Der erste Nord-Stream-Strafprozess hat begonnen. Damit ist die Täterfrage noch nicht entschieden. Am 14. Oktober 2026 stand der ukrainische Staatsangehörige Serhii K. vor dem Hanseatischen Oberlandesgericht Hamburg. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm eine führende Beteiligung an der Sprengung der Ostsee-Pipelines vor. Der SZ-Podcast beschreibt belastende Indizien und eine mögliche ukrainische Befehlskette. Was davon ist öffentlich belegt?
Die wichtigste Unterscheidung lautet: Belegt sind die Anklage, gerichtlich geprüfter Tatverdacht und der Prozessauftakt. Die individuelle Schuld und konkrete politische Auftraggeber bleiben Gegenstand der Aufklärung. Prüfstand ist der 14. Oktober 2026. Grundlage ist das vollständige SZ-Original von 13:38 Minuten; dieser Faktencheck behandelt das Nord-Stream-Gespräch bis 11:14. Die anschließenden Kurznachrichten über Sachsen-Anhalt und die Zuckersteuer sind eigenständige Themen.
Was am ersten Verhandlungstag passiert ist
Das Oberlandesgericht hatte die Hauptverhandlung für den 14. Oktober angesetzt. Dass sie tatsächlich begonnen hat, bestätigt die aktuelle NDR-Gerichtsberichterstattung. Der Angeklagte äußerte sich demnach nicht zur Sache. Seine Verteidigung fordert eine Einstellung des Verfahrens und verweist unter anderem auf militärische Geheimhaltungspflichten und eine fehlende Aussagegenehmigung. Das ist die Position der Verteidigung; eine entsprechend erfolgte Einstellung ergibt sich aus den geprüften Berichten nicht.
Die Anklage wurde bereits am 30. Juni 2026 erhoben und am 2. Juli öffentlich bekannt gemacht. Sie umfasst den Vorwurf der Mittäterschaft an einem Kriegsverbrechen durch Angriff auf zivile Objekte, das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, die Zerstörung von Bauwerken und die Störung öffentlicher Betriebe. Die amtliche Mitteilung der Bundesanwaltschaft bestätigt diese Vorwürfe. Sie bezeichnet Serhii K. als hinreichend verdächtig und gibt die Darstellung der Anklage wieder.
Ein Eröffnungsbeschluss setzt nach § 203 Strafprozessordnung hinreichenden Tatverdacht voraus. Untersuchungshaft verlangt nach § 112 StPO dringenden Tatverdacht und einen Haftgrund. Beides sind rechtlich bedeutsame Prüfungen, aber kein Schuldspruch. Für den Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung aus Artikel 6 Absatz 2 der Menschenrechtskonvention. Der Satz im Podcast, die Ermittler seien sich sicher, beschreibt deshalb deren Überzeugung, nicht den Ausgang des Prozesses.
Vier Rohrstränge – und schon vor der Sprengung kein Lieferbetrieb
Nord Stream 1 und Nord Stream 2 bestehen aus insgesamt vier Rohrsträngen. Die vereinfachte Ortsangabe des Podcasts stimmt jedoch nicht für beide Systeme: Nord Stream 1 beginnt bei Wyborg/Vyborg, Nord Stream 2 in der Narva-Bucht bei Ust-Luga. Beide führen nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Das dokumentiert das zuständige Bergamt Stralsund. Die im Beitrag genannten rund 80 Meter beziehen sich auf das betroffene Seegebiet; der BGH beschreibt dort 70 bis 80 Meter Wassertiefe.
Besonders wichtig ist die zeitliche Reihenfolge. Laut Bundesnetzagentur vom 28. September 2022 wurde über Nord Stream 1 schon seit Anfang September kein Gas mehr geliefert. Nord Stream 2 hatte den kommerziellen Lieferbetrieb überhaupt nicht aufgenommen. Die Röhren waren trotzdem mit Gas gefüllt, das nach den Explosionen austrat. Die Sprengung beschädigte die Infrastruktur und verhinderte deren Nutzung; sie stoppte keine bis zum 26. September fortgesetzte Lieferung. Aus fehlenden unmittelbaren Lieferausfällen folgt umgekehrt nicht, dass die Zerstörung ohne Schaden gewesen wäre.
