Wie viel lässt sich über einen mutmaßlichen Hybridangriff sagen, solange die Täter nicht öffentlich benannt sind? Diese Frage zieht sich durch das Gespräch mit Florence Gaub bei Maischberger. Die Sicherheitsforscherin spricht über mit Sprengstoff bestückte Drohnen, russische Einflussoperationen, die Schwelle zum NATO-Bündnisfall, den Krieg gegen die Ukraine und Donald Trumps Druck auf Verbündete. Viele ihrer Aussagen sind strategische Bewertungen. Daneben nennt sie konkrete Zahlen und Tatsachenbehauptungen, die sich prüfen lassen.
Der wichtigste Befund vorweg: Die allgemeine russische Hybridbedrohung ist durch EU- und NATO-Dokumente gut belegt. Daraus folgt aber nicht automatisch, dass jeder ungeklärte Drohnenfund in Deutschland Russland zugerechnet werden kann. Ebenso ist ein militärischer Ausbau Russlands im Norden dokumentiert; ob und wann daraus ein Angriff auf einen NATO-Staat folgt, bleibt eine Prognose. Bei den Angaben zum russischen Angriff auf ein Einkaufszentrum in Krywyj Rih liegt Gaub bei der Zahl der Toten richtig, bei der Zahl der Verletzten etwas über den zunächst von UN und ukrainischer Polizei veröffentlichten Werten.
Was im Original gesagt wird
Der geprüfte Ausschnitt dauert knapp 18 Minuten und ist Teil der vollständigen Maischberger-Sendung vom 26. August 2026. Ab Minute 0:02 geht es um zwei Drohnenfunde, darunter einen Vorfall in Leipzig. Gaub bezeichnet solche Vorgänge als hybride Attentate Russlands, räumt aber zugleich ein, die Forensik der konkreten deutschen Fälle nicht zu kennen. Ab Minute 5:53 weitet sie den Blick auf Einflusskampagnen in NATO-Staaten und die Frage aus, wann eine Folge hybrider Vorfälle politisch als Angriff bewertet werden könnte. Ab Minute 9:41 folgen Aussagen zur Ukraine; ab Minute 15:07 zu Trump und asiatischen Verbündeten.
Russische Hybridaktivitäten: das Muster ist belegt, die Einzelfall-Attribution nicht
Gaubs Grundthese, Russland setze hybride Instrumente gegen europäische Staaten ein, ist keine Spekulation aus dem luftleeren Raum. Der Rat der Europäischen Union beschreibt eine anhaltende russische Kampagne aus Sabotage, Cyberangriffen, Informationsmanipulation und weiteren verdeckten Aktivitäten. Auch eine EU-Erklärung vom 13. Juli 2026 nennt konkrete russische Cyberstrukturen und Angriffe auf EU-Staaten und Partner.
Für einzelne Drohnenfunde gilt dennoch ein anderer Beweismaßstab. In der Regierungspressekonferenz vom 5. August wurde der Leipziger Fall behandelt, ohne eine abschließende öffentliche Täterzuordnung vorzulegen. Spätere Informationen der Bundesregierung sprechen von einer Sprengstoffdrohne und ordnen den Vorfall in die hybride Bedrohungslage ein. Eine solche Lagebeschreibung ist aber noch keine forensische Zurechnung zu einem Staat.
Gaub formuliert im Gespräch selbst vorsichtiger, als die zugespitzte Passage zunächst klingt: Sie sagt, sie kenne die spezifischen Einzelfälle nicht. Deshalb lautet die präzise Einordnung: Russische Hybridoperationen gegen Europa sind belegt; die russische Urheberschaft der angesprochenen deutschen Drohnenfälle ist öffentlich nicht abschließend belegt.
Kann eine Serie hybrider Angriffe Artikel 5 auslösen?
