Eine Studentenbewegung fordert das Machtlager um Aleksandar Vučić heraus. Im ZDF-auslandsjournal gehen Aktivisten im Dorf Kać von Tür zu Tür, Angehörige beklagen politische Repression, ein Unternehmer erklärt seine Unterstützung für die Regierungsseite. Das ergibt ein anschauliches Bild der Spaltung in Serbien. Doch welche Aussagen lassen sich unabhängig prüfen – und was ist Wahlkampf, persönliche Erfahrung oder eine noch offene Prognose?
Unser Ergebnis: Der Wahltermin, die zugelassene Studentenliste und erhebliche Probleme bei Medienfreiheit und Wahlbedingungen sind belegt. Die genannten Umfragewerte können durch eine veröffentlichte Untersuchung gestützt werden, sagen aber keinen Sieg voraus. Beim Präsidentenamt, der Auswahl des Ministerpräsidenten und der strafrechtlichen Aufarbeitung braucht der Beitrag wichtigen Kontext. Persönliche Korruptions- oder Kündigungsvorwürfe werden hier nicht als erwiesene Schuld übernommen. Faktenstand: 19. Oktober 2026, vor der Wahl.
Was am 25. Oktober gewählt wird
Die vorgezogene Parlamentswahl am 25. Oktober 2026 ist keine bloße Ankündigung einer Protestgruppe. Die serbische Regierung dokumentiert ihre Ausschreibung vom 9. September. Gewählt wird die Nationalversammlung. Die Vorstellung, die Wähler bestimmten dabei unmittelbar den Ministerpräsidenten, wäre dagegen falsch.
Nach Artikel 127 der serbischen Verfassung schlägt der Staatspräsident nach Gesprächen mit Vertretern der gewählten Listen einen Kandidaten für das Amt des Regierungschefs vor. Das Parlament stimmt über Regierungsprogramm, Ministerpräsidenten und Kabinett ab. Erforderlich ist die Mehrheit aller Abgeordneten. Deshalb ist Vučićs politische Bewerbung um das Regierungsamt nicht mit einer direkten Ministerpräsidentenwahl gleichzusetzen. Auch die stärkste Liste braucht anschließend die erforderliche parlamentarische Unterstützung.
Ebenso wichtig ist der Unterschied zwischen einer ausgeschöpften Wiederwahlmöglichkeit und einer regulär abgelaufenen Amtszeit. Das Präsidentengesetz sieht fünf Jahre pro Amtszeit und höchstens zwei Wahlen zum Präsidenten vor. Vučić trat seine zweite Amtszeit laut amtlicher Übersicht des Präsidialamts am 31. Mai 2022 an. Am 27. September 2026 trat er zurück; die Amtsübergabe folgte am 28. September. Seine zweite Amtszeit endete somit vorzeitig durch Rücktritt. Die knappe Formulierung im Film, seine Amtszeit sei ausgeschöpft, verdeckt diesen Unterschied.
Auch die Bezeichnung als Chef der Fortschrittspartei muss man einordnen: Vučić ist die zentrale politische Figur ihres Wahlbündnisses. Formeller Vorsitzender der SNS ist Miloš Vučević, wie der Bericht von der Vorstandssitzung dokumentiert. Politischer Einfluss und offizielles Parteiamt sind nicht dasselbe.
Die Studentenliste gibt es – ihr Programm ist ein Versprechen
Die Bewegung tritt tatsächlich mit einer eigenen Liste an. Die Wahlkommission RIK hat die Studentska lista – Studenti pobeđuju am 15. September 2026 offiziell zugelassen. Der Name bedeutet sinngemäß: Studentenliste – die Studenten gewinnen. Ein Listenname ist selbstverständlich noch kein festgestelltes Wahlergebnis.
Die veröffentlichte Kandidatenaufstellung führt 250 Personen unterschiedlicher Berufe. An erster Stelle steht der Arzt Ilija Srdanović; der automatisch erzeugte Untertitel gibt seinen Namen ungenau wieder. Die Liste umfasst etwa Hochschullehrer, Ärzte, Juristen, Landwirte und Beschäftigte anderer Bereiche. Das stützt die Darstellung einer von Studierenden getragenen Auswahl, die über eingeschriebene Studenten hinausreicht. Es beweist weder, dass alle Kandidaten im politischen Sinne unabhängig wären, noch, dass Fachkenntnis automatisch gute Regierungspolitik garantiert.