Sabotage ist belegt – die Zuordnung zu Personen verlangt weitere Beweise
Dass die Schäden durch vorsätzliche Sabotage entstanden, bestätigten auch Kopenhagener Polizei und dänischer Sicherheitsdienst PET. Nach dem öffentlich vorliegenden BGH-Beschluss StB 60/25 wurden am 26. September 2022 beide Stränge von Nord Stream 1 und ein Strang von Nord Stream 2 beschädigt. Der Beschluss erläutert seismologische Aufzeichnungen, Untersuchungen der Schadensstellen und Sprengstoffspuren an geborgenen Metallteilen.
Die Formulierung im Podcast, Ermittler hätten Sprengsätze mit Zeitzündern entdeckt, verkürzt diesen Nachweis. Die veröffentlichten Unterlagen beschreiben Spuren, Schadensbilder und die Rekonstruktion des Anbringens und Zündens der Ladungen. Sie belegen in den hier geprüften Passagen keinen Fund noch intakter Sprengsätze. Die Anklage beschreibt zeitgesteuerte Detonationen. Das unterscheidet den rekonstruierbaren Tatablauf von einer pauschalen Behauptung über aufgefundene Bomben.
Was Serhii K. vorgeworfen wird
Nach der amtlichen Anklagedarstellung war Serhii K. 2022 Offizier der ukrainischen Armee. Er soll zusammen mit weiteren Militärangehörigen einen Anschlagsplan entwickelt und eine Gruppe aus Tauchern, einem Skipper und einem Sprengstoffexperten geführt haben. Die angemietete Segelyacht Andromeda spielt auch im BGH-Beschluss eine zentrale Rolle. Die Koordinierungsfunktion wird dort aus mehreren Umständen hergeleitet; sie ist keine im Prozess bereits bewiesene Tatsache.
Die Zahl sieben hat eine öffentliche Grundlage: Der BGH beschreibt den Beschuldigten und sechs weitere Beteiligte. Die Bezeichnung sieben Männer ist dagegen problematisch. Der veröffentlichte Anklagebericht des Rechercheverbunds führt auch eine Taucherin auf. Präzise ist deshalb die Bezeichnung sieben Personen beziehungsweise eine siebenköpfige Gruppe nach Ermittlungsdarstellung. Die weiteren Beteiligten sind in diesem Verfahren nicht allein durch ihre Erwähnung rechtskräftig als Täter festgestellt.
Die Angaben, Serhii K. sei vierfacher Vater und heute Energieunternehmer, finden sich ebenfalls im publizierten Recherchebericht. Sie sind biografischer Hintergrund, kein Beleg für eine Beteiligung an der Tat. Persönliche Register oder seine vollständige berufliche Dokumentation liegen dieser Prüfung nicht zugrunde.
Welche Indizien öffentlich nachvollziehbar sind
Bei den Grenzübertrittsdaten ist die Darstellung des Podcasts im Kern durch den BGH-Beschluss (Randnummern 17 bis 20) gestützt. Der Senat nennt polnische Kontrolldaten, die Aussage eines gewerblichen Transporteurs und Lichtbildgutachten. Ein unter falscher Personalie verwendetes Passfoto sei mit Bildern aus späteren Grenzkontrollen verglichen worden. Diese Kombination begründet aus Sicht des Gerichts den dringenden Verdacht, dass der Beschuldigte zur relevanten Besatzung gehörte. Auch Sprengstoffspuren auf der Yacht werden im Beschluss erläutert. Die öffentlich dargestellten Belege gehen damit über eine bloße Vermutung nach Staatsangehörigkeit hinaus.
