KI kann Lernen und geübte Fähigkeiten beeinträchtigen, wenn sie die eigene Auseinandersetzung ersetzt. Ein allgemeines Verlernen des Denkens ist damit nicht bewiesen. In der besprochenen Folge von „Lanz + Precht“ treffen nachvollziehbare Warnungen auf verkürzte Studienbeschreibungen. Besonders die Krebsdiagnostik wird mit einer falschen Bezugsgröße erklärt. Bei den Londoner Taxifahrern wird eine Veränderung im MRT als Nachweis neuer Nervenzellen ausgegeben. Und hinter den Lernzahlen von 64 und 30 Prozent steckt ein enger gefasster Versuch, als die Darstellung über Kinder vermuten lässt.
Grundlage ist der vollständige ZDF-Videopodcast „Verlernen wir das Denken?“, Folge 267, vom 16. Oktober 2026 mit 61 Minuten Laufzeit. Markus Lanz und Richard David Precht sprechen über Gehirn, Erinnerung, die Geschichte des Denkens und Prechts Vater; erst im letzten Teil stehen mehrere konkrete Studien im Mittelpunkt. Sie beschreiben KI zugleich als mögliches Hilfsmittel. Wir prüfen die wesentlichen empirischen Aussagen und unterscheiden sie von persönlichen Erfahrungen, philosophischen Deutungen und Zukunftsprognosen. Recherchestand: 18. Oktober 2026.
A · Die Möglichkeit des Abschaltens beweist keine allgemeine Sicherheit
Bereits bei 03:00–03:34 wird aus dem Abschalten der Stromversorgung abgeleitet, ein katastrophales KI-Szenario gebe es nicht. Die Gesprächspartner ergänzen selbst, dass gesellschaftliche Abhängigkeit ein Abschalten erschweren könnte. Die pauschale Entwarnung geht dennoch über den Forschungsstand hinaus: Der International AI Safety Report 2026, Abschnitt zum Kontrollverlust beschreibt große Unsicherheit und stark unterschiedliche Experteneinschätzungen. Er unterscheidet heutige Fehlfunktionen von hypothetischen künftigen Systemen mit erheblich weitergehenden Fähigkeiten. Eine Katastrophe ist dadurch ebenso wenig nachgewiesen wie grundsätzlich ausgeschlossen. Aus einer technischen Abschaltmöglichkeit allein folgt keine belastbare Aussage über sämtliche künftigen Einsatzbedingungen.
B · Rund 20 Watt sind eine Größenordnung des Energieverbrauchs
Die Angabe von etwa 20 Watt bei 04:34–04:46 ist als grobe Größenordnung verbreitet und plausibel. „Denkleistung“ ist dafür jedoch ein missverständliches Wort. Gemeint ist der Energieumsatz des gesamten Gehirns, einschließlich Signalübertragung und anderer biologischer Vorgänge. Eine Energiebilanz in PNAS trennt diese Anteile ausdrücklich. Die Zahl misst weder die Intelligenz einer Person noch die Leistung bewussten Nachdenkens. Auch der Vergleich mit einem Backofen erklärt deshalb nicht, wie Gedanken entstehen.
C · Gedanken sind keine Gegenstände, ihre biologischen Spuren aber untersuchbar
Zwischen 05:05 und 07:51 wird das Gehirn als Zusammenspiel von Nervenzellen beschrieben; Gedanken ließen sich darin nicht wie Gegenstände finden. Als Bild ist das hilfreich. Wörtlich wäre die Vorstellung, Gedächtnis sei biologisch nirgends greifbar, zu stark. In Experimenten mit Mäusen lassen sich beim Lernen beteiligte Zellgruppen markieren und später so aktivieren, dass eine gelernte Furchtreaktion wieder auftritt. Das ist ein begrenzter Nachweis einer Gedächtnisspur, kein vollständiges Auslesen einer menschlichen Erinnerung.
Auch die Absage an die einzelne „Großmutterzelle“ braucht eine Nuance: Messungen beim Menschen fanden einzelne Nervenzellen, die selektiv auf verschiedene Bilder derselben Person reagierten. Das beweist keine einzige, ausschließlich für diese Person zuständige Speicherzelle. Es zeigt aber, dass verteilte Verarbeitung und spezialisierte Einzelreaktionen zusammenpassen. Die im Gespräch erwähnten Aplysia-Arbeiten Eric Kandels belegen ebenfalls konkrete Mechanismen einfacher Lernformen. Offene Fragen über Bewusstsein und Verstehen machen solche Erkenntnisse nicht bedeutungslos.
