Kurzfazit: Die naturwissenschaftlichen Kernaussagen im Gespräch sind überwiegend belastbar. Von 16 überprüften Tatsachenbehauptungen bewerten wir sechs als richtig, sechs als überwiegend richtig und vier als irreführend. Besonders klar belegt sind die Ozeanerwärmung und Europas überdurchschnittliche Erwärmung. Vorsicht ist bei pauschalen Szenarienvergleichen und ungenauen Bezugsgrößen geboten: „mehr als 60 Prozent Ökostrom“, „ein Drittel des kalifornischen Strommarkts über Batterien“ und der Vergleich eines Castor-Behälters mit Tschernobyl meinen sehr unterschiedliche Dinge.
Worum geht es im Podcast?
Im „heute journal – der podcast“ spricht Moderatorin Helene Reiner mit dem Astrophysiker und Wissenschaftsjournalisten Harald Lesch über Klimarisiken und politische Handlungsmöglichkeiten. Das Gespräch verbindet messbare Aussagen mit persönlichen Bewertungen und Forderungen. Dieser Faktencheck bewertet ausschließlich konkrete Tatsachenbehauptungen. Leschs moralische Positionen, seine Kritik an politischer Langsamkeit und seine Zukunftsvisionen sind Meinungen und werden nicht mit einem Wahrheitsurteil versehen.
Die Ozeane sind der zentrale Wärmespeicher
Lesch sagt bei 05:17 Minuten, die Wärmemenge in den oberen 2.000 Metern der Ozeane steige seit rund 30 Jahren. Das ist richtig. Messreihen von IPCC, NOAA und WMO zeigen einen langjährigen, deutlichen Anstieg des Wärmeinhalts. Der beobachtete Trend reicht sogar weiter zurück als die von Lesch grob genannten drei Jahrzehnte.
Wenig später sagt er, die Ozeane fingen mehr als 90 Prozent der globalen Erwärmung ab und kühlten nur langsam aus. Auch das ist richtig, sofern „globale Erwärmung“ fachlich als überschüssige Wärme im Klimasystem verstanden wird. Die WMO nennt inzwischen mehr als 91 Prozent. Die enorme Wärmekapazität des Wassers macht die Meere zu einem langfristigen Speicher; kurzfristige Schwankungen der Lufttemperatur ändern daran wenig.
Zu weit geht dagegen Leschs pauschale Aussage bei 04:48 Minuten, selbst die pessimistischsten Klimaszenarien der 1990er- und 2000er-Jahre seien noch viel zu optimistisch gewesen. Das ist irreführend. Der IPCC-Rückvergleich zeigt: Frühere Projektionen der globalen Oberflächentemperatur stimmten insgesamt gut mit späteren Beobachtungen überein, wenn die tatsächlich eingetretenen Emissionen berücksichtigt werden. Einige Meeresspiegelprojektionen und einzelne Prozesse in der Kryosphäre unterschätzten die Entwicklung. Diese wichtigen Ausnahmen rechtfertigen aber kein pauschales Urteil über sämtliche, erst recht nicht die pessimistischsten Szenarien.
Rekordhitze und die Grenzen der Kühlung
Reiner nennt 41,7 Grad in Brandenburg als höchste jemals in Deutschland gemessene Temperatur. Das ist überwiegend richtig: Zum Aufzeichnungszeitpunkt galt der Wert für Neißemünde-Coschen nach vorläufigem Datenstand als Rekord. Nach der Qualitätsprüfung korrigierte der DWD den Höchstwert jedoch auf 41,8 Grad in Möckern-Drewitz in Sachsen-Anhalt am 27. Juni 2026. Auch die Aussage, an Frankreichs Atlantikseite seien mehr als 44 Grad erreicht und Kernreaktoren wegen der hohen Flusstemperaturen angepasst oder abgeschaltet worden, ist richtig. Météo-France dokumentierte 44,3 Grad in Pissos; EDF meldete wetterbedingte Produktionsanpassungen, um Grenzwerte für die Gewässererwärmung einzuhalten. Es handelte sich um Umwelt- und Betriebsschutz, nicht um einen Reaktorunfall.
Leschs Satz „Wenn wir 42 Grad Fieber haben, sind wir tot“ ist überwiegend richtig, aber zu absolut. Eine Körperkerntemperatur oberhalb von 40 Grad kann einen Hitzschlag anzeigen und ist ein akuter Notfall. Um 42 Grad drohen massive Zell- und Organschäden. Es gibt jedoch keine punktgenaue Temperatur, bei der ausnahmslos und sofort der Tod eintritt; Dauer, Messmethode und medizinische Behandlung spielen eine Rolle.
1,5 Grad, Paris und die 2,8-Grad-Projektion
Die Zusammenfassung des Pariser Klimaabkommens ist richtig. Das Abkommen verlangt, die Erwärmung deutlich unter zwei Grad zu halten und Anstrengungen für eine Begrenzung auf 1,5 Grad zu unternehmen. Die Formulierung „möglichst 1,5 Grad“ ist alltagssprachlich, trifft den Sinn von Artikel 2 aber.
2024 sei das 1,5-Grad-Ziel erstmals temporär gerissen worden. Das ist überwiegend richtig. Laut WMO lag das globale Jahresmittel 2024 wahrscheinlich erstmals etwa 1,55 Grad über dem vorindustriellen Niveau. Ein einzelnes Kalenderjahr ist jedoch noch keine formale Überschreitung des langfristig gemittelten Pariser Temperaturziels. Die WMO erläuterte im Mai 2026, dass dieses Niveau typischerweise über etwa 20 Jahre bewertet wird. Das Wort „temporär“ ist deshalb entscheidend.
