Deutschlands Haushalte zahlen im europäischen Vergleich sehr viel für Strom. Das ZDF-Video sucht deshalb nach dem großen Profiteur – und kommt zu einem grundsätzlich richtigen Ergebnis: Den einen Empfänger der gesamten Rechnung gibt es nicht. Erzeugung und Beschaffung, Netzbetrieb, staatliche Bestandteile und Marktregeln greifen ineinander. Viele Zahlen stammen erkennbar aus Daten für 2025. Genau deshalb ist wichtig, nicht zwischen Jahren, Durchschnittsdefinitionen und Zukunftsschätzungen zu springen.
So wurde geprüft
Wir haben das vollständige Transkript in einem Durchgang ausgewertet und 15 eigenständige Aussagen festgelegt. Preise wurden mit Eurostat, Destatis und der BDEW-Aufteilung abgeglichen. Für Strommix, Erzeugungskosten, Redispatch und Regulierung dienten Fraunhofer ISE, Bundesnetzagentur, Gesetzgebung und öffentliche Gutachten als Hauptquellen. Eine zweite Prüfung gab es nur bei strittigen Zahlen, Rechts- und Kausalitätsfragen.
Strommix und Preisvergleich
62 Prozent Erneuerbare: ein Wert aus dem falschen Jahr
Urteil: irreführend. Das Video sagt, mittlerweile kämen rund 62 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien. Fraunhofer ISE meldete 62,7 Prozent für die öffentliche Nettostromerzeugung 2024. Für 2025, auf das sich die folgenden Aussagen beziehen, waren es nach derselben Methodik 55,9 Prozent. Andere Nenner liefern nochmals andere Quoten. Der Wert ist also real, aber ohne Bezugsjahr und Definition im 2025er Zusammenhang veraltet.
39 Cent und EU-Rang zwei
Urteil: richtig nach Eurostat-Definition. Für das zweite Halbjahr 2025 weist Eurostat im üblichen Haushalts-Verbrauchsband 38,69 Cent je Kilowattstunde aus; nur Irland lag mit 40,42 Cent höher. Destatis kommt über alle Verbrauchsklassen auf 40,55 Cent. Das ist kein Widerspruch, sondern eine andere Gewichtung. Das ZDF hätte sein Verbrauchsband nennen sollen.
Knapp 400 Euro über dem EU-Durchschnitt
Urteil: richtig gerechnet. Der EU-Mittelwert lag bei 28,96 Cent. Die Differenz zu 38,69 Cent beträgt 9,73 Cent. Bei 4.000 Kilowattstunden ergeben sich 389,20 Euro, also knapp 400 Euro. Der Betrag ist ein transparentes Beispiel, kein gemessener Aufschlag jeder vierköpfigen Familie: Vertrag, Grundpreis, Bonus, Region und tatsächlicher Verbrauch unterscheiden sich.
Photovoltaik vor Braunkohle und günstigere Neuanlagen
Urteil: überwiegend richtig. Photovoltaik erzeugte 2025 erstmals mehr öffentlichen Nettostrom als Braunkohle. Auch die genannten Größenordnungen für neue Anlagen passen zur Fraunhofer-Studie zu Stromgestehungskosten: Onshore-Wind liegt häufig im niedrigen einstelligen Centbereich, neue Braunkohle einschließlich CO₂-Kosten deutlich höher. Solche Lebensdauerkosten sind aber nicht dasselbe wie der heutige Börsenpreis eines bestehenden Kraftwerks.
Beschaffung, Börse und Lieferanten
16 von 39 Cent für Beschaffung und Vertrieb
Urteil: richtig für 2025. Die BDEW-Strompreisanalyse weist 39,80 Cent Gesamtpreis und 16,12 Cent für Beschaffung und Vertrieb aus. Dieser Block enthält Energieeinkauf, Service, Vertrieb und Marge. Er zeigt deshalb nicht, welcher Teil davon Gewinn ist, und er ist kein unveränderlicher Bestandteil jedes Tarifs.