D · Die Sorge um kulturellen Verlust ist eine Deutung
Die lange Passage über Verstehen, Lesen und Prechts Vater bildet den gedanklichen Kern des Gesprächs. Später, besonders bei 33:07–34:42, befürchtet Precht, sofort verfügbare KI-Erklärungen könnten persönliche Reifung und Urteilskraft verdrängen. Das ist eine gesellschaftliche These, kein gemessenes Ergebnis über eine ganze Generation. Der Wert langsamen Nachdenkens oder einer reichen inneren Welt lässt sich nicht aus einer einzelnen Laboraufgabe ablesen.
Der Fachbegriff kognitives Auslagern beschreibt zunächst, dass äußere Hilfen Verarbeitungsanforderungen verringern. Ein Kalender, eine Notiz und eine KI-Antwort können dabei sehr Unterschiedliches leisten. Entscheidend für den Lernverlust ist, welche eigene Tätigkeit wegfällt und was anschließend ohne Hilfe noch gelingt. Dafür liefern die folgenden Studien konkrete Hinweise. Sie beantworten keine umfassende Frage nach kulturellem Fortschritt oder Rückschritt. Prechts Erinnerungen an seinen Vater, die Naturerlebnisse und seine Zweifel am Empathiegewinn sind als persönliche Perspektiven zu lesen.
E · Die 22-Prozent-Zahl ist keine Quote erkannter Krebsfälle
Bei 48:21–49:04 erklärt Lanz, Ärzte hätten nach drei Monaten KI-Nutzung ohne Hilfe Krebserkrankungen nur noch in 22 statt zuvor 27 Prozent der Fälle erkannt. Die zugrunde liegende Beobachtungsstudie berichtet tatsächlich 28,4 und 22,4 Prozent. Entscheidend ist der Nenner: Gemessen wurde der Anteil aller Darmspiegelungen mit mindestens einem Adenom; die Studiendefinition zählt auch Krebsfunde dazu. Adenome sind mögliche Krebsvorstufen. Diese Adenomdetektionsrate beschreibt keine Trefferquote unter bereits erkrankten Menschen.
Untersucht wurden 1.443 Darmspiegelungen ohne KI, ausgeführt von 19 Untersuchern in vier polnischen Zentren, vor und nach der Einführung eines Assistenzsystems. Der Rückgang um sechs Prozentpunkte ist ein ernstzunehmendes Warnsignal. Der rückblickende Vergleich beweist jedoch weder einen dauerhaften Verlust ärztlicher Fähigkeiten noch, dass KI die Ursache eindeutig erklärt. Aufmerksamkeit und Engagement wurden damit nicht unmittelbar gemessen.
F · Daraus folgt kein baldiger Ersatz der gesamten Darmdiagnostik. Prechts anschließende Prognose bei 49:04–49:43 überschreitet den untersuchten Bereich. Ein System, das bei der Polypensuche unterstützt, ist keine eigenständig arbeitende vollständige Diagnostik.
Hinzu kommt ein neuerer Befund: Eine 2026 veröffentlichte prospektive Studie beobachtete 13 Untersucher bei 5.013 Koloskopien vor, während und nach dem KI-Einsatz. Nach dessen Ende fand sie keinen signifikanten Kompetenzgewinn oder -verlust. Ihr Hauptmaß war die Entdeckung mindestens eines Polypen ab fünf Millimetern; sie ist deshalb keine unmittelbare Wiederholung der ersten Studie. Zusammen zeigen die Arbeiten, dass Auswirkungen auf ärztliche Fähigkeiten weiter geprüft werden müssen. Ein allgemeiner, unvermeidlicher Abbau steht damit nicht fest.
G · Taxifahrer: Veränderung der grauen Substanz ist keine Zählung neuer Nervenzellen
Bei 49:53–50:16 beschreibt Lanz das intensive räumliche Training Londoner Taxifahrer und sagt, dabei seien neue Nervenzellen entstanden. Die bekannte Forschung belegt etwas anderes: In einer vierjährigen Längsschnittuntersuchung nahm bei erfolgreichen Taxi-Anwärtern das Volumen grauer Substanz im hinteren Hippocampus zu; bei nicht erfolgreichen Anwärtern und der Kontrollgruppe wurde diese Veränderung nicht beobachtet.
Das stützt die Anpassungsfähigkeit des erwachsenen Gehirns durch langes Lernen. Ein strukturelles MRT zählt aber keine neu gebildeten Nervenzellen. Der Befund erlaubt daher nicht, die Volumenänderung eindeutig auf diesen Mechanismus zurückzuführen. Ebenso wenig zeigt die Taxifahrerstudie, dass spätere Navi-Nutzung genau diesen Effekt umkehrt.
