Viele Festivals stehen unter Druck. Die ZDF-Zahlen zu Gewinnen und Förderzusagen stimmen weitgehend. Doch eine bedrohte Veranstaltung ist noch keine Absage – und der Förderetat wurde nicht erst 2026 verdoppelt.
Die ZDF-Reportage vom 13. September 2026 begleitet das Jetzt&Immer-Festival in Ratingen durch eine schwierige Vorbereitung. Der Film verbindet persönliche Erfahrungen mit bundesweiten Zahlen. Wir prüfen die zentralen wirtschaftlichen Aussagen der knapp 15 Minuten langen Originalreportage: Was ist durch die Festivalstudie belegt, was ist eine Angabe der Veranstalter und was lässt sich daraus über die Zukunft der Branche ableiten? Recherche- und Förderstand:14. September 2026.
Rund 1800 Festivals: gute Größenordnung, keine aktuelle Vollzählung aller 2026er Ausgaben
Die Methodik der Originalstudie nennt 1.764 recherchierte Musikfestivals und 638 vollständig beantwortete Fragebögen. Befragt wurde vom 5. November 2024 bis 6. Januar 2025; veröffentlicht wurde die Untersuchung im September 2025. „Rund 1800“ ist eine passende Rundung. Alle identifizierten Veranstaltungen wurden eingeladen, aber nicht alle antworteten.
Das Datum ist für die Deutung wichtig. Eine 2025 erschienene Bestandsaufnahme enthält nicht automatisch das wirtschaftliche Ergebnis der Festivalsaison 2026. Sie eignet sich als struktureller Hintergrund für die Reportage; sie ist keine tagesaktuelle Insolvenzstatistik.
Auch „Festival“ ist kein einheitliches Geschäftsmodell. Mehrtägige kommerzielle Großereignisse, ehrenamtliche Stadtfeste mit Musikschwerpunkt und geförderte Konzertreihen können unter sehr verschiedenen Bedingungen arbeiten. Ein Branchenmittelwert beantwortet daher nicht ohne Weiteres die Frage, welches Budget eine konkrete Veranstaltung braucht.
15 Prozent Gewinn,30 Prozent Verlust: Die fehlenden zehn Prozent sind keine Verluste
Die Verteilung beträgt 15 Prozent Gewinn, 45 Prozent ausgeglichener Haushalt und 30 Prozent Verlust. Diese drei Zahlen stimmen mit Abbildung 40 der Studie überein. Ergänzt werden muss die vierte Gruppe: Zehn Prozent machten keine Angabe. Gefragt wurde nach dem Ergebnis der jeweils letzten Ausgabe. Daraus folgt nicht, dass 85 Prozent Verluste machen: Ein ausgeglichener Haushalt ist etwas anderes als ein Minus.
Eine schwarze Null kann für einen Veranstalter ohne Gewinnerzielungsziel ein angemessenes Ergebnis sein. Sie sagt aber wenig darüber aus, wie gut eine Veranstaltung unerwartete Kosten tragen kann. Um das zu beurteilen, bräuchte man zusätzlich Informationen über Rücklagen, Verbindlichkeiten und künftige Zusagen.
Ebenso ist ein einmaliger Verlust weder automatisch Insolvenz noch belanglos. Entscheidend ist, ob er finanziert werden kann und ob das nächste Festival realistisch kostendeckend geplant ist. Die Zahlen zeigen deshalb wirtschaftliche Verletzlichkeit, erlauben aber kein pauschales Urteil über die Zahlungsfähigkeit aller betroffenen Veranstalter.
Über 130 Festivals in Gefahr sind nicht 130 bereits ausgefallene Festivals
Die Studie dokumentiert Zukunftssorgen. Laut der Zusammenfassung der Herausgeber befürchten zehn Prozent der Popularmusikfestivals ein Aus; bei Klassikfestivals sind es vier Prozent. Die Originalauswertung unterscheidet Befürchtung, Unentschiedenheit und eine bereits feststehende Einstellung. Das ist keine Liste von 130 nachgewiesenen Absagen im Jahr 2026.
Die Formulierung des Films ist als Warnung vor einem Risiko verständlich. Wer daraus eine bereits eingetretene bundesweite Schließungszahl macht, geht jedoch über den Beleg hinaus. Auch eine Hochrechnung einer Befragung ist keine namentliche Zählung realer Geschäftsaufgaben.
Für die Behauptung eines flächendeckenden, fortschreitenden Festivalsterbens wären vergleichbare Daten über mehrere Jahre besonders hilfreich: Wie viele etablierte Veranstaltungen enden dauerhaft, welche pausieren und welche kommen neu hinzu? Eine einzelne Bestandsaufnahme kann die Existenz von Schwierigkeiten zeigen, aber die Nettoentwicklung nicht vollständig messen. Das schmälert das Problem eines bedrohten Festivals nicht. Es beschreibt die Grenze der vorliegenden Zahl.
134 von 463 Anträgen: Die Förderquote stimmt
Die Mitteilung der Initiative Musik vom 10. März 2026 bestätigt 134 Förderzusagen bei 463 eingereichten Projekten. Das entspricht rund 29 Prozent. Für diese dritte Förderrunde standen vier Millionen Euro Bundesmittel zur Verfügung. Die Zahlen im Film sind insofern korrekt und gehören ausdrücklich zu dieser Runde.