Die erwähnte Projektion von rund 2,8 Grad Erwärmung ist richtig. Der Emissions Gap Report 2025 des UN-Umweltprogramms kommt unter Fortführung der aktuellen Politik bis 2100 auf ungefähr diesen Wert. Es ist ein Szenario unter bestimmten Annahmen, keine unveränderliche Vorhersage.
Wie viel Ökostrom hat Deutschland wirklich?
Deutschland habe „heute weit über 60 Prozent“ erneuerbaren Strom im Netz, sagt Lesch bei 19:49 Minuten. Das ist überwiegend richtig. Für die öffentliche Nettostromerzeugung im ersten Halbjahr 2026 weist Fraunhofer ISE 61,8 Prozent aus. Beim Anteil am Bruttostromverbrauch waren es nach UBA rund 57 Prozent. Für das Gesamtjahr 2025 lagen weitere amtliche Werte ebenfalls unter 60 Prozent. Die Größenordnung passt also zu einer aktuellen Teiljahresstatistik, „weit über“ ist aber überzogen und der Bezugsrahmen bleibt unklar.
Bei Kalifornien wird die Verkürzung größer. Lesch sagt, dort könne man sehen, wie ein Stromsystem mit Batterien geregelt werde, und ein Drittel des Strommarkts laufe bereits über Batterien. Das ist irreführend. Kaliforniens Speicherflotte ist tatsächlich rasant auf nahezu 17 Gigawatt gewachsen. Die California Energy Commission bezeichnet das aber als ungefähr ein Drittel des für 2045 angestrebten Speicherziels. Die vorhandene Leistung könnte für einige Stunden rund ein Viertel der Spitzenlast decken. Zeitweise hohe Entladeanteile sind nicht dasselbe wie ein Drittel des gesamten Strommarkts oder eine dauerhafte Vollversorgung.
Umweltschädliche Subventionen: richtige Größenordnung, schwierige Verteilung
Das Umweltbundesamt habe 60 Milliarden Euro umweltschädliche Subventionen pro Jahr zusammengerechnet. Das ist überwiegend richtig. Die maßgebliche UBA-Auswertung nennt sogar 65,4 Milliarden Euro. Allerdings bezieht sie sich auf das Datenjahr 2018. Zudem hängt die Summe davon ab, welche Steuervergünstigungen, Beihilfen und sonstigen Vorteile in die Definition einbezogen werden.
Auch die Aussage, ein Liter Diesel werde mit 18 Cent subventioniert, ist überwiegend richtig. Das UBA nennt einen Energiesteuervorteil von 18,4 Cent je Liter gegenüber Benzin. Das ist eine steuerliche Begünstigung im weiteren Subventionsbegriff, keine direkte Zahlung an der Zapfsäule.
Dagegen ist die Behauptung, die Entfernungspauschale komme fast ausschließlich sehr reichen Haushalten zugute, irreführend. Der Vorteil wächst im Durchschnitt mit dem Einkommen, und das oberste Einkommenszehntel profitiert deutlich überproportional. Nach einer UBA-Auswertung entfielen 2021 aber etwa 1,7 von insgesamt 5,4 Milliarden Euro auf dieses Zehntel – rund 31 Prozent, nicht fast alles. Millionen Haushalte außerhalb der höchsten Einkommensgruppe nutzen die Pauschale ebenfalls.
Europa erwärmt sich besonders schnell
Lesch sagt gegen Ende des Gesprächs, Europa erwärme sich am schnellsten. Das ist richtig. Der gemeinsame Klimabericht von WMO und Copernicus bezeichnet Europa als den sich am schnellsten erwärmenden Kontinent; seine Erwärmungsrate liegt ungefähr doppelt so hoch wie im globalen Mittel.
Castor-Behälter und Tschernobyl: kein belastbarer Eins-zu-eins-Vergleich
In seiner Zukunftsvision spricht Lesch von 1.700 Castor-Behältern, von denen jeder so viel Radioaktivität enthalte, wie bei Tschernobyl freigesetzt worden sei. Das bewerten wir als irreführend. Offizielle Unterlagen der Bundesgesellschaft für Endlagerung rechnen eher mit ungefähr 1.900 Behältern. Vor allem aber vergleicht der Satz unterschiedliche Größen: die in einem abgeschirmten Behälter enthaltene Aktivität mit der bei einem Unfall tatsächlich in die Umwelt freigesetzten Aktivität. Ein seriöser Vergleich müsste mindestens Radionuklide, Bezugszeitpunkt, Zerfall und Freisetzungspfad festlegen. Die IAEA bilanziert Tschernobyl deshalb radionuklidspezifisch und nicht mit einer einzigen zeitlosen Gesamtsumme.
Fazit
Die große Linie des Gesprächs hält dem Faktencheck stand: Die Ozeane speichern den weitaus größten Teil der zusätzlichen Wärme, 2024 lag als einzelnes Jahr über 1,5 Grad, Europa erwärmt sich besonders schnell und aktuelle Politik führt nach UN-Modellen eher in Richtung 2,8 Grad. Fehleranfällig werden die Aussagen dort, wo unterschiedliche statistische Größen in einen knappen Satz gepresst werden. 61,8 Prozent öffentliche Nettostromerzeugung sind nicht dasselbe wie der Anteil am Bruttostromverbrauch; zeitweise hohe Batterieeinspeisung ist kein Drittel eines ganzen Strommarkts; gespeicherte und freigesetzte Radioaktivität sind nicht direkt vergleichbar. Die korrekten Klimadaten werden durch solche Überzeichnungen nicht widerlegt – sie sollten aber ebenso präzise kommuniziert werden wie die Risiken, die sie beschreiben.