H · Beim Navi gibt es Hinweise auf schwächeres räumliches Lernen
Die anschließende Warnung bei 50:16–50:34 hat eine empirische Grundlage. Dahmani und Bohbot untersuchten 50 Personen und fanden Zusammenhänge zwischen stärkerer GPS-Nutzung und schwächeren Leistungen beim selbstständigen räumlichen Navigieren. Nur 13 nahmen nach drei Jahren erneut teil; auch dort hing mehr Nutzung mit ungünstigerer Entwicklung zusammen.
Diese kleine Beobachtungsstudie macht einen möglichen Übungs- und Aufmerksamkeitseffekt plausibel. Sie ist kein Beleg, dass jede Navi-Nutzung zwangsläufig die Orientierung verschlechtert oder die allgemeine Intelligenz sinkt. Nutzungsweise, Versuchsumgebung und kleine Nachuntersuchung begrenzen die Übertragbarkeit.
I · Autopiloten: Bestimmte kognitive Fertigkeiten brauchen aktive Übung
Der Satz, Piloten flögen durch immer mehr Autopilot irgendwann schlechter, ist zu pauschal. Ein einschlägiger Simulatorversuch mit 16 Verkehrspiloten fand weitgehend erhaltene Fähigkeiten bei Handsteuerung und Instrumentenbeobachtung. Häufigere Probleme traten bei bestimmten kognitiven Aufgaben auf, etwa beim Verfolgen der Flugzeugposition ohne Kartendarstellung. Die Forschenden betonen die aktive Beteiligung beim Überwachen der Automatisierung.
Die US-Luftfahrtbehörde FAA empfiehlt entsprechend Training und geeignete Gelegenheiten für manuelles Fliegen. Das unterstützt die Warnung vor fehlender Praxis. Es belegt keinen einheitlichen Leistungsverlust aller Piloten und keinen allgemeinen biologischen Vorgang, bei dem das Gehirn nutzlos gewordenen „Ballast“ abwirft.
J · Das Ende ganzer Kreativberufe ist eine Prognose
Bei 53:03–55:24 verbindet Precht die Sorge um kulturellen Rückschritt mit weitreichenden Berufsaussagen: Simultandolmetschen und Synchronsprechen hätten keine Zukunft, Fotografie kaum noch; Maschinen würden Menschen in Kreativität übertreffen. Das sind Prognosen. Dass KI einzelne Aufgaben übernimmt und Märkte verändern kann, erlaubt keine gesicherte Aussage, wann oder ob ein ganzer Beruf verschwindet. Für „Kreativität“ fehlt zudem ein einziger Maßstab, der sämtliche künstlerischen Leistungen und ihren persönlichen Wert erfasst.
Die ILO-Untersuchung zur generativen KI und beruflichen Exposition unterscheidet deshalb Aufgabenpotenzial von tatsächlichem Arbeitsplatzverlust. Sie hält die Veränderung vieler Berufe für wahrscheinlicher als deren vollständige Ersetzung. Das garantiert keinem einzelnen Beruf Sicherheit. Es trägt aber auch keine pauschale Untergangsprognose. Die Freude am eigenen Schreiben, Fotografieren oder Gestalten bleibt ohnehin eine andere Frage als der wirtschaftliche Preis einer Dienstleistung.
K · 64 gegen 30 Prozent: ein Schachversuch mit zwei Formen der KI-Hilfe
Bei 56:03–56:19 nennt Lanz die beiden Prozentwerte als Ergebnis zu Kindern, die erst selbst üben oder jederzeit KI abrufen können. Laut Darstellung der Forschenden nahmen über 200 Schachlernende zwölf Wochen an einem randomisierten Training teil. Beide Gruppen erhielten automatisch Hinweise an bestimmten Stellen. Nur eine Gruppe konnte zusätzlich jederzeit per Knopf Hilfe anfordern. Deren gemessener Leistungszuwachs betrug 30 statt 64 Prozent. Die Arbeitsfassung untersucht damit ein bestimmtes Schachtraining, keine allgemeine Steigerung kindlicher Intelligenz.
Die Forschenden berichten geringere selbstständige Testleistungen und weniger Übung in der Gruppe mit frei abrufbarer Hilfe. Der wichtige Unterschied liegt im Aufbau der Unterstützung. Der Versuch verglich keine völlig KI-freie Gruppe mit einer KI-Gruppe. Auch handelt es sich um fachbezogene Leistungszuwächse, nicht um Prozentpunkte auf einer universellen Denkfähigkeitsskala.