Eine niedrige Bewilligungsquote allein beweist allerdings nicht, dass alle abgelehnten Projekte sämtliche Förderkriterien erfüllten oder akut von Insolvenz bedroht waren. Sie zeigt zunächst das Verhältnis zwischen eingereichten und ausgewählten Projekten. Ebenso darf die Quote dieses einzelnen Fonds nicht zur Erfolgsquote sämtlicher öffentlicher Kulturförderung erklärt werden.
Aus Sicht eines nicht berücksichtigten Veranstalters bleibt die Lücke dennoch real: Mit beantragtem Geld kann man nicht so sicher planen wie mit einer verbindlichen Zusage. Das erklärt, warum öffentliche Förderung und wirtschaftliche Unsicherheit nebeneinander bestehen können. Eine Förderzusage für einen bestimmten Zweck ist zudem nicht automatisch eine Garantie für das Gesamtbudget.
Vier Millionen gab es bereits 2025
Hier ist die zeitliche Darstellung unpräzise. Schon die Mitteilung des Kulturstaatsministeriums zur Förderung 2025 nennt vier Millionen Euro für 127 Projekte bei 575 Anträgen. Die 2026er Mitteilung nennt ebenfalls vier Millionen. Ein Anstieg von zwei auf vier Millionen erst in diesem Jahr lässt sich mit diesen offiziellen Vorjahresdaten nicht bestätigen.
Das ist kein Beweis, dass der Fonds nie aufgestockt worden wäre. Es korrigiert die Zuordnung des Zeitpunkts. Jahresbudget, Antragsrunde und tatsächlicher Veranstaltungszeitraum können auseinanderfallen. Für einen zutreffenden Vergleich muss man dieselben Größen und dieselben Förderrunden nebeneinanderstellen.
Der Fehler ändert auch nichts daran, dass das Programm stark nachgefragt wird. Er verhindert aber den irreführenden Eindruck, die aktuelle Regierung habe genau zwischen 2025 und 2026 den hier verglichenen Betrag verdoppelt.
44.000 Euro Minus: nachvollziehbare Veranstalterangabe, keine unabhängige Bilanzprüfung
Die Organisatoren nennen im Film einen Verlust von 44.000 Euro aus dem Vorjahr und ein Bruttobudget von 400.000 Euro für die vergrößerte Veranstaltung. Diese Angaben sind als Selbstauskunft belegt. Eine unabhängige Bestätigung der Abrechnung liegt diesem Check nicht vor. „Unbelegt“ bedeutet an dieser Stelle ausdrücklich nicht, dass wir den Beteiligten eine falsche Darstellung unterstellen.
Die Reportage macht den finanziellen Druck anschaulich, ersetzt aber keine Prüfung aller Einnahmen und Ausgaben. Wer Bruttokosten mit dem später genannten Nettoumsatz aus Ticketverkäufen vergleicht, würde zudem unterschiedliche Größen gegenüberstellen. Auch offene Vorjahresverluste, einmalige Investitionen und laufende Veranstaltungskosten müssen auseinandergehalten werden.
Für die Frage, ob das Festival dauerhaft tragfähig ist, reicht deshalb weder die Höhe eines einzelnen Budgets noch eine volle Wiese. Dafür wäre die abschließende Gesamtrechnung nötig. Eine wirtschaftliche Untersuchung müsste auch klären, welche Leistungen unbezahlt erbracht werden und ob diese Unterstützung langfristig verfügbar bleibt.
Ausverkauft ist ein guter Ausgang – aber noch kein Gewinnnachweis
Der Film endet mit der Nachricht eines Ausverkaufs und der angekündigten Fortsetzung. Das ist ein positiver Ausgang der erzählten Veranstaltungsgeschichte. Ob damit sämtliche Altverluste ausgeglichen und ausreichende Rücklagen aufgebaut wurden, wird dadurch nicht belegt. Eine Absicht für das nächste Jahr bleibt von der späteren Umsetzung zu unterscheiden.
Dass die Bedeutung solcher Veranstaltungen über die Kasse hinausgeht, ist zugleich gut begründet: Die Festivalstudie hebt Nachwuchsauftritte und ehrenamtliche Mitarbeit hervor. Das rechtfertigt, neben finanzieller Tragfähigkeit auch kulturellen Nutzen zu betrachten. Es macht wirtschaftliche Grenzen aber nicht unwichtig.
Als sachliche Schlussfolgerung kommen verlässliche Förderentscheidungen, realistische Budgets und konkrete Kooperationen als Ansatzpunkte infrage. Ob sie einem einzelnen Festival helfen, müsste am jeweiligen Projekt geprüft werden. Die Fördermitteilung 2026 kündigt eine weitere Runde an; daraus folgt weder eine automatische Zusage für Ratingen noch eine Garantie gegen künftige Verluste.
Fazit
Die ZDF-Reportage trifft einen realen wirtschaftlichen Konflikt. Gewinn- und Förderquoten sind weitgehend korrekt wiedergegeben. Nachgebessert werden muss die zeitliche Behauptung zur Verdopplung des Förderetats. Vor allem gilt: Zukunftsangst ist keine bestätigte Absage, ein Veranstalterbericht keine geprüfte Bilanz und Ausverkauf kein automatischer Gewinn. Gerade diese Unterschiede helfen, Kulturförderung sachlich zu diskutieren.