Gaub sagt, viele einzelne Vorgänge könnten sich politisch zu einem Angriff summieren. Das ist im Kern mit der NATO-Linie vereinbar. Im Vilnius-Kommuniqué hält die NATO fest, dass einzelne oder kumulative bösartige Cyberaktivitäten unter bestimmten Umständen die Schwelle eines bewaffneten Angriffs erreichen können. Bereits das Warschauer Gipfelkommuniqué erklärt, dass auch hybride Angriffe eine Entscheidung über Artikel 5 auslösen können.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es einen automatischen Zähler gibt, nach dessen zehntem Sabotageakt der Bündnisfall eintritt. Der NATO-Erklärung zu Artikel 5 zufolge treffen die Verbündeten die politische Feststellung im konkreten Fall. Auch die Reaktion ist nicht zwangsläufig ein umfassender Krieg: Jeder Mitgliedstaat leistet die Maßnahmen, die er für erforderlich hält. Gaubs Hinweis, eine Antwort könne abgestuft und asymmetrisch ausfallen, trifft diese Logik besser als die Vorstellung eines Automatismus.
Russlands militärischer Ausbau im Norden
Gaub verweist auf russische militärische Aktivitäten westlich des Landes, auf der Kola-Halbinsel und in der Arktis. Die NATO dokumentiert seit Jahren eine verstärkte russische Aktivität in der Arktis, einschließlich modernisierter Stützpunkte und Fähigkeiten. In ihrer Übersicht zu den Beziehungen zu Russland nennt sie den militärischen Ausbau im Ostsee-, Schwarzmeer-, Mittelmeer- und Arktisraum. Die Allianz bezeichnet Russland zugleich als bedeutendste und direkte Bedrohung für die Sicherheit ihrer Mitglieder.
Damit ist der beobachtbare Teil von Gaubs Aussage belegt. Ihre weitergehende Einschätzung, Russland könne nach dem Ukrainekrieg einen begrenzten Vorstoß im Baltikum zur Machtdemonstration wagen, ist dagegen eine Szenarioanalyse. Ihre Formulierung von einem eigenen Gefühl von etwa 70 Prozent ist weder Geheimdienstlage noch statistische Prognose. Sie lässt sich nicht als Tatsache verifizieren und sollte auch nicht so verstanden werden.
Der Angriff auf Krywyj Rih: 16 Tote, aber abweichende Verletztenzahlen
Ab Minute 9:41 spricht Gaub über einen russischen Angriff auf ein Einkaufszentrum in Krywyj Rih. Das UN-Menschenrechtsbüro in der Ukraine dokumentierte zwei weitreichende Drohnen, die das belebte Zentrum trafen. Nach dem dort veröffentlichten Stand starben 16 Menschen, 128 wurden verletzt, darunter 23 Kinder. Die ukrainische Nationalpolizei nannte 16 Tote und 130 Verletzte. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte in einer frühen Ansprache zunächst von 14 Toten und mehr als 100 Verletzten gesprochen.
Gaubs Zahl von 16 Toten stimmt damit. Die von ihr genannten 136 Verletzten lagen über den überprüften Ständen von UN und Polizei. Opferzahlen können sich nach einem Angriff ändern; in den öffentlich zugänglichen Primärquellen, die diesem Faktencheck zugrunde liegen, sind 128 beziehungsweise 130 Verletzte dokumentiert. Das Gesamtbild – ein Angriff mit sehr vielen zivilen Opfern – bleibt davon unberührt.
Gewinnt die Ukraine gerade?
Gaub sagt, die Ukraine befinde sich in ihrer besten Position seit Jahren, bestimme das Tempo und beginne zu gewinnen. Das sind zusammenfassende militärstrategische Bewertungen, keine einzelnen messbaren Tatsachen. Man kann Geländegewinne, Drohnenproduktion, Angriffsfrequenz, Verluste, Luftabwehr und Verhandlungspositionen untersuchen – doch aus keinem dieser Indikatoren allein folgt objektiv das Etikett "gewinnt".