Auch die im Film genannten elf Kernpunkte sind nachvollziehbar. Das Programm der Studentenliste enthält elf Punkte in drei Themenblöcken, darunter unabhängige Justiz, transparente öffentliche Aufträge, freie Medien, Bildung und wirtschaftliche Entwicklung. Das ist ein Primärbeleg dafür, was die Liste erreichen will. Ob sie ihre Vorhaben finanzieren, rechtlich umsetzen und politisch durchsetzen könnte, ist damit nicht geprüft oder bewiesen.
Der Gegensatz zwischen Serbien und einer Mafia ist Bestandteil dieser politischen Kampagnensprache. Eine pauschale strafrechtliche Feststellung über eine ganze Partei lässt sich daraus nicht ableiten. Der Faktencheck bewertet die nachprüfbaren Bestandteile und hält die zugespitzte Selbstbeschreibung der Bewegung davon getrennt.
Über 40 Prozent: eine reale Umfrage, kein feststehender Sieger
Eine konkrete Grundlage für einen Wert über 40 Prozent liefert die gemeinsame Untersuchung von CRTA und dem Democracy Action Lab der Stanford University. Sie wurde vom 10. bis 24. Juni 2026 mit persönlichen Interviews unter 2.324 Volljährigen durchgeführt und am 15. Juli veröffentlicht. Unter den politisch entschiedenen Wählern lagen die Studentenliste bei 44,9 Prozent, die SNS bei 35,7 Prozent. Die Bezugsgruppe ist entscheidend: Das waren nicht 44,9 Prozent aller Wahlberechtigten.
Diese Daten stützen die Aussage, dass eine veröffentlichte Erhebung die Studentenliste über 40 Prozent gesehen hat. Sie sind am 19. Oktober aber bereits mehrere Monate alt. Ohne identifizierte Untersuchung, Erhebungszeitraum und Bezugsgruppe wären beliebige neuere Prozentzahlen nicht überprüfbar. Evidico verwendet den Juniwert ausdrücklich nicht als heutigen Endstand oder sichere Prognose. Der Beitrag nennt zudem nicht, welche konkreten Umfragen er zusammenfasst.
Aus einem Vorsprung in einer Befragung folgt weder die tatsächliche Wahlbeteiligung noch das spätere Ergebnis oder eine Regierungsmehrheit. Auch das Hupen vorbeifahrender Autos am Filmende ist ein szenischer Ausdruck von Unterstützung, keine repräsentative Erhebung.
Novi Sad: das Unglück ist belegt, individuelle Schuld muss bewiesen werden
Am 1. November 2024 brach das Vordach des Bahnhofs von Novi Sad zusammen. Insgesamt starben 16 Menschen. Datum, Opferzahl und die anschließend landesweiten Proteste werden im Serbienbericht 2025 der EU-Kommission bestätigt. Die Katastrophe ist damit ein belastbar dokumentierter Ausgangspunkt der Protestbewegung, keine bloße Erzählung der im Film Befragten.
Die weitergehende Erzählung, das Unglück sei ein erwiesener Korruptionsfall durch Aufträge an unqualifizierte Firmen, braucht größere Vorsicht. Die EU-Kommission kritisiert fehlende Transparenz und die Umgehung von Beschaffungsgrundsätzen durch zwischenstaatliche Vereinbarungen. Solche dokumentierten Risiken sind ernst. Sie ersetzen aber weder ein Gutachten zur konkreten Einsturzursache noch den Beweis einer Bestechungszahlung oder der persönlichen Schuld eines bestimmten Amtsträgers. Der Vorwurf darf nicht allein durch Wiederholung zum abgeschlossenen juristischen Befund werden.
