020 einen Zusammenhang von 121 Arbeiten und einen gemeinsamen Fundus von Bildern und Diagrammen. Ein charakteristisches, hammerförmiges Bilddetail fand sie in 15 dieser Arbeiten.
Das stützt die zentrale Aussage über systematische Bildwiederverwendung. Die im Video genannte Zahl 124 lässt sich aus genau dieser geöffneten Fassung dagegen nicht bestätigen. Ohne datierte Erweiterung der Liste sollte sie nicht stillschweigend als identischer Befund wiederholt werden. Auch bedeutet ein gemeinsamer Bilderfundus nicht, dass jedes einzelne Bild in jeder Arbeit vorkam.
Ivermectin: problematische Evidenz, nicht automatisch eine Paper Mill
Beim Beispiel Ivermectin wahrt der Film selbst eine entscheidende Grenze: Manipulierte Studien müssen nicht von einem kommerziellen Anbieter stammen. Auch einzelne Forscher können Daten fälschen. Die Herkunft lässt sich aus dem Befund einer Manipulation allein nicht bestimmen.
Die im Film angesprochene Cochrane-Übersicht von Juni 2022 überprüfte die Vertrauenswürdigkeit der Studien erneut. Für ambulant behandelte Covid-19-Patienten fand sie keinen belegten Nutzen, bei je nach Endpunkt unterschiedlicher Evidenzsicherheit. Bei stationären Patienten blieben wichtige Endpunkte wegen sehr unsicherer Daten offen. Es handelt sich hier um die Prüfung der historischen Quelle im Film, nicht um eine individuelle Therapieempfehlung.
KI-Verdacht und Publikationsdruck sind keine Beweise im Einzelfall
Die befragten Experten halten eine KI-Erstellung des gekauften Manuskripts für möglich. Das ist keine technische Herkunftsbestätigung. Glatte Kurven, plausibler Text und auffällige Daten können eine Überprüfung auslösen, identifizieren aber für sich genommen kein bestimmtes Werkzeug. Genauso ist die Kritik an Publikationsanreizen plausibel, ohne jeden Wissenschaftler oder jeden Open-Access-Verlag unter Generalverdacht zu stellen.
Die DFG betont qualitative Maßstäbe statt einer Bewertung allein nach der Anzahl veröffentlichter Arbeiten. Für Leser folgt daraus eine praktische Frage: Trägt eine Aussage nur eine einzelne auffällige Studie, oder gibt es unabhängige, methodisch passende Untersuchungen? Eine Rücknahme sollte geprüft und eine Quelle entsprechend neu gewichtet werden; sie ist weder ein nebensächlicher Hinweis noch ein Grund, alle andere Forschung zu verwerfen.
Fazit
Quarks zeigt einen ernsthaften Missbrauch wissenschaftlicher Publikationsformen. Unabhängige Untersuchungen stützen das strukturelle Problem. Die entscheidenden Grenzen bleiben: Verdacht ist kein abschließender Betrugsnachweis, eine Hochrechnung keine Vollerhebung, ein bestelltes Manuskript keine erfolgreich begutachtete Veröffentlichung und ein KI-Verdacht keine Herkunftsanalyse. Gerade diese Präzision schützt die wissenschaftliche Prüfung, auf deren Schwachstellen die Recherche aufmerksam macht.