Das letzte benötigte Kraftwerk setzt den Preis
Urteil: richtig, aber vereinfacht. Im Day-ahead-Markt werden Gebote nach Kosten geordnet. Das zuletzt benötigte akzeptierte Angebot setzt grundsätzlich den einheitlichen Preis der Preiszone – der Kern der Merit Order. Häufig ist ein Gas- oder Kohlekraftwerk preissetzend. Haushaltskunden zahlen diesen Stundenpreis jedoch nicht direkt, weil Lieferanten langfristig beschaffen und Netz, Steuern sowie Umlagen hinzukommen.
Einstellige Lieferantenmargen
Urteil: mit den gezeigten Daten nicht belegt. Dass Lieferanten Preisrisiken tragen, stimmt. Aus dem gebündelten BDEW-Block lässt sich aber keine repräsentative Nettomarge errechnen. Dafür bräuchte es eine definierte Kennzahl und Unternehmensdaten über den Markt hinweg. Die Aussage kann plausibel sein, sollte ohne diese Grundlage jedoch nicht als gesicherter Durchschnitt erscheinen.
Netze: teurer Ausbau, teures Nichtstun
Elf Cent Netzentgelt und 650 Milliarden Euro
Urteil: richtig mit wichtiger Einordnung. Rund 10,96 Cent Netzentgelt passen zum BDEW-Wert. Die 650 Milliarden Euro sind dagegen keine feststehende Rechnung, sondern eine langfristige Projektion. Eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung schätzt bis 2045 etwa 328 Milliarden für Übertragungs- und 323 Milliarden für Verteilnetze. Die Monopolkommission nennt ähnliche Größenordnungen, warnt aber vor hoher Unsicherheit.
Redispatch landet über Netzentgelte bei den Kunden
Urteil: richtig. Wenn Leitungen überlastet sind, wird Erzeugung vor dem Engpass gesenkt und dahinter erhöht. Die Bundesnetzagentur beziffert das Engpassmanagement 2025 auf rund 3,06 Milliarden Euro. Redispatch, Gegenhandel und Reservekraftwerke werden über Netzentgelte refinanziert. Mehr Netz kann diese Kosten senken, aber nicht fast vollständig beseitigen: Ausfälle, Wartung und regionale Spitzen bleiben.
Neue Anlagen sollen stärker nach Netzlage gebaut werden
Urteil: richtig als Vorhaben, Wirkung offen. Das Kabinett beschloss Ende Juli 2026 eine EEG-Novelle und ein Netzanschlusspaket. Standortsignale, Direktvermarktung und begrenzte Entschädigung in Engpassgebieten sollen Systemkosten reduzieren. Zum Videozeitpunkt war das noch Gesetzgebung. Ob es den Ausbau bremst oder effizienter macht, ist eine Prognose, keine bereits gemessene Folge.
Monopole und regulierte Renditen
Urteil: richtig. Stromnetze sind regionale natürliche Monopole; parallele Leitungsnetze wären meist unsinnig. Deshalb setzt die Bundesnetzagentur Erlösobergrenzen und Eigenkapitalzinssätze, üblicherweise im einstelligen Bereich. Eine Studie mit angeblich 30 Prozent Rendite kann andere Bilanz- oder Cashflowgrößen verwenden und ist nicht direkt vergleichbar. Das ZDF benennt diesen Methodenunterschied selbst. Forderungen nach mehr Kostentransparenz bleiben trotzdem berechtigt.
Steuern, Entlastung und flexible Nachfrage
Knapp ein Drittel für Staat und Umlagen
Urteil: richtig für 2025. Die Mehrwertsteuer beträgt 19 Prozent des gesamten Rechnungsbetrags, grob sechs Cent. Die reguläre Stromsteuer für Haushalte liegt bei 2,05 Cent. BDEW beziffert Steuern, Abgaben und Umlagen zusammen auf 12,72 Cent beziehungsweise 32 Prozent. Der EU-Vergleich um 29 Prozent ist größenordnungsmäßig plausibel, hängt aber von der jeweiligen Eurostat-Abgrenzung ab.