Dass die strafrechtliche Aufarbeitung praktisch ausgeblieben sei, wäre ebenfalls zu pauschal. Das Appellationsgericht Novi Sad veröffentlichte am 13. Juli 2026 eine konkrete Entscheidung: In seiner Sitzung vom 15. Juni bestätigte es die Anklage gegen weitere Beschuldigte, darunter den früheren Bauminister Goran Vesić, und wies Rechtsmittel anderer Verteidiger zurück. Die Bekanntmachung nennt insgesamt 13 Beschuldigte und den Vorwurf schwerer Gefährdung der allgemeinen Sicherheit, je nach Rolle in Verbindung mit weiteren Tatbeständen. Damit sind ein Verfahren und eine zugelassene Anklage nachweisbar. Eine bestätigte Anklage ist noch kein Schuldspruch.
Wie vollständig und unabhängig die Aufarbeitung ist, bleibt eine berechtigte Kontrollfrage. Man kann diese kritisieren, ohne bereits geführte Ermittlungen und Anklagen auszublenden. Die geprüfte Mitteilung belegt kein abschließendes Strafurteil gegen die genannten Personen. Ebenso wenig rechtfertigt sie ein pauschales Urteil über alle Auftragnehmer.
Für die zusätzliche lokale Behauptung, drei Opfer hätten aus Kać gestammt und die Studenten führten dort nun, lagen in den geprüften Unterlagen keine eigenständigen vollständigen Opfer- beziehungsweise Umfragedaten für das Dorf vor. Sie bleibt deshalb als Darstellung des ZDF-Beitrags kenntlich. Einzelne Haustürgespräche reichen nicht aus, um daraus ein örtliches Mehrheitsverhältnis abzuleiten.
Gewalt und Machtkonzentration: starke Belege, aber keine Allwissenheit
Die Vorwürfe über Gewalt gegen Protestierende stehen nicht allein im Raum. Der Menschenrechtskommissar des Europarats äußerte am 4. Juli 2025 ausdrücklich Sorge über übermäßige Polizeigewalt und willkürliche Festnahmen. Er kritisierte auch die Begnadigung von vier Personen, denen schwere Verletzungen zweier Studenten zur Last gelegt worden waren, und verlangte Ermittlungen gegen Gewalttäter. Das ist ein gewichtiger unabhängiger Bezugspunkt. Daraus folgt jedoch nicht der Beweis, Vučić habe jeden konkreten Übergriff persönlich angeordnet. Eine solche individuelle Befehlskette müsste gesondert nachgewiesen werden.
Der interviewte Professor beschreibt Serbien als Autokratie, in der ein Mann alle Entscheidungen treffe. Das ist eine politische Systembewertung mit einer zugespitzten Verallgemeinerung. Freedom House bewertet Serbien in Freedom in the World 2026 mit 53 von 100 Punkten als teilweise frei und beschreibt die Erosion politischer Rechte, Druck auf Medien und Opposition sowie politische Einflussnahme auf die Justiz. Der Bericht untersucht vor allem Entwicklungen von 2025. Er stützt ernsthafte Kritik an demokratischen Defiziten. Dass buchstäblich jede einzelne Entscheidung von einem Mann getroffen werde, belegt er nicht.
Auch der im Film geschilderte geeinte Gegenblock darf nicht mit der gesamten Opposition verwechselt werden. Der aktuelle ODIHR-Zwischenbericht vom 9. Oktober nennt 18 antretende Listen. Er beschreibt einen von zwei großen Lagern geprägten Wahlkampf und breite Unterstützung für die Studentenliste, zugleich aber weitere oppositionelle Wahlangebote. Die Studenten bündeln also Unterstützung; eine einzige gemeinsame Liste sämtlicher Gegner Vučićs gibt es nicht.
Persönliche Erfahrungen lassen sich nicht vollständig von außen bestätigen
Eine im Film befragte Juristin sagt, ihre Entlassung sei in Wahrheit wegen ihrer Unterstützung der Studenten erfolgt; offiziell sei sie mit Rationalisierung begründet worden. Ihre Darstellung ist eine relevante Zeugenaussage. Ein Arbeitsvertrag, der Kündigungsbescheid, die vollständige Arbeitgeberstellungnahme und ein abschließendes Urteil lagen für diese Prüfung jedoch nicht vor. Deshalb wird das politische Kündigungsmotiv nicht als erwiesen eingestuft. Auch eine gezielte jahrelange Prozessverschleppung in ihrem konkreten Fall ist durch die Interviewaussage allein nicht nachgewiesen. Das bedeutet nicht, dass ihre Schilderung falsch wäre.