Ihre anschließende Zahlenangabe ist genauer einzuordnen. Gaub nennt etwa 40.000 russische Verluste in den vergangenen ein oder zwei Monaten und weist selbst darauf hin, dass es ukrainische Zahlen seien. Das ukrainische Verteidigungsministerium bezifferte die russischen Personalverluste für Juli auf 42.860. Das stützt die Größenordnung als ukrainische Schätzung, nicht als unabhängig bestätigte Zahl getöteter Soldaten. Der Begriff Personalverluste kann Tote und Verwundete umfassen; Kriegsparteien veröffentlichen zudem Zahlen mit begrenzter unabhängiger Prüfbarkeit.
Auch Gaubs These, russische Angriffe auf zivile Ziele zeigten militärische Schwäche, ist eine Interpretation. Der zivile Charakter des Angriffs in Krywyj Rih ist durch die UN-Beobachtung belegt. Aus der Zielwahl allein lässt sich jedoch nicht eindeutig der Gesamtzustand der russischen Streitkräfte ableiten.
Abschreckung, Gegenmaßnahmen und Recht
Gaub plädiert dafür, hybride Angriffe nicht nur defensiv abzuwehren, sondern deren Urheber durch Informationsmaßnahmen, Sanktionen und andere Gegenreaktionen stärker abzuschrecken. Welche konkreten offensiven Maßnahmen rechtlich zulässig, wirksam und eskalationsarm wären, ist eine politische und juristische Debatte. Dass EU und NATO bereits Sanktionen, öffentliche Attribution, Cyberabwehr und koordinierte Reaktionen einsetzen, ist dokumentiert. Nicht belegt ist dagegen, dass eine bestimmte Gegenkampagne zwangsläufig abschreckt oder keine Eskalationsrisiken erzeugt.
Donald Trump als "Kriegspräsident"
Zum Schluss bewertet Gaub Trumps Außenpolitik und den Druck auf Südkorea, Japan und Australien. Bezeichnungen wie "Kriegspräsident" oder die Aussage, höhere NATO-Verteidigungsausgaben seien sein einziger außenpolitischer Erfolg, sind politische Urteile. Sie können diskutiert, aber nicht mit einem binären Faktenurteil versehen werden. Prüffähig wären einzelne Haushaltszahlen, Abkommen oder konkrete Forderungen; die Bilanz eines Präsidenten hängt dagegen von Kriterien und Gewichtung ab.
Der Faktencheck in Kürze
- Belegt: Russland führt hybride Aktivitäten gegen europäische Staaten durch; EU und NATO dokumentieren Cyberangriffe, Sabotage und Informationsoperationen.
- Nicht abschließend belegt: Die konkrete russische Urheberschaft der angesprochenen deutschen Drohnenfälle.
- Richtig mit Kontext: Kumulative hybride oder Cyberangriffe können politisch die Schwelle zu Artikel 5 erreichen; es gibt aber keinen Automatismus.
- Belegt: Russland hat seine militärische Präsenz und Fähigkeiten im hohen Norden und an der NATO-Peripherie ausgebaut.
- Prognose: Eine künftige russische Aktion im Baltikum und Gaubs 70-Prozent-Einschätzung sind nicht als Tatsachen prüfbar.
- Größtenteils richtig: In Krywyj Rih starben 16 Menschen; UN und Polizei nannten 128 beziehungsweise 130 Verletzte statt 136.
- Als ukrainische Schätzung belegt: Rund 40.000 russische Personalverluste in einem Monat; keine unabhängig bestätigte Gesamtzahl.
- Bewertung: Die Ukraine "beginnt zu gewinnen" ist eine strategische Einschätzung, kein feststehender Fakt.
Transparenz zur Prüfung
Geprüft wurden der vollständige 17:57 Minuten lange tagesschau-Ausschnitt, die bereinigten YouTube-Autountertitel und die vollständige ARD-Sendung. Die Tatsachenbehauptungen wurden mit Dokumenten von EU, NATO, Bundesregierung, UN, ukrainischer Polizei und ukrainischem Verteidigungsministerium abgeglichen. Bei Kriegsverlusten wird die Herkunft der Schätzung ausdrücklich genannt; Prognosen und politische Bewertungen erhalten kein künstliches Richtig-oder-falsch-Urteil.
