Abwärme aus einem Rechenzentrum kann Häuser heizen. Sie macht den Strombedarf der Server aber nicht rückgängig. Genau diese Unterscheidung entscheidet darüber, wie man das Mainzer Projekt Green Rocks und die Klimabilanz wachsender KI-Infrastruktur beurteilt. Die KlimaZeit zeigt sinnvolle technische Ansätze, vermischt an einigen Stellen jedoch Planungsziele, Betriebszustände und pauschale Aussagen über Computerchips.
Geprüft wurde der zusammenhängende Rechenzentrumsblock von ungefähr 00:13 bis 06:51 in der Originalsendung vom 16. Oktober 2026, einschließlich des Interviews mit Wolfgang Maaß vom DFKI. Die späteren Beiträge zu Futteralgen und zum Treibhauseffekt sind nicht Teil dieses Checks. Quellenstand ist der 16. Oktober; die tatsächliche künftige Auslastung und Wärmelieferung eines noch entstehenden Campus lassen sich heute nicht messen.
Mehr Strom als Berlin: Die Größenordnung stimmt, die Bezugsjahre fehlen
Die Sendung vergleicht den jährlichen Bedarf deutscher Rechenzentren mit mehr als dem Anderthalbfachen Berlins. Die Originalveröffentlichung der Bitkom-/Borderstep-Studie schätzt für 2025 einen Verbrauch von 21,3 Milliarden Kilowattstunden, also 21,3 Terawattstunden. Für 2024 nennt sie 20 Terawattstunden. Gemeint sind alle erfassten Rechenzentren, nicht ausschließlich KI-Anwendungen.
Stromnetz Berlin nennt eine Jahresstrommenge von 12,3 Terawattstunden für 2024. Selbst der Vergleich der beiden 2024-Werte ergibt rund 1,63; 21,3 geteilt durch 12,3 ergibt rund 1,73. Die Größenordnung trägt deshalb. Es ist aber kein exakt gleich abgegrenzter, aktueller Verbrauchsvergleich für 2026: Branchenmodell, Jahr und Netzkennzahl müssen benannt werden. Strom ist zudem nur ein Teil des gesamten Energieverbrauchs einer Stadt. Aus diesem Vergleich folgt keine Bilanz jeder einzelnen KI-Frage.
Verdoppeln bis 2030: ein Ziel für Anschlussleistung
Die Rechenzentrumsstrategie der Bundesregierung sieht gegenüber 2025 mindestens eine Verdopplung der IT-Anschlussleistung bis 2030 vor. Für High Performance Computing und KI ist mindestens eine Vervierfachung vorgesehen. Die Aussage der Sendung trifft damit ein reales politisches Ziel. Sie beschreibt weder bereits fertiggestellte Gebäude noch eine garantierte Verdopplung des jährlichen Stromverbrauchs. Anschlussleistung wird in Watt gemessen, Verbrauch über einen Zeitraum in Wattstunden; Auslastung und Effizienz beeinflussen den Zusammenhang.
Green Rocks: Das erste Gebäude ist geplant, keine fertige Klimabilanz
Der Betreiber KMW nennt für den ersten Bauabschnitt auf der Ingelheimer Aue das vierte Quartal 2026. Drei Gebäude und 80 Megawatt Gesamtleistung gehören zum Gesamtprojekt. Das passt zur Ankündigung eines Starts Ende des Jahres, belegt aber keine bereits erreichte Vollauslastung. KMW nennt neben Rheinwasserkühlung auch Dachkühlung und die Auskopplung von Fernwärme. Welche Anteile diese Verfahren im Jahresbetrieb übernehmen, wäre an Betriebsdaten zu prüfen.
Die Nähe zum Frankfurter Netzknoten ist nachvollziehbar: DE-CIX bezeichnet Frankfurt als Europas größten Internetknoten. Auch der geplante Campus im Rhein-Selz-Park bei Nierstein ist dokumentiert. Die zwei in der Sendung genannten Großprojekte dürfen jedoch nicht als vollständiges amtliches Verzeichnis sämtlicher bestehender und geplanter Rechenzentren in Rheinland-Pfalz gelesen werden.
Von rund 30 Grad ins Wärmenetz: technisch plausibel, noch ein Vorhaben
Die technischen Eckdaten der geplanten Großwärmepumpe nennen einen Temperaturhub von ungefähr 30 Grad auf bis zu 125 Grad Celsius und zunächst 30 Megawatt Wärmeleistung. Die im Film genannten 110 Grad widersprechen dieser Obergrenze nicht. Entscheidend ist der Prozess: Niedertemperaturwärme wird durch die Wärmepumpe für das Fernwärmenetz nutzbar gemacht. Dafür wird zusätzlich Strom benötigt.