Großbritannien setzt die Mehrwertsteuer auf null
Urteil: richtig, aber befristet. Die britische Regierung kündigte ab 1. Oktober 2026 null Prozent Mehrwertsteuer auf Haushaltsstrom für ein Finanzjahr an. Für Nordirland war noch eine europarechtliche Abstimmung nötig. Komplett streichen klingt dauerhafter und einheitlicher, als die Entscheidung tatsächlich war.
Stromsteuer nur für Unternehmen gesenkt
Urteil: im Kern richtig. Den EU-Mindestsatz erhielten produzierendes Gewerbe sowie Land- und Forstwirtschaft, nicht Haushalte. Zur vollständigen Bilanz gehört aber eine andere Entlastung: Der Bund stellte 2026 insgesamt 6,5 Milliarden Euro zur Senkung der Netzentgelte bereit, wie die Bundesregierung erläutert. Das ersetzt die versprochene allgemeine Steuersenkung nicht.
Speicher und Smart Meter können helfen
Urteil: richtig mit Bedingungen. Für einen dynamischen Tarif wird ein intelligentes Messsystem benötigt. Flexible Haushalte können Verbrauch in günstige Stunden verschieben; die Bundesnetzagentur weist zugleich auf schwankende Preise und Aufklärungspflichten hin. Speicher können Überschüsse verlagern, verursachen aber Kosten und Verluste. Nicht jeder Haushalt hat ausreichend verschiebbaren Verbrauch, um automatisch zu sparen.
Was Haushalte praktisch beachten sollten
Für Verbraucher ist außerdem der Zeithorizont entscheidend. Eine Steuersenkung kann eine Rechnung binnen Monaten verändern, ein Übertragungsnetz braucht viele Jahre. Ein dynamischer Tarif kann schon heute nützen, verlangt aber Smart Meter und verschiebbare Lasten; ein Haushalt ohne E-Auto, Wärmepumpe oder Speicher hat weniger Spielraum. Umgekehrt können langfristige Netzinvestitionen Kosten erhöhen, bevor sie Redispatch und Preisspitzen senken. Wer nur auf den Jahresdurchschnitt schaut, übersieht zudem, dass Neuverträge, Grundversorgung und ältere Bestandstarife unterschiedlich reagieren. Ein seriöser Vergleich darf deshalb kurzfristige Entlastung, dauerhafte Systemkosten und individuelle Tarifwahl nicht zu einem einzigen Versprechen vermischen.
Gesamtsynthese
Die ZDF-Erklärung ist dort am stärksten, wo sie Strukturen statt Schuldige zeigt. Ein billiges Windrad garantiert keinen billigen Haushaltstarif, wenn Börsenbeschaffung, Netzausbau, Engpassmanagement und staatliche Bestandteile hinzukommen. Das Merit-Order-Prinzip erklärt den kurzfristigen Börsenpreis, aber weder die ganze Lieferantenrechnung noch Gewinne. Netzentgelte finanzieren reale Infrastruktur, brauchen wegen Monopolstellung jedoch strenge Regulierung und Transparenz. Steuersenkungen können Rechnungen sofort entlasten, verschieben Kosten aber gegebenenfalls in den Staatshaushalt.
Die schwächsten Stellen entstehen durch fehlende Etiketten: 62 Prozent gehört zu 2024 und zu einer bestimmten Strommix-Definition; 39 Cent ist ein Eurostat-Verbrauchsband; 650 Milliarden sind eine unsichere Investitionsprojektion. Wer diese Herkunft sichtbar macht, muss die gute Grundaussage nicht zurücknehmen. Deutschland hat keinen einzelnen Strompreis-Profiteur, sondern ein komplexes System mit mehreren legitimen Kosten, politischen Entscheidungen und punktuellen Gewinnmöglichkeiten. Günstiger wird es nicht durch eine einzige Maßnahme, sondern durch effizienteren Ausbau, weniger Engpässe, Wettbewerb, gezielte Abgabenreform sowie flexible Erzeugung und Nachfrage.
Fazit
Viele Kernzahlen und die Marktmechanik stimmen. Korrigiert werden müssen vor allem die aktuelle Erneuerbarenquote und der Status einzelner Schätzungen und Reformen. Das faire Urteil lautet deshalb: überwiegend solide erklärt, an entscheidenden Stellen methodisch zu glatt.