Bei der Sportuhr muss genauer formuliert werden: Der publizierte Anklagebericht beschreibt fehlende Aufzeichnungen während der fraglichen Septemberwochen. Der Podcast nennt sie ausgeschaltet. Eine Datenlücke und ein nachgewiesenes absichtliches Abschalten sind unterschiedliche Aussagen. Die vollständigen Gerätedaten und Gutachten sind nicht öffentlich zugänglich. Welche Erklärung die Lücke hat und welches Gewicht sie trägt, lässt sich aus der Berichterstattung allein nicht entscheiden.
Entsprechendes gilt für das Handy. Laut Recherchebericht fanden Ermittler Informationen zu Pipelines, Wassertiefen, Koordinaten und kritischer Infrastruktur. Die Bezeichnung als Täterwissen ist die Bewertung des Interviewgasts. Öffentlich bekannte technische Informationen wären für sich allein noch kein exklusives Wissen des Täters. Ohne vollständige Daten, Entstehungszeitpunkte und Kontext lässt sich hier nicht unabhängig feststellen, welche Inhalte nur Beteiligte kennen konnten. Das entwertet nicht automatisch die übrigen Indizien.
Telefonate: belastender Anklagebericht, keine vollständige öffentliche Aufnahme
Die Festnahme in der italienischen Provinz Rimini am 21. August 2025 und die Überstellung nach Deutschland am 27. November 2025 sind amtlich bestätigt. Die im Podcast beschriebenen Gespräche mit seiner Frau stammen dagegen aus journalistischen Berichten über die Anklageschrift. Danach sprach Serhii K. für eine öffentliche Erklärung, die den militärischen Charakter der Operation verdeutlichen sollte.
Diese Wiedergabe kann ein belastendes Indiz beschreiben. Sie ersetzt jedoch weder die vollständigen Aufnahmen noch die gerichtliche Prüfung von Übersetzung, Zusammenhang und Bedeutung. Evidico hat keine vollständige Anklageschrift oder Originalaufzeichnung dieser Gespräche eingesehen. Auch die allgemeine Aussage, das Abhören solcher Gespräche sei in Italien Standard, ist ohne präzise Rechtsgrundlage und Abgrenzung nicht durch die geprüften Primärbelege bestätigt.
Schließen sichtbare Fehler eine organisierte Operation aus?
Diehl schildert seine Rechercheerfahrung, wonach Geheimdienstoperationen keineswegs fehlerfrei ablaufen. Das ist eine Einschätzung, keine statistische Untersuchung. Für diesen Fall beschreibt der BGH zugleich Verschleierungsmaßnahmen, militärisch verwendete Sprengstoffe und erforderliche Tauchkenntnisse. Der Schluss, eine scheinbar ungeschickte Reise oder eine Datenspur widerlege eine organisierte Operation, wäre daher nicht belastbar. Ebenso wenig beweist Professionalität allein einen bestimmten Auftraggeber.
Staatlicher Auftrag: amtlicher Vorwurf, keine endgültige Zurechnung
Hier hat der Podcast eine starke öffentlich überprüfbare Grundlage: Die Bundesanwaltschaft behauptet in ihrer Mitteilung vom 2. Juli einen Auftrag staatlicher Stellen in der Ukraine. Auch der BGH hielt in seiner Haftentscheidung einen fremdstaatlichen Auftrag für hochwahrscheinlich. Die staatliche Steuerung ist damit eine ernsthafte, begründete Verdachtsthese. Eine Anklage gegen einen einzelnen Offizier ist dennoch kein rechtskräftiger Schuldspruch gegen einen Staat oder dessen Präsidenten.
Der Beitrag ordnet eine mögliche Kenntnis des damaligen Armeechefs Walerij Saluschnyj den Recherchen des Verbunds zu und nennt dessen Dementi. Ob Wolodymyr Selenskyj informiert war, bezeichnet Diehl ausdrücklich als unbekannt. Auch Selenskyjs Zurückweisung einer ukrainischen Beteiligung wird im veröffentlichten Anklagebericht wiedergegeben. Die geprüfte amtliche Anklagemitteilung nennt diese beiden Personen nicht als festgestellte Auftraggeber. Kenntnis, Zustimmung, Befehl und individuelle Tatbeteiligung dürfen nicht gleichgesetzt werden.