L · Eine feste Fünf-Minuten-Regel wurde damit nicht getestet. Die bei 56:19–56:39 abgeleitete Wartezeit vor jeder KI-Frage kann eine praktische Anregung sein. Der beschriebene Versuch bestimmt aber weder fünf Minuten als optimale Dauer noch belegt er, dass die Kinder entsprechend handelnder Eltern allgemein intelligenter und weiser werden. Die nötige eigene Auseinandersetzung hängt von Aufgabe und Vorwissen ab.
M · KI als Lernpartner kann helfen, ein bestimmter Fragetyp garantiert es nicht
Lanz empfiehlt anschließend Verständnisfragen, Widerspruch und Rückmeldung zum eigenen Lösungsweg; damit lasse sich der Lerneffekt fast vollständig bewahren. Die Richtung passt zu Forschung über gezielte Lernunterstützung. In einem randomisierten Experiment im Mathematikunterricht milderte ein Tutor mit didaktischen Schutzvorgaben die Nachteile eines offeneren KI-Zugangs bei späteren Prüfungen ohne Hilfe weitgehend. Das ist ein konkreter Befund zu einer bestimmten Umsetzung und kurzfristigen Ergebnissen.
Eine randomisierte Studie zur Physikeinführung an einer Universität fand mit einem eigens aufgebauten KI-Tutor sogar größere unmittelbare Lernfortschritte als im Vergleichsunterricht. Vorgegebene Lösungswege, passende Rückmeldungen und schrittweise Aufgaben waren Teil des Systems. Daraus lässt sich keine Garantie ableiten, die bloße Bitte um einen „Sparringspartner“ sichere überall den Lernerfolg. Ein guter Maßstab bleibt, ob man den Gedankengang später selbst erklären und auf eine neue Aufgabe anwenden kann. Das ist eine redaktionelle Folgerung aus den unterschiedlichen Versuchsanordnungen, kein eigener experimenteller Nachweis.
N · Die fünf Prozent aus Texas beziehen sich auf ein Unternehmen und beobachtetes Verhalten
Die abschließende Zahl bei 58:45–01:00:09 hat einen realen Ursprung. Die University of Texas at Austin und KPMG berichteten über acht Monate und rund 1,4 Millionen KI-Interaktionen. Etwa fünf Prozent der untersuchten Nutzenden zeigten durchgehend die als anspruchsvoll eingestuften Verhaltensweisen. Dazu gehörten klare Ziele, Nachfragen und Überarbeitung. Das ist keine repräsentative Erfolgsquote aller KI-Nutzenden.
Der später veröffentlichte Forschungsentwurf nennt 713.564 Eingaben plus die zugehörigen Modellantworten und knapp 4.000 Chat-Nutzende im Backoffice. Er unterscheidet also Eingaben, Antworten, Gespräche und Personen. Vor allem begrenzen die Autoren die Aussage selbst: Sie können weder die Qualität der Arbeitsergebnisse noch Produktivität direkt messen. Ihre KI-gestützte Auswertung klassifiziert Verhaltensmerkmale. Dass diese Merkmale auftreten, beweist noch nicht, dass jede schwierige Aufgabe besser gelöst wurde. Auch der Superlativ einer „größten“ Analyse ist kein Ergebnis dieser Untersuchung.
Was von der Warnung übrig bleibt
Der Podcast stellt eine berechtigte Frage: Was wird aus einer Fähigkeit, wenn wir sie kaum noch selbst anwenden? Die geprüfte Forschung bietet dafür konkrete Risiken und zeigt zugleich, wie verschieden KI-Einsatz aussehen kann. Eine richtige Antwort während der Nutzung ist noch kein Beleg für eigenständiges Verstehen danach. Umgekehrt bedeutet die Nutzung einer äußeren Hilfe nicht automatisch, dass Denken verlorengeht.
Belastbar ist daher eine begrenzte Schlussfolgerung: Fehlende eigene Übung kann bei bestimmten Aufgaben Lern- und Leistungsnachteile begünstigen. Geeignet gestaltete Unterstützung kann solche Nachteile verringern und Lernen verbessern. Die Koloskopiequote, MRT-Veränderungen und Prozentwerte aus Schach oder Unternehmensdaten müssen dabei jeweils mit ihrem tatsächlichen Nenner, Versuchsaufbau und Geltungsbereich gelesen werden. Eine unausweichliche Verdummung der Gesellschaft oder das baldige Ende ganzer Berufe folgt aus diesen Studien nicht.