Die Projektmitteilung zur Wärmepumpe beschreibt Entwurfs- und Genehmigungsplanung. Das ist ein konkreter Ansatz zur Wärmerückgewinnung, kein Beleg für heute gelieferte Jahreswärmemengen. Wie viel fossile Wärme tatsächlich ersetzt wird, hängt unter anderem von Auslastung, Wärmebedarf, Netzanbindung und dem Strom für die Pumpe ab. Abwärmenutzung und ein sinkender Gesamtstromverbrauch sind zwei verschiedene Ergebnisse.
Das Gaskraftwerk ist nicht nur ein Notstromgerät
KMW bestätigt den Erdgasbetrieb und eine Doppelfunktion: Ersatzversorgung für das Rechenzentrum sowie ein Einsatz für den Strommarkt und die Netzstabilität. Die Fragen und Antworten des Betreibers stützen insoweit die Darstellung der Sendung. Die Mitteilung zur Genehmigung vom Juli dokumentiert das Projekt zusätzlich. Daraus folgt weder, dass nur bei einem Stromausfall Gas verbrannt wird, noch dass der gesamte Campus laufend ausschließlich aus Erdgas versorgt werden soll.
Auch „wasserstofffähig“ braucht ein Zeitwort. KMW beschreibt eine spätere Aufrüstung und macht den Einsatz von der Verfügbarkeit des Energieträgers abhängig; Wasserstoff war nicht Gegenstand der bisherigen Antragstellung, eine zusätzliche Beantragung wäre erforderlich. Ein mögliches späteres Umstellen belegt daher weder heutigen Wasserstoffbetrieb noch bereits erreichte Klimaneutralität. Die Klimawirkung des künftigen Brennstoffs müsste gesondert geprüft werden.
„GPUs laufen immer unter Volllast“ ist zu pauschal
Die Aussage im Interview ist als allgemeine technische Behauptung nicht haltbar. NVIDIA beschreibt selbst die Erfassung von Leerlaufphasen und unterschiedlicher GPU-Auslastung in Rechenclustern. Auch ein eingeschalteter Chip muss nicht ständig voll rechnen. Umgekehrt bedeutet geringe Rechenauslastung nicht automatisch, dass kein Strom verbraucht wird. Ein einzelner Prozentwert für sämtliche Rechenzentren lässt sich aus diesem Beispiel nicht ableiten.
Effizientere Kühlung, Hardware und Software sind reale Forschungsfelder. Das DFKI-Projekt ESCADE untersucht unter anderem neuromorphe Hardware. Solche Ansätze sind ein Potenzial, keine heute verfügbare, universelle Austauschlösung für jede GPU-Aufgabe. Wie groß ein Gewinn ausfällt, muss für vergleichbare Anwendungen und Systemgrenzen gemessen werden. Die pauschale Charakterisierung der gesamten Branche als vor allem leistungsorientiert ist eine Einordnung des Experten, keine repräsentative Messung aller Betreiberentscheidungen.
Mehr Effizienz kann mit mehr Gesamtverbrauch zusammenfallen
Die aktualisierte IEA-Analyse von 2026 sieht deutlich sinkenden Energieaufwand pro KI-Aufgabe, gleichzeitig aber zunehmende Nutzung und anspruchsvollere Anwendungen. Sie schätzt weltweit 485 Terawattstunden Rechenzentrumsstrom für 2025 und projiziert im zentralen Szenario ungefähr 950 Terawattstunden 2030. Der erste Wert ist eine Schätzung für ein vergangenes Jahr, der zweite eine Projektion für alle Rechenzentren.
Der Kern der Warnung trägt: Effizienz pro Aufgabe garantiert keinen sinkenden Gesamtverbrauch. „Alles Eingesparte erzeugt neue Nutzung“ wäre als allgemeines Gesetz allerdings zu stark. Die IEA trennt Effizienz, Nutzung und veränderte Aufgaben; aus steigendem Gesamtverbrauch allein lässt sich nicht messen, welcher Anteil gerade durch günstigere Rechenarbeit zusätzlich ausgelöst wurde. Ein Rebound ist eine mögliche Wirkung, keine hier nachgewiesene vollständige Aufzehrung jeder Einsparung.
Was sich schon sagen lässt
Das Mainzer Beispiel zeigt, worauf eine faire Prüfung achten muss: Ein nutzbarer Wärmeweg ist ein Vorteil, ein zukünftiger Brennstoff bleibt ein Plan, und ein effizienter Chip kann in einem wachsenden Markt trotzdem mit höherem Gesamtbedarf einhergehen. Für ein abschließendes Nachhaltigkeitsurteil fehlen belastbare Betriebsdaten und eine einheitliche Gesamtbilanz. Das macht die technischen Ansätze nicht wertlos. Es setzt dem heutigen Urteil eine nachvollziehbare Grenze.