Die Vermutung, interne Konflikte mit der politischen Führung könnten erklären, warum diese nicht informiert gewesen sei, wird im Podcast selbst als Plausibilität eingeordnet. Öffentlich prüfbare Befehle oder vollständige Kommunikationsketten belegen diese Erklärung hier nicht. Sie ist weder ein Nachweis für Selenskyjs Kenntnis noch für seine Unkenntnis.
Warum der Hinweis auf einen militärischen Auftrag nicht alles entscheidet
Die Verteidigung bestreitet die belastende Beweiswürdigung und stellt die Rechtmäßigkeit des Angriffs zur Diskussion. Bereits im Haftverfahren hatte sie funktionelle Immunität geltend gemacht; die rechtliche Prüfung steht im BGH-Beschluss ab Randnummer 23. Der BGH hielt dieses Hindernis in der konkreten Konstellation nicht für gegeben. Er betonte außerdem den Schutz ziviler Infrastruktur: Dass Russland mit Gas Einnahmen erzielen konnte, machte die Leitungen nach seiner damaligen Bewertung nicht automatisch zu zulässigen militärischen Zielen.
Auch hierbei bleibt der Verfahrensstand wichtig. Der BGH entschied über Untersuchungshaft und ließ die zusätzliche Frage eines dringenden Kriegsverbrechensverdachts an der betreffenden Stelle ausdrücklich offen. Die später erhobene und zugelassene Anklage enthält diesen Vorwurf. Wer daraus eine schon erfolgte Verurteilung wegen eines Kriegsverbrechens macht, überspringt die Hauptverhandlung.
Deutschlands Rolle: zwei Aussagen sind zu weit gefasst
Erstens war 2022 nicht das erste Mal, dass Deutschland Waffen in ein Kriegsgebiet lieferte. Der Bundestag dokumentiert Lieferungen an die Peschmerga im Irak seit September 2014. Die umfangreiche Ukraine-Unterstützung bedeutete eine gewichtige politische Veränderung; die historische Aussage des Podcasts ist in ihrer allgemeinen Form trotzdem falsch.
Zweitens bezeichnet Diehl die Ukraine als vollständig auf Deutschland angewiesen. Die aktuelle EU-Mitteilung zur Ukraine-Finanzierung belegt gemeinsame europäische Finanzierung und zusätzliche Beiträge anderer Staaten. Diese Mehrgeberstruktur ist wichtiger Kontext, beweist aber nicht, dass deutsche Hilfe ersetzbar wäre. Dafür müsste geprüft werden, welche militärischen und finanziellen Bedarfslücken bei einem deutschen Ausfall entstünden und ob andere Partner diese rechtzeitig schließen könnten. Eine solche Bedarfs- und Ersatzfähigkeitsrechnung liegt dieser Prüfung nicht vor. Das Ausmaß der Abhängigkeit lässt sich damit weder bestätigen noch widerlegen; Diehls Aussage bleibt eine politische Einschätzung.
Dass Berlin am Ende lediglich symbolisch reagieren werde und die Unterstützung praktisch nicht einstellen könne, ist Diehls politische Prognose. Sie ist keine im Strafverfahren festgestellte Konsequenz. Das Gericht grenzt seine Aufgabe in der Entscheidung über die Nebenklagen selbst ein: Im Mittelpunkt stehen Tat und Schuld des Angeklagten, nicht eine umfassende Aufarbeitung sämtlicher politischer und staatlicher Verantwortlichkeiten.
Was der Prozess klären muss
Die öffentlichen Dokumente beschreiben einen konkreten und bereits gerichtlich geprüften Tatverdacht. Entscheidend bleiben die belastbaren Beweise für Serhii K.s tatsächliche Rolle, die Würdigung der Gegenargumente und die rechtliche Einordnung des Angriffs. Für konkrete Befehle der ukrainischen Führung reicht die geprüfte öffentliche Dokumentation nicht zu einer abschließenden Feststellung. Sabotage, individuelle Täterschaft und politische Verantwortung sind drei Fragen, deren Belege sorgfältig auseinandergehalten werden müssen.