Bei der wirtschaftlichen Belastung hilft eine klare Trennung: Das serbische Statistikamt meldete am 12. Oktober für September 2026 durchschnittlich 0,2 Prozent höhere Verbraucherpreise als im August. Das belegt einen weiteren monatlichen Anstieg des allgemeinen Preisniveaus. Es ist keine Jahresrate und kein Beleg dafür, dass jedes Produkt teurer wurde. Ob der konkrete Haushalt seine Hypothek oder Kinderaktivitäten nur knapp finanzieren kann, hängt zusätzlich von Einkommen, Haushaltsgröße und eigenen Ausgaben ab. Die Statistik kann diese persönliche Rechnung nicht bestätigen oder widerlegen.
Umgekehrt erklärt ein Unternehmer aus Kać, er habe rund 15.000 Euro Förderung erhalten und empfinde Dankbarkeit, keine Verpflichtung. Ohne Förderbescheid und einschlägige Vergabeunterlagen bleibt die konkrete Zahlung außerhalb seiner Darstellung nicht unabhängig nachgewiesen. Selbst ein belegter Zuschuss wäre für sich noch kein Stimmenkauf. Dafür müsste eine unzulässige Verknüpfung mit politischer Unterstützung nachgewiesen werden. Seine persönliche wirtschaftliche Zufriedenheit darf bestehen, ohne zum Beleg für den Wohlstand aller Menschen in Serbien zu werden.
Die Warnung, die Wirtschaft werde bei einem Sieg der Studenten untergehen, ist schließlich eine Zukunftsbehauptung. Der Beitrag liefert dafür weder ein überprüfbares Szenario noch eine belastbare Berechnung. Sie ist keine feststehende Tatsache – genauso wenig wie das gegenläufige Versprechen, ein Regierungswechsel werde die Probleme automatisch lösen.
Medienmacht und Druck: überprüfbare Befunde statt pauschaler Verdächtigung
Die systematischen Vorteile des Regierungslagers lassen sich konkreter prüfen. CRTA untersuchte die Berichterstattung kommerzieller Sender mit landesweiter Reichweite und von RTS 1 vom 21. bis 27. September. Laut veröffentlichtem Medienmonitoring entfielen 75 Prozent der politischen Sendezeit auf Regierungsvertreter und 25 Prozent auf die Opposition. Vučić allein erhielt 60 Prozent. Diese Zahlen betreffen das untersuchte Fernsehangebot in genau dieser Woche, nicht sämtliche Medien oder den kompletten Wahlkampf. Sie stützen die Kernaussage erheblicher ungleicher Sichtbarkeit.
Im Wahlkampfbericht vom 8. Oktober beschreibt CRTA dokumentierten Druck bei Unterstützungsunterschriften sowie Verdachtsfälle, in denen Geld, Hilfe, Arbeit oder öffentliche Leistungen mit politischer Unterstützung verbunden wurden. ODIHR verweist ebenfalls auf ungelöste Empfehlungen zu Einschüchterung, öffentlichen Ressourcen und Medienaufsicht. Das sind konkrete institutionelle Befunde und begründete Verdachtslagen. Sie erlauben keine Aussage, jeder geförderte Unternehmer oder jeder Regierungswähler sei gekauft oder eingeschüchtert. Über tatsächliche Straftaten entscheiden die zuständigen Gerichte.
Fazit: ernsthafter Wettbewerb, offener Ausgang
Der ZDF-Beitrag zeigt eine reale politische Bewegung vor einer tatsächlich angesetzten Wahl. Seine zentralen Sorgen über demokratische Defizite werden von unabhängigen Analysen gestützt. Bei Umfragen, Korruptionsursachen und persönlicher Verantwortung endet die gesicherte Aussage aber früher als manche zugespitzte Formulierung. Vučićs Rücktritt, der formelle Parteivorsitz und die parlamentarische Regierungswahl gehören zum notwendigen Kontext.
Wer am 25. Oktober die meisten Stimmen bekommt und anschließend eine Regierung bilden kann, steht am Faktenstand dieses Artikels noch nicht fest. Das sachgerechte Ergebnis lautet deshalb: Viele Kernaussagen sind belegt; für einen sicheren Wahlsieg oder pauschale strafrechtliche Urteile reichen sie nicht.
